Roland Dürre
Sonntag, der 4. Juli 2010

Geheime Wahl

Heute (4. Juli) ist in Bayern der Volksentscheid zum Nichtraucherschutz.

Gestern war ich am Kirchsee bei Holzkirchen. Ein smaragdenes Kleinod direkt unter dem Kloster Reutberg. An den Badestegen war das Wasser mit einer leichten Schicht von Sonnenöl bedeckt. In dieser Schicht schwammen viele Zigarettenkippen.

Das hat mich dann nochmal motiviert, heute auf jeden Fall meine Stimme abzugeben. War dann gleich heute morgen wählen. Auf dem ersten Blick war es eine Wahl wie alle anderen.

Dann habe ich aber Besonderheiten entdeckt.

Zuerst mal ist der Wahlzettel ganz einfach und sehr überschaubar. Man kann nur „Ja“ und „Nein“ ankreuzen. Eine „bool’sche“ Logik, wie sie mir als Informatiker vertraut ist. Natürlich habe ich „Ja“ (TRUE, ON) gewählt.

Vor dem Wahllokal ist mir aufgefallen, dass dies keine geheime Wahl ist. Zu leicht waren die Raucher an ihren faltigen und zerfurchten Gesichtern und ihrer ausgemergelten Haut zu erkennen, zu eindeutig die jungen Familien als Nichtraucher zu identifizieren.

🙂 Bei dieser Wahl hätte man ein „Vermummungsgebot“ einführen müssen, um das Wahlgeheimnis zu wahren.

Aber meine ernsthafte Bitte: Bitte geht zur Wahl! Ich glaube, dass diese Wahl in Bayern richtungsweisend für Deutschland und das noch nicht rauchfreie Europa sein wird. Es geht um moderne Strukturen und nicht um eine vermeitliche Freiheit. Vorfahrt für Raucher passt nicht mehr in eine moderne Gesellschaft, genauso nicht wie freie Fahrt für freie Bürger. Das war gestern!

Die Welt schaut auf Bayern. Und die Bayern haben es in der Hand, ob sie auch durch Nichtraucherschutz in Zukunft in einem modernen und konkurrenzfähigen Staat leben und so die Nase weiter vorne haben dürfen oder ob wir als ewige-gestrige auch im ökonomischen Wettbewerb auf die Hinterbank rutschen werden.

RMD

P.S.

Die beiden wunderschönen Bilder habe ich aus dem zentralen Medienarchiv Wikimedia Commons eingebunden. Sie sind aus dem Jahre 2007, aufgenommen und eigenes Werk von Rufus46. Die Bilder zeigen den Kirchsee bei Sachsenkam in Oberbayern, das erste mit Kloster Reutberg, das zweite mit Blick auf Brauneck und die Benediktenwand.

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7 Kommentare zu “Geheime Wahl”

  1. Hans Bonfigt (Sonntag, der 4. Juli 2010)

    Guten Tag Herr Dürre !

    Als Nichtraucher, genauergesagt als Mensch, der nicht raucht, habe ich
    heute morgen dennoch gegen den Volksentscheid gestimmt.

    Mir gehen die omnipräsenten Zigarettenkippen ebenfalls gehörig auf
    den Senkel – genau wie die überall herumliegenden Flaschen, „Fast-
    Food“-Verpackungen, Kaugummireste etc. pp..
    Mindestens genauso widert es mich an, wenn Idioten fabulieren,
    „Der Englische Garten ist zu dreckig, *weil* zu wenig Mülltonnen
    aufgestellt sind“. Hallo ? Jemand zuhause ? Geht’s noch ?
    Der Englische Garten ist zu dreckig, weil wir zuviel asozialen Abschaum
    unter uns haben, den wir zu allem Überfluß auch noch kräftig subven-
    tionieren.

    Aber wollen Sie Menschen verbieten, dedizierte Raucherlokale zu
    betreiben, nur weil sich ein gewisser Teil der Raucher asozial
    verhält ? Wo will man mit den Reglementierungen anfangen – und
    wo aufhören ? Ich beispielsweise fühle mich durch die „SCHLAAAAND“-
    Gröhler mit ihren blöden Tröten deutlich mehr belästigt – und zwar
    in von mir genutzten öffentlichen Verkehrsräumen, z.B. dem Münch-
    ner Hauptbahnhof. Schlimmer aber: Viele Menschen trauen sich
    einfach nicht mehr in die Innenstadt, ibs. abends. Müßte man hier
    nicht auch konsequenterweise Grundrechte anderer schützen ?

    Wenn in einer Schulklasse mit 30 Kindern 29 dafür sind, dem 30. die
    Ohren abzuschneiden, ist das dann Demokratie oder Terrorismus ?
    Daß man in öffentlichen Gebäuden nicht durch Raucher belästigt
    werden darf, versteht sich von selbst und ergibt sich außerdem
    sonnenklar aus Artikel 2 Grundgesetz. Aber genau ebenda wird auch
    das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit an ganz prominenter
    Stelle garantiert. Wer sollte also einen Wirt hindern, ein Lokal zu
    eröffnen, in dem das Rauchen erlaubt ist ? Kein Nichtraucher ist
    gezwungen, dort hinzugehen !

    Und wenn wir über Gefahren des Rauchens sprechen (meines Erach-
    tens ist die Schlimmste das extrem hohe, das Heroin noch übertref-
    fende Suchtpotential, sodaß das „kontrollierte“, seltene Genußrauchen
    faktisch unmöglich ist), dann sollte die Regierung bitte die Konse-
    quenzen ziehen und Tabak *sowie höher konzentrierten Alkohol*
    schlichtweg komplett verbieten und den Vertrieb hierzulande ein-
    stellen – das wäre einmal eine saubere Entscheidung. Trauen Sie die
    unserer Regierung zu ?

    Solange man aber den Raucher ausnimmt wie eine Weihnachtsgans
    und solange Erwerb und Konsum von Tabak legal sind, muß es auch
    legal sein, diesen in einer Gaststätte zu konsumieren – solange man
    andere nicht belästigt.

    Ganz allgemein geht mir der Regulierungswahn speziell der soge-
    nannten „Grünen“ ganz fürchterlich auf den Zeiger, es ist nicht nur
    die Forderung nach weiterer Raucherschikane, sondern z.B. die
    nach
    – Ausgangsverbot für Männer ab 22:00 (kein Witz)
    – Currywurstverbot (Künast)
    – Deutschquote für Radioschlager (Antje Vollmer)
    etc., pp..

    Schlimm, unter der Regierung der Unanständigen zu leben.
    Aber Gott behüte uns vor der Regierung der Anständigen !

    Ich weiß nicht mehr, wo ich dieses Bonmot aufgeschnappt habe,
    aber nie war es so wertvoll wie heute !

    Gruß, Hans Bonfigt

  2. rd (Sonntag, der 4. Juli 2010)

    Hallo Hans,

    bin im Prinzip völlig bei Ihnen (mit kleinen Ausnahmen). Stimme auch den meisten Ihrer Argumenten mehr oder weniger zu. Und wünsche mir auch mehr Freiheit und weniger Regelung (an die sich übrigens eh bald keiner mehr halten wird, trotz eines immer dominanter werdenden Überwachungsstaates).

    Rauchen ist für mich da eine Ausnahme. Erstens gibt es bei mir eine negative persönliche Erfahrung (15 Jahren meines Lebens war ich Intensiv-Raucher). Und ich fühle mich auch heute noch rein gelegt – und hatte dann große Schwierigkeiten, aufzuhören. Deshalb begrüße ich die Ausgrenzung des Rauchen soweit möglich aus dem öffentlichen Raum.

    Und hoffe, dass so auch weniger Jugendliche von diesem Thema erreicht werden (in der Vergangenheit war die Tabak-Werbung durchaus auf die Ansprache von jungen Menschen ausgelegt). Es geht mir also prior um die Jugendlichen aber auch um die Menschen, die in Gaststätten arbeiten müssen. Die haben gar keine Chance, dem Rauch zu entkommen oder wenn Raucher zum Nichtraucher zu werden.

    Zum zweiten: Rauchen schädigt die Luft in geschlossenen Räumen. Die Luft ist dort ein wichtiges gemeinsames Gut für alle Teilnehmer. Der Raucher ist in diesem Fall wie eine Fabrik an einem Fluss, die den Fluss vergiftet. Das Wasser aber von allen anderen Anwohnern getrunken werden muss. Das ist ein wenig anders als bei Alkohol etc.

    Zu den Rauschgiften (Tabak, Alkohol, Marihuana und Heroin): Ich würde keines verbieten sondern alle freigeben, die Abgabe aber stark kontrollieren (Zum Beispiel Bezugsscheine für Heroin-Süchtige). So würden zumindest die Drogen-Kriminalität beendet werden. Aber die Menschen und besonders die Jugend aufklären. Und den Opfern bei Integration helfen. Und Bewusstsein schaffen. Und vielleicht durch eine Werteveränderung ein bisschen mehr zu gelingendem Leben beitragen in der Hoffnung dass dann weniger in Drogen geflüchtet werden muss.

    Wo ich nicht zustimme:

    Gerade als Radler bin ich täglich entsetzt, wie viel Müll aus den Autos am Strassenrand landet. Und wenn ich spät Abend im Hachinger schwimme und als letzter das Bad verlasse, bin ich verständnislos, wie die Liegewiese vermüllt ist. Da bin ich dann auch immer sehr befremdet, würde aber nicht von asozialem und subventioniertem Abschaum reden, sondern eher von „missglückter“ Kinderstube.

    Und zu den Schlaand-Grölern. Sicher sind besoffene Fußballfans nicht jedermanns Sache. Aber so schädlich wie Tabakrauch wirken sie zumindest auf meine Lungen und auch auf meine Ohren nicht. Und mein Schlaf wird mehr von Flugzeugen und Autolärm beeinträchtigt.

    Und zu den Raucherkneipen: Echte Raucherclubs werden immer das Recht haben, als solche zu existieren. Wenn ich aber eine Band hören will, und dazu aber erst „Mitglied“ werden und dann in den Rauch muss, dann hat das nichts Raucherkneipe zu tun. Werde übrigens nach einem Rauchverbot wieder besonders viel in diese Kneipen nach Schwabing und woanders hin gehen und immer eine kräftige Zeche machen 🙂

    Könnte noch lange dazu schreiben …

    Aber vielleicht sehen wir uns ja demnächst mal zu diskutieren …

  3. Hans Bonfigt (Sonntag, der 4. Juli 2010)

    Nur gaaaanz kurz:

    Selbst habe ich es auf 20 Jahre Rauchen gebracht und 1998 aufgehört.
    Bestätigung: Es ist unerwartet schwierig bis fast unmöglich. Insofern ist Tabak eine böse, gefährliche Suchtfalle.
    Mir hat aber die Raucherei sehr oft auch viel Genuß gebracht und vor allem beim Programmieren durchaus auch geholfen, ruhig und besonnen zu bleiben.

    Dennoch heiligt auch der sinnvollste Zweck nicht alle Mittel, zumal punktum neue Begehrlichkeiten geschaffen werden: Erst Rauchverbot, dann Burkaverbot …

    Zum „asozialen Abschaum“ sehe ich keinen Widerspruch: Fehlende Kinderstube gebiert eben diesen. Und damit sind nicht nur die Jungs auf der Straße gemeint:
    Habe soeben den ICE 514 verlassen; Sie würden mir nicht glauben, was für einen Saustall die IPhone-Träger in der 1. Klasse hinterlassen haben, es spottet jeder Beschreibung. Ganz klar, unsere Elite.
    Meine etwas rustikale bis drastische Ausdrucksweise ist das Resultat eines achtjährigen Aufenthaltes in Köln in unmittelbarer Nähe zum Müngersdorfer Stadion.
    Sie sind Alltagsradler ? Dann können Sie sich glücklich schätzen, in Bayern zu wohnen ! Meine Frau und ich fahren knapp 10.000 Km pro Jahr; in Köln mußte ich mindestens jeden Monat eine Reifenpanne beheben (der Rheinländer läßt buchstäblich alles unter sich gehen, insbesondere aber Glasflaschen), hier in Bayern waren es in über sechs Jahren genau zweimal. Wir konnten sogar vom sehr pannensicheren „Marathon XR“ auf den wesentlich laufruhigeren und rutschsicheren „Top Contact“ von Continental umstellen.
    Für jemanden, der aus NRW zureist, ist Bayern ein Musterländle. In Köln lernt man die alltäglichen Besudelungen und Devastationen hassen.

    Im übrigen habe ich meine Chefin und mich nachgerade klammheimlich zu dem Vortrag „Keine Panik“ angemeldet und auch eine Einladung bekommen, über die ich mich sehr freue: Das ist nämlich genau das Thema, über das ich seit vielen Jahren auf diversen Veranstaltungen referieren wollte, aber nie durfte.

    Es würde mich aufrichtig freuen, Sie dort persönlch kennenzulernen, nachdem ich währen diverser Krankenhausaufenthalte sehr viel Freude am IF-Blog hatte.

    Gruß HB

  4. JUS (Montag, der 5. Juli 2010)

    Volksbegehren finde ich im Grundsatz gut, als Raucher sehe ich das Thema natürlich etwas anders als der Verfasser oder die bisherigen Kommentatoren.

    Was mir so richtig auf die Nerven geht ist die Scheinheiligkeit!
    Natürlich darf auf dem Oktoberfest, diesem unsäglichen Besäufnis, wo ganz legal der Droge Alkohol bis zum Augenstillstand zugesprochen werden darf, weiterhin in den Bierzelten geraucht werden.
    Wenn, dann bitteschön konsequent, aber dazu haben die Leute den Ar*** mal wieder nicht in der Hose.
    Entweder oder!

    Aber dass die Welt auf Bayern schaut oder aber dass sich die moderne Gesellschaft dadurch auszeichnet, daß sie rauchfrei ist und daß man solches durch Gesetze regeln muß, ist mir bisher entgangen.
    Daß die Welt auf Bayern schaut glaube ich eher gar nicht (viel zu unbedeutend als eines von 16 Bundesländern) und wenn Reglementierungen eine moderne Gesellschaft auszeichnen, bleibe ich lieber gestrig und handel nach gesundem Menschenverstand, was vielen Mitbürgern leider abgeht woraufhin solche Gesetze offensichtlich als notwendig erachtet werden.

    JUS

  5. Chris Wood (Montag, der 5. Juli 2010)

    Natürlich schaut die Welt auf Bayern. Das letzte Fußball-Ergebnis war Bayern-München 3, sonstige Deutsche 1, Argentinien 0.
    Als mäßig-fanatischer Anti-Raucher, stimme ich hier fast alles zu. Ich durfte aber nicht abstimmen. Ich hoffe dass privat Raucher-Clubs erlaubt sind, solang die echt sind.
    Ich zweifele ob Rauchen dem Hans bei seiner Arbeit je geholfen hat. Rauchen hat damals sicherlich nur sein sucht befriedigt. Ich lese immer wieder von neuen Erkenntnissen über Tabak Schäden, z.B. als Ursache von Depression oder Infertilität. Nikotin, auch ohne Rauch, verursacht Lungenkrebs.
    The only way that smoking helps, is that the people who go outside to smoke meet each other and exchange information. This may be better for the job than staring at a PC all day.
    I am particularly saddened when I see a young mother smoking. It is almost as bad with schoolgirls. The babies now or later have no choice. It may well be that girls start smoking as a subtle (unconscious?) signal that they are risk-takers, and thus available for sexual adventures. An English friend of mine told me „if she smokes, she pokes“. I have no idea why boys smoke, as they do not need to give this signal.
    There are too many loopholes in the present regulations. Even in summer, it is hard for me to escape the smell of tobacco when I eat out.

  6. Hans Bonfigt (Mittwoch, der 7. Juli 2010)

    Hi Chris !
    I’m quite sure that cigarettes helped me in some typical ‚programmer situations‘. Especially when testing a new system, i tend to get in a mood which can be descibed best as a mixture of nervousity and impatience: „Will it run or not ? Did i make a conceptual mistake ?“. This kind of confusion really prevented me from working with the necessary care.

    In such a situation, a strong cigarette such as ‚Roth Händle‘ or ‚Player’s Navy Cut‘ (my favourite brands, without any filter) will calm you down reliably just within one minute.

    Nevertheless i quit approximately 15 years ago, initially not intending to save my health but to disburden myself from addiction caused by the nicotine.

    Please excuse my poor knowledge of the english languange – Hans

  7. edwin (Freitag, der 9. Juli 2010)

    Nun – ich hab im Prinzip nichts dagegen, dass in der Echkneipe, wo der Wirt und seine einzigen 4 Stammgäste Kettenraucher sind, geraucht wird.

    Aber ich habe für das „Rauchverbot“ gestimmt und bin froh dass es eine Mehrheit gefunden hat, denn die Raucher haben es übertrieben:
    – Ich war kürzlich bei einem Italiener essen und als an der Bar, etwa 3 Meter von uns entfernt, geraucht wurde, erklärte mir der Kellner, die Bar wäre der Raucherbereich.
    – Ein Café nahe an meinem Büro erklärte sich kurzerhand zum Raucherclub, ich solle Mitglied werden damit ich dort einen Frühstückskaffee trinken darf
    – Meine Kinder sind heilfroh, dass sie jetzt nicht mehr nach Rauch stinken werden, wenn sie abends weggehen.

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