Roland Dürre
Samstag, der 26. Oktober 2013

Geschichte von und Leitfaden für PM-Camp

(und barcamps allgemein)

Weiterbildung und -entwicklung sind für jeden Menschen wichtig. Barcamps sind als Ergänzung zum “Selbststudium” und dem Arbeiten an der Seite eines Meisters (im Sinne von craftsmanship) die beste Möglichkeit, die eigene Lernkurve durch die Erfahrung Dritter zu bereichern.

In traditionellen Lernsituationen lernt man vielleicht 90 % vom “Lehrer” und 10 % von den Mitgliedern der Gruppe. In fortgeschrittenen ändert sich dieses Verhältnis in Richtung der Teilnehmer. In den besten Seminaren geht das bis zu 30 : 70 %. Bei barcamps werden 90 % und mehr des Lernfortschritts vom Wissen und der Erfahrung der Teilnehmern generiert! Hier öffnen sich Menschen und teilen ihr Erlebtes, Erfahrenes und Erlerntes.

Das ist face-to-face gelebtes “Open Source” auf einer freien Veranstaltung. Kommunikation wird auf Augenhöhe erlebt, gestützt vom emphatischen Erleben von Menschen, die man schon lange gut kennt oder gerade erst kennen gelernt hat. Vertrauen entwickelte sich sozusagen aus dem “Nichts”. Es wird viel gelernt, nicht nur das Fachliche sondern auch das “Persönlichkeit fördernde” betreffend.

Kornelia Hietmann, Eberhard Huber, Jens Hofmann, Dr. Marcus Raitner, Dr. Stefan Hagen und ich (Roland Dürre) waren in 2011 der Meinung, dass die Zeit reif wäre für ein barcamp für Projekt Manager, Unternehmer, Führungskräfte und Manager. Das erste PM-Camp war im November 2011 in Dornbirn. Schnell wurden in 2012 zwei daraus, das erste in Wien und das zweite wieder in Dornbirn. In diesem Jahr hatten wir schon vier – in Wien, Stuttgart, Bad Homburg (Rhein/Main) und Berlin. Und jetzt sehen wir uns beim 3. PM-Camp in Dornbirn.

Warum und weshalb sind barcamps so erfolgreich?

Ein barcamp lebt von den Menschen, die teilnehmen. Die Ausprägung und der Erfolg, die Freude und der Spaß, die Qualität der Diskussionen und der Ergebnisse, das Maß des Erkenntnisgewinnes, das Entwickeln von Konsens, das Erleben der Begegnungen und das Entstehen neuer Kontakte und Beziehungen, all dies und vieles bewirken die Menschen, die Teil nehmen, ihre Erfahrung einbringen und ihr Wissen teilen.

So übernehmen alle Teilnehmer Verantwortung für das Gelingen des “Camps”.

So ist es auch beim PM-Camp. PM-Camp nennen wir unser barcamp für Projekt Management (PM). “Projekt Management” dient dabei als Metapher für Führung, Management und Entrepreneurship. So will PM-Camp Menschen erreichen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und unsere Zukunft gemeinsam und sozial gemeinsam mit anderen Menschen zu gestalten.

Jedes PM-Camp wird von einem lokalen “Orga-Team” organisiert, das in der Regel aus 3 – 5 Menschen besteht, die ehrenamtlich als Veranstalter tätig sind. Sie planen, kommunizieren und bereiten die Veranstaltung vor und bemühen sich, gemeinsam mit PM-Camp-Protagonisten und den Freunden von openPM alles möglichst gut zu organisieren.

Die ideale Teilnehmerzahl soll sich zwischen 50 bis 100 Teilnehmer bewegen, damit das Camp seinen menschlichen Charakter nicht verliert. Der Termin wird mit anderen PM-Camps abgestimmt um Überschneidungen zu vermeiden. Dank Sponsoren können die Beiträge für Teilnehmer gering gehalten, dabei wird darauf geachtet, dass die Unabhängigkeit der PM-Camps gewahrt wird. In der Regel laden Orga-Teams auch noch ganz wenige Impulsredner ein.

PM-Camp ist die ergänzende Face2Face-Bewegung zu openPM. Neben der virtuellen Plattform openPM kümmert sich PM-Camp um die Organisation der Treffen “von Angesicht zu Angesicht”.

In der Regel dauert ein PM-Camp zwei Tage. Tagsüber heißt es “work hard” und am Abend des ersten Tages “party hard”. Oft treffen sich Teilnehmer schon am Abend vor dem PM-Camp zu einem gemütlichen Zusammensein oder walk&talk – einfach um alte Freunde wieder zu treffen und sich schon ein wenig aufs PM-Camp einzustimmen.

Dann ist es soweit – das PM-Camp findet statt. Die Teilnehmer treffen sich zur vereinbartem Zeit am vereinbarten Ort, vielleicht findet ein wenig “ice-breaking” statt, das Org-Team erinnert an die zentralen Barcamp-Regeln (“was passiert ist richtig”, “vorbei ist vorbei”, “Gesetz der Füße”, “Freiheit” …). Und dann geht es los! “Aus Konsumenten werden Produzenten” und ganz schnell entsteht ein wunderbarer Session-Plan.

In einem Satz:
PM-Camp wie barcamps sind so erfolgreich, weil sie in der Tat nicht nur inhaltlich selbstorganisiert und selbstbestimmt funktionieren!

barcamps und PM-Camp (3) – “Typologie der Sitzungen”

Die Sitzungen (Sessions) sind das Herzstück eines jeden PM-Camps. Für die Teilnehmer kann es lohnen, sich ein wenig vorzubereiten und sich im Vorfeld schon mal überlegen, welches Thema ihnen wichtig ist. Damit sie schon bei ihrem ersten PM-Camp vielleicht eine Sitzung machen können.

Modellhaft kann man drei wesentliche Arten von Sitzungen (Sessions) unterscheiden:

Typ 1 – Wissen teilen!

Der Initiator einer solchen Session meint, etwas zu wissen, das ihm wichtig ist und das er teilen will!

Da hat einer etwas ganz besonderes erlebt, etwas ganz Neues kennengelernt, etwas Grundlegendes verstanden … Und er geht davon aus, dass sich auch andere dafür interessieren könnten. Also macht er eine Session und kündigt vorher an, über was er sprechen will. Natürlich wird er seine Zuhörer nicht mit einem langen Vortrag langweilen. Vielleicht nur ein paar Thesen aufstellen oder einen kurzen Bericht seines Erlebten geben. Und dann wird debattiert und diskutiert.

Typ 2 – Erfahrung von anderen nutzen!

Der Initiator befindet sich in einer neuen Situation und sucht Unterstützung!

Vielleicht hat da jemand eine Frage, die ihn schon lange quält. Oder es ist ihm etwas passiert, mit dem er nicht umzugehen weiß. Mag sein, dass es sogar ein schlimmes Problem, über das er sich mal aussprechen will.

Und dann macht er auch eine Sitzung und schaut mal, wer kommt, um ihm zu helfen.

Bei diesem Typ einer Sitzung brauchen wir natürlich besonders “gute “Zuhörer. Zuhörer, die versuchen, zuerst mal möglichst genau zu zu hören und dann das Verstandene mit einem möglichst geringem Maß an Verzerrung spiegeln zu können.

Wichtig ist, dass die Teilnehmer in der Lage sind, Empathie aufzubringen und Menschen sind, die nicht gleich alles “besser wissen” und so nicht mit  ”ungebetenen Ratschläge” brillieren wollen.

Wenn das so ist, dann kommt bei diesem Typ oft etwas wirklich großartiges heraus. Und ich bin immer wieder überrascht, wie toll die “Mitmacher” an solchen Sessions beim PM-Camp in der Regel sind. Und wieviel Probleme da schon zumindest ansatzweise gelöst werden konnten!

Typ 3 – Neues Erleben!

Der Initator möchte etwas Aktives machen, spielen oder etwas ausprobieren!

Hier gibt es wahnsinnig viele Möglichkeiten für gelungene Sessions! Auf jedem PM-Camp passiert da immer Überraschendes. Das kann mit Bewegung zu tun haben oder Menschen zum Nachdenken bringen. Aktiv werden neue Erfahrungen gesammelt und spielerisch Relevantes erlebt. Neue Sachen werden ausprobiert und gegen bewährte Strategien getestet. Oft wird hier gemeinsam “Neuland” betreten. Und wenn man in so einer Sitzung etwas neues ausprobiert und das mal nicht so klappt, so ist das auf einem PM-Camp auch kein Problem.

Hier bedarf es nur der Mutes, mitzumachen und auch bereit zu sein, über den eigenen Schatten zu springen. Und schon passiert erstaunliches, es kann eine Regression erfolgen, die schlagartig viel Kreatives und Weises freisetzt.

Weitere Typen von Sessions…

Natürlich ist mit den drei Typen noch lange nicht Schluss. Es sind nur drei “Muster” (pattern) für Sitzungen, an die man oft noch ganz schön lange gerne zurück denkt!

social web

Bei einem PM-Camp darf man nicht nur sondern soll (muss) man Twittern. Nebenher auf seinem Mobil-Telefon zu spielen ist sowieso genauso erlaubt (und erwünscht) wie den Raum zu verlassen und in eine andere Sitzung zu gehen.

In der Regel gibt es auf einem PM-Camp eine “Twitterwall”. Da laufen dann in Echtzeit alle Tweets durch, die in Twitter geschrieben und mit dem “Tag” der Veranstaltung gekennzeichnet worden sind (z.B. #pmcamp13ber für das  PM-Camp in Berlin). So entsteht ein roter Faden, der schon eine erste Dokumentation und Kommentierung der Veranstaltung ergibt. Man merkt, was auf dem PM-Camp aktuell passiert, was andere Menschen erleben oder fühlen und wie sie denken.

Natürlich kann jeder Teilnehmer auch auf seinem Device die Twitterwall anschauen. Und wird dann oft erleben, dass viele Menschen, die örtlich nicht anwesend sind, trotzdem in “real time” teilnehmen. Alle Tweets in Summe stellen eine schöne Retroperspektive der Veranstaltung dar, die man sich ganz gerne auch später mal anschaut und dabei das Camp wieder lebendig werden lässt.

Eine “offizielle” Dokumentation bei einem PM-Camp in Form eines Tagungsbandes oder ähnlichem gibt es nicht. Dies mit voller Absicht! Denn auch die Dokumentation ist freiwillig. Auch sie wird von den Teilnehmern selbst organisiert und bestimmt. Das funktioniert in der Tat und so entsteht extrem zeitnah eine gründliche und vor allem richtig gewichtete bunte und multimediale Dokumentation, bestehend aus Textbeiträgen, Bildern und Videos, die alles Wichtige erfasst und auf openPM zentral verfügbar oder verlinkt ist.

Ich habe in diesem Artikel zwar nur von “Twittern” gesprochen. Natürlich darf man das Camp auch in Facebook oder in Google+ begleiten. Oder dort  eine “Communitiy” anlegen. Man sollte halt ein Medium wählen, an dem möglichst viele teilnehmen können.

Kultur und Werte

Wie im richtigen Leben sollte auch auf einem barcamp niemand klein gemacht oder gar verletzt werden. Persönlich Angriffen sind zu vermeiden, auch dann wenn man mal schlimm enttäuscht ist. Und wenn man mal daneben langt, dann entschuldigt man sich.

Das einzige, was man auch auf einem PM-Camp nicht tolerieren darf, ist Intoleranz. Aber gerade gegen Intoleranz sollte man immer direkt und persönlich angehen und sie nicht hinten rum anprangern.

Auf was muss ich aufpassen?

Das ist gar nicht viel. Natürlich schadet eine gute Kinderstube auch auf einem barcamp nicht, auf einem PM-Camp ist sie in der Regel selbstverständlich. Die vom alten Metaplan her bekannte Regel “Everybody is everybody’s butler” anzuwenden, ist auch immer gut. Ansonsten sind barcamps wie auch das PM-Camp freie Veranstaltungen, keiner muss etwas machen, das er nicht will.

Kameradschaftliches Verhalten ist wie immer im Leben hilfreicher als tröge Kumpanei. Jeder bestimmt selber das Maß, in dem er sich integrieren will. Es gibt keine Verpflichtung zum Halten eigener Sessions. Viele Teilnehmer sind beim ersten PM-Camps ganz still und hören zu – bis dann der Bann bricht und sie plötzlich “vom Konsumenten zum Produzenten” werden.

Erstbesuchern oder Menschen, die eher zurückhaltend sind, würde ich empfehlen, schon früh mal eine eigenen Session auszuprobieren, auch wenn das Thema in der eigenen Wahrnehmung noch als unausgereift empfunden wird. Früher Mut wird in der Regel belohnt. Und die „alten Hasen“ würde ich bitten, bei der Session-Gestaltung möglichst lange zu warten, bevor sie dann die letzten Lücken füllen. Manch ein Teilnehmer braucht ein wenig länger, um seinen Mut zusammen zu nehmen. Und es ist immer schade, wenn neue Beiträge wegen unnötiger Ungeduld zu kurz kommen.

Kommunikation ist alles

In der Regel schlägt das Org-Team eines PM-Camps den Teilnehmern vor, dass das “Duzen” die bevorzugte Anrede ist. Duzen schafft Nähe und erleichtert Kommunikation. Das macht bei einer „community“ (Gemeinschaft) Sinn, die an einem Strang zieht und ihr Wertvollstes – Erfahrung und Wissen – offen und redlich teilt.

Will ein Teilnehmer lieber “gesiezt” werden, so wird das natürlich akzeptiert. Aber ganz gleich, ob man sich siezt oder duzt, es sollte immer beachtet werden, dass Respekt vor dem gegenüber der zentrale Wert ist. Ehrverletzungen dürfen auch im Eifer eines Gefechtes nicht passieren und wenn, dann müssen sie sofort korrigiert werden.

PM-Camp fordert ein von und fördert bei seinen Besuchern ein wenig Empathie und “Alterozentriertheit”. Das meint, dass man das eigene Ego ein wenig zurück nimmt und sich für die Werte, Erwartungen, Interessen und Bedürfnisse und auch Gefühle „des anderen“ öffnet.

Also:

Mitmachen! Mut aufbringen! Freude mitbringen! Spaß annehmen, das alles verstärken und weitergeben! Aufs “maskieren” verzichten! Auf einem PM-Camp ist dies nicht notwendig.

Sich gegenseitig respektieren und achten wie sich selber. Wissen und Erfahrung geben und nehmen. Und dann kann gar nichts mehr schief gehen!

RMD

P.S.
Einen großen Dank an Eileen, die mir bei dieser Zusammenfassung sehr geholfen hat.

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1 Kommentar zu “Geschichte von und Leitfaden für PM-Camp”

  1. Chris Wood (Samstag, der 26. Oktober 2013)

    „Weiterbildung und -entwicklung sind für jeden Menschen wichtig“.
    One stumbles across this opinion constantly.
    But I have my doubts.
    I saw on TV about a Japanese woman of about 98, who cycled, played Japanese croquet and collected algae to eat almost every day.
    She seemed to be unusually healthy and contented.

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