Roland Dürre
Dienstag, der 23. September 2008

Globale Finanzkrise – geniale Entschuldung?

„Geld ist nie weg, es hat nur ein anderer!“

Dies war einer der Lieblings-Sätze unseres ehemaligen Beirats Alois Wolferstetter, einem kantigen Banker aus der guten alten Zeit. Diesen Satz habe ich gerne geglaubt, kenne ich doch einige Menschen auch persönlich recht gut, die durch die „New-Economy“-Blase zu mehrfachen Millionären geworden sind und noch viel mehr Menschen, die kleinere aber auch erhebliche Summen dabei verloren haben. Und wenn damals eine Aktie eines New-Economy-Unternehmen vom dreistelligen Kurswert in den einstelligen gefallen ist, so wurden keine Werte vernichtet, sondern es war nur eine freiwillige Umverteilung aus vielen Geldbeuteln in einige wenige. Und die größten Gewinner bei diesem Spiel waren die beteiligten Investmentbanken.

Jetzt scheint es aber um andere Größenordnungen zu gehen. Am Mittwoch, den 9. April 2008, das war vor knapp einem halben Jahr, sah ich in der Süddeutschen folgende fette Schlagzeile auf der ersten Seite des Wirtschaftsteils:

Risiko von 1.000.000.000.000 Dollar

Der Übertitel war: „Internationaler Währungsfond warnt“ und als Untertitel gab es zu lesen: „IWF fordert umfassende Reform der Finanzmarktregulierung“ und „Kollektives Versagen“. Diese Überschrift hat mir wegen den vielen Nullen so gut gefallen, dass ich mir die Zeitungsseite aufgehoben habe.

Unser deutscher Oberbanker Ackermann hat dann im Frühsommer vom „Anfang vom Ende der Finanzkrise“ gesprochen. Alle Zeichen standen auf Entwarnung. Plötzlich scheint trotzdem etwas passiert zu sein. Investmentbanken und eine Sparkasse machen pleite. Die US-Regierung will 700.000.000.000 Dollar für den Erhalt ihrer „Finanzwelt“ einsetzen! Ist das jetzt der Anfang vom Ende?

Allerdings habe ich weder die Sachkenntnis noch die Lust, mich mit Theorie und Moral der Finanzwelt auseinanderzusetzen. Mir erscheint das alles sehr suspekt und unglaublich. Aber ein wenig rechnen darf ich doch.

Also beginnen wir:

1 schöner BMW kostet 50.000 EURO. Aus Gründen, die mir auch nicht klar sind, bekomme ich dasselbe Auto in USA für 50.000 DOLLAR. Das heißt für 700.000 Dollar bekomme ich (ohne Mengenrabatt) 14 BMWs. Jetzt dividiere ich die 700.000.000.000 Dollar Finanzwelt-Unterstützung durch 700.000, also den Preis für 14 BMWs. Wie leicht zu sehen sind das dann 1.000.000. Der US-Regierung könnte sich also 14 Millionen schöne BMWs für das Geld kaufen, das sie jetzt der amerikanischen Finanzwelt gibt. Ob das dann besser angelegt wäre, weiß ich auch nicht. Immerhin könnte man dann fast jedem der ca. 1.500.000 US-Staatsbürger, die in US-Gefängnissen einsitzen, 10 BMWs zur Verfügung stellen.

Interessant wäre jetzt zu wissen, wieviel BMWs das Unternehmen BMW in den letzten 20 Jahren gebaut hat?

Ich ärgere mich, weil ich den Eindruck habe, dass sich zurzeit Großunternehmen auf geniale Art und Weise zu Lasten der Allgemeinheit entschulden. Und ich weiß nicht, was es bedeutet, wenn die Finanzwelt zusammenbricht. Ist dann die DM, pardon der EURO nichts mehr wert?

Aber darum geht es mir in diesem Beitrag gar nicht, ich wollte nur mal wieder die Magie der großen Zahlen demonstrieren.

P.S.

Am Montag, den 29. September lese ich, dass auch die Deutsche Bundesrepublik mit 27 (?) Milliarden für die Hilfemaßnahmen an die Hypo Real Estate (was für ein schöner Name!) bürgen will oder muss. Das ist immerhin nach Währungsumrechnung mehr als ein zwanzigstel des aus den USA bekannten Betrages und macht pro Kopf der Bevölkerung mehr als 300 EURO aus. Was machen, wenn die Löcher größer als angenommen sind und noch weitere solche Hypo-Zusammenbrüche kommen? Da reicht dann der Börsengang der Bahn mit ca. 4 Milliarden erwarteten Einnahmen auch nicht weit. Zumindest meine ich jetzt zu wissen, warum die Wähler in Bayern gestern die beiden Parteien der großen Koalition bevorzugt nicht mehr gewählt haben.

RMD

4 Kommentare zu “Globale Finanzkrise – geniale Entschuldung?”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 24. September 2008)

    Am I the only one who gets angry about „wise sayings“ in the Blog that are rubbish? I know you Roland do not believe in censorship, but could we try to avoid this? Of course money can be lost in the sense of „Geld ist nie weg“ above; i.e. value can easily be destroyed. Hitler destroyed great quantities. A programming project that fails destroys the potential value of the work that could have been done instead. The saying fits the Red-Army-Faction rather than a banker. I think it is probably wise of the US government to step in with large sums of money. This is the Keynes idea that ended the Great Depression. This time it should come soon enough to avoid another great depression. What happens otherwise is that everybody goes on the defensive, trying to save money, but then business shrinks, people lose their jobs, and houses get sold for less than it cost to build them. Most people lose a lot. A few people, who are lucky or clever enough to have cash in hand, can buy property etc. cheaply and make profits, provided the recession is not too severe. But the average standard of living drops and takes time to recover. Even if the US government now acts cleverly and energetically, some damage has already been done. Not enough was done to make markets stable. It seems that the Europeans pointed out the dangers, but the Americans did not listen.
    It seems likely that the US government will effectively buy up some large ailing firms. They can do this relatively cheaply, firstly because the firms are ailing, secondly because they are perhaps too large to be „rescued“ by anybody else. If things get better again, the firms can be re-privatised at a profit, benefiting the taxpayers. The staff keep on working as they know how, rather than having to find other jobs. With some of these firms, it may be doubted whether their work is really useful (creating wealth), but generally it is. Consider Freddie Mac and Fanny May. They are in the business of lending money at low interest rates. To do this successfully, they need to work efficiently (turnover per head) and avoid risks. Presumably they have recently not found the right balance between these two aspects. When a borrower has problems with the monthly payments, somebody has to decide whether this looks temporary, or whether to take possession of the house. It is not easy to optimise this decision. Taking possession of a house destroys value in itself.
    If the USA rescue act is very successful, people will think that the danger was not really serious, and the next crisis will come again in perhaps 10 years. The USA business philosophy is anyway rather risky and selfish. They depend on foreign investments, which other countries really need more. Their excellent land and mineral resources have helped, but now these are starting to run short. What if the lenders want their money back? Perhaps the US military will be able to repel the debt collectors?
    Where does the money come from for such a rescue? A government has at least four ways to raise it.
    1. Define a small but wealthy part of the population as outcasts, and take it from them. This has practical problems, as well as the ethical ones.
    2. Raise taxes. This lowers the living standard for a time.
    3. Borrow. This damages living standards longer term, and benefits the rich by raising interest rates.
    4. Print it. This causes inflation, which damages savers and benefits borrowers. This in turn damages the economy long term.
    A suitable mix of 2 to 4 is advisable.

    Yes, there is a chance that the Dollar and Euro will become worthless. Then we shall mostly soon die. Most of the world’s population is beyond the point where people can fall back on a moneyless society. 200 years ago, one or two countries could have gone downhill, but there could not have been a Great Depression. Now we are more globalised and networked than 70 years ago. Even without problems like global warming and oil shortage, the human race would be endangered by financial instability. The Americans trust in God to avoid disasters. Thank the Lord that there may be enough atheists around to save the situation.
    Chris Wood

  2. rd (Donnerstag, der 25. September 2008)

    Vielen Dank an Chris für seinen langen Beitrag. Seine Gedanken empfinde ich als klug und absolut nachvollziehbar. Sie bestärken mich aber auch in meiner Bewertung, dass sich im globalen Finanzbereich chaotische Systeme verselbstständigt haben, über die man zwar trefflich diskutieren kann, die aber nicht mehr rational erfasst werden können. Sie sind auch nicht steuerbar, und ob Maßnahmen etwas bewirken geschweige das richtige bewirken können ist nicht entscheidbar im Sinne von vorhersagbar. Ähnliches gilt im kleinen für staatliche Wirtschaftsförderungsprogramme. Was sie bewirken ist nicht vorhersagbar. Da ist dann viel Glaube und wenig Wissenschaft dabei.

    Zum Zitat vom Alois: Ich empfand es nicht als weise sondern als lustig. Am Schafkopf-Tisch oder im Spielcasino kann man den Satz von Alois Wolfertstetter leicht verifizieren. Am Schafkopftisch geht das Geld von einem Spieler zum anderen. Im Spielkasino gilt das nur für einen Teil des Geldes, der Rest geht an die Bank, auf Zeit der einzigen Gewinnerin. Bei jedem Börsengang, den ich in New-Economy-Zeiten aus der Nähe beobachten durfte, haben die Investmentbanken gnadenlos viel Geld verdient, und das meistens zweimal, zuerst beim Going Public und dann beim Verkauf der übernommenen Anteile. Und das das nicht ewig gut gehen konnte, schien zumindest mir klar.

    Das Beispiel von Chris „Wertevernichtung aufgrund eines gescheiterten Software-Projektes“ könnte man (zynisch oder mathematisch 🙂 ) auch so betrachten: Da haben Menschen Programmieren gespielt, der Auftraggeber ist sein Geld los, ein Teil ist bei den Programmieren, der Rest beim Finanzamt. Der Satz von Alois stimmt wieder. Geld und (materielle) Werte sind grundverschiedene Dinge. Geld ist nur eine Hilfsgrösse, um materielle Werte annäherungsweise zu beschreiben.

    Und noch ein Trost: Ich glaube nicht, dass wenn EURO und DOLLAR futsch wären, wir möglichst schnell sterben sollten. Ich vertraue da auf die selbstheilenden Kräfte unserer gar nicht so schwachen Gesellschaft. Wir würden uns auf das wesentliche Konzentrieren, nämlich auf das Überleben. Das kann man am besten in kleinen und dezentralen Strukturen. Hier würden wir sicher auch wieder Währungen einführen, die würden aber nicht mehr Euro heissen sondern Thaler oder Gulden und wären nur regional gültig (gibt es ja eh schon immer mehr). Und dann ginge das Wirtschaftswunder wieder los, vielleicht mit mehr Qualität und weniger Quantität. Und vielleicht würden in 10 Jahren sich ein paar Länder in Deutschland zusammen tun und sich auf eine größere gemeinsame Währung einigen, die dann vielleicht wieder D-Mark hieße 🙂 .

  3. IF-Blog » Blog Archiv » Globale Finanzkrise #2 - Wie geht es weiter? (Montag, der 6. Oktober 2008)

    […] morgen vielleicht 100 Milliarden EURO. Keine Angst, ich mache jetzt keine Rechnungen wie im letzten Post zum selben Thema, um zu zeigen, wie viel Geld das […]

  4. Michi (Donnerstag, der 14. Mai 2009)

    Auf jeden Fall!

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