Roland Dürre
Freitag, der 16. Januar 2015

Goldener Stacheldraht

Zurzeit scheinen Institutionen und Unternehmen erstarren. Und die Menschen immer zu leiden. Zumindest sind das die Ergebnisse von diversen Umfragen, die man so liest. Und ich höre viele Klagen in direkten Gesprächen. Der Frust am Arbeitsplatz nimmt zu, immer mehr Menschen gehen in die „innere Kündigung“.

Ich kann das nachvollziehen. Das kollektive Leben in Unternehmen wird immer mehr in Prozesse gegossen. Diese Entwicklung findet schon seit Jahren statt, scheibchenweise und deshalb kaum merklich. Aber sich immer verstärkend, so dass keiner entkommt. Immer mehr wird geregelt und beschrieben. Für jede Frage gibt es eine einfache Antwort.

Wer es noch merkt, fühlt sich abhängig und entmündigt. Das Gefühl der Machtlosigkeit macht sich breit, die Unzufriedenheit wächst, man ist frustriert und weiß oft gar nicht warum. Gleichzeitig beschützen die Systeme einen wie nie zuvor. Sicherheit ist alles, Risiko ist unerwünscht. Die totale Fürsorge des Systems ist angesagt.

Und tatsächlich, die Fürsorge wird von den Umsorgten ganz gerne entgegen genommen. Weil sie eine Komfortzone bereit stellt und Sicherheit verspricht. Weil man sich in einem geschützten Bereich befindet und eigentlich um nichts mehr sorgen muss. Weil man bei einer großen „community“ ist, einer von vielen.

So entsteht das Wohlgefühl des Konzernangestellten. Das allerdings oft sehr trügerisch ist. Aber wie kommt es dazu? Ich war bei als Student wie als Festangestellter fast 10 bei Siemens und habe es dort persönlich erlebt, wie man in die Welt der Sicherheit rein rutscht.

Das „Einlullen“ begann bei mir mit der Fütterung in der Kantine. Dort bekam ich in der Regel gutes Essen zu festen Zeiten und zu einem vernünftigen Preis. Und fand – wie die meisten Menschen – „meine“ Betriebskantine eigentlich gut. Auch weil sie mein Leben einfach machte.

Die Kantine als der zentrale Punkt des Arbeitstages. Sie bestimmte, was gegessen wird. Es gab zwei Standardessen. Bei Siemens gab es ein „einfaches“ Essen (die grüne Marke für 1,20 DM) und das „bessere“ Essen (die rote Marke zu 1,50 DM). Die Marken sahen aus wie die Scheiben, die man beim Einkaufswagen im Supermarkt heute an Stelle einer EURO-Münze benutzen kann.

Die Marken gab es an einem ganz schlichtem Automaten. Für 6 DM gab es entweder fünf grüne oder vier rote. Es gab die selben Marken auch in gelb – für den Nachtisch. Die kosteten 30 Pfennige, für 1,50 Mark spuckte der Automat fünf davon aus. Damals gab des sogar Abendessen in der Kantine- sehr bequem.

Die tägliche Auswahl an der Theke zwischen grüner (einfacher) und roter (bessere) Mahlzeit wurde zum wichtigsten Teil des täglichen Lebens. Die Frage „Was gibt es heute“ bringt Abwechslung in den Tag. Es Entscheidung und letzter Rest gefühlter Freiheit. Und der mitt-tägliche Gang zur Kantine als die Zäsur im Arbeitstag.

So ist das bei großen Firmen und Insitutionen – es ist für alles gesorgt. Man bekommt Essen und Wärme. Die Kantine ist die Spitze des Eisberges einer kompletten Rundumversorgung von „Mama Siemens“ und ähnlichen. „Mama Siemens“ (als Metapher für die großen Konzerne) gibt ihren Menschen den Arbeitsplatz, ein gutes Gehalt, die Wärme und das Licht, ein schönes Büros. Am Tor wacht der Werkschutz. Der Chef überlegt sich, welche Kurse für seine sinnvoll sind. Und wenn ein Mitarbeiter ein gesundheitliches Problem hatte, konnte er zum Betriebsarzt gehen. Was will man mehr?

So ging es mir als arbeitender Mensch in den ersten Berufsjahren. Ich saß in einem goldenen Käfig. Wir wurden gezähmt und verwöhnt, wie verwöhnte Haustiere. Bis ich vor lauter Fürsorge – und ehrlicherweise nicht nur aus diesem Grunde – ausgebrochen bin.

Viele meiner Freunde und Kollegen konnten nicht ausbrechen. Sie wurden zu Gefangenen im „goldenen Stacheldraht“. Zuerst war es die Betriebsrente, die sie fesselte. Dann der erworbene Kündigungsschutz. Unmerklich wurden sie zu Zombies des Systems, einem System, das für alles gesorgt hat. Alles war vor gedacht, alles geregelt. Keine Probleme, keine Herausforderungen.

Auch heute sind für alles Prozesse festgelegt: Ob es der Urlaub ist, das Mitarbeitergespräch, die Arbeitszeiten, die Dienstreisen, Meetings, Einstellungen oder Kündigungen, Personalthemen, social Media, alles ist konfektioniert und wird „convenient“ serviert.

Spätestens ab dem fünzigsten Geburtstag haben sie dann bange aufs Ende geschaut. Und viele durften zum Teil weit vor dem sechzigsten gehen, gut versorgt aber eigentlich zu jung, um nichts mehr zu schaffen.

Und wie das bei Systemen so ist:
Wenn die Regulation mal begonnen hat, dann geht sie immer weiter. Ob Kommunikation, Kreativität, Produktion, Entwicklung, Marketing, Vertrieb, alles wird normiert. „Best practice“ erstarrt in Prozessen, die Bürocracy treibt ihre Triebe und Blüten, nebenläufiges Denken ist unerwünscht.

Vom „gesunden Menschenverstand“ geht es hin zum „so wird das gemacht“. Kreativität wird durch Planung ersetzt, Transparenz wird zur unerwünschten Bedrohung. Alles muss messbar sein, auch die Verbesserungsvorschläge. Kundenwünsche und Lieferantenbedürfnisse werden dem eigenen Shareholder Value untergeordnet.

Das System steht über allem. Gut ist nur noch, was dem System nutzt – auch wenn dies nur vermeintlich ist.

So tragen die Unternehmen eine immer stärker werdende Maske vor sich her. Es ist ein Tannenbaum, der früher Aufbauorganisation genannt wurde, behängt mit dem Lametta der Ablauf-Organisation.

Innen ticken diese Unternehmen zwar anders, weil die tüchtigen Kollegen wenn nötig (und das ist häufig) den Tannenbaum und sein Lametta ignorieren und direkt miteinander sprechen. Und so dafür sorgen, gegen die Regeln, dass das Unternehmen doch noch Erfolg hat.

Viele Unternehmen erinnern mich an das Bild einer City, die beginnt ihr pulsierendes Leben durch den Aufbau von Wegweisungen mit Zäunen aus goldenem Stacheldraht zu ordnen. Aber mit genug eigentlich unzulässlichen Lücken, damit das ganze noch funktioniert.

Bürocrazy lässt grüßen!

RMD

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