Roland Dürre
Samstag, der 20. Februar 2010

Green IT

In der letzten Woche haben wir bei der InterFace AG die Bilanz für das Geschäftsjahr 2009 fertig gestellt. Da wir eine Aktiengesellschaft sind, haben wir eine Reihe von Formalitäten zu beachten, die der Gesetzgeber vorschreibt. So ist als Teil der Bilanz ein Lagebericht gefordert.

Der Lagebericht soll diverse Informationen rund ums Unternehmen enthalten, wie z.B. die Entwicklung des Unternehmens im alten und die Erwartung für das nächste Geschäftsjahr oder die Art des Risikomanagement. Auch ein Bericht über die Externalität (externen Effekte) des Unternehmens soll Teil des Lageberichts sein.

Da bin ich über den für uns zwar richtigen aber für meine Gedanken folgenschweren Satz gestolpert:

Den gesetzlichen Auflagen beim Umweltschutz ist das Unternehmen immer gefolgt. Dies gilt für die Beseitigung von Altlasten ebenso wie z.B. für die empfohlene Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel.
(Auszug aus dem Lagebericht der Bilanz 2009 der InterFace AG).

Gewiss versuchen wir, eine „grüne“ Firma zu sein. Wir entsorgen unseren Elektroschrott (der bei uns leider in beachtlichen Mengen anfällt) ordentlich und benutzen immer öfters den Zug an Stelle des Fliegers oder des Autos. Nicht nur aus Umweltgründen, oft auch, weil man sich da auf seine Aufgabe besser vorbereiten kann. Und wir versuchen Strom zu sparen, soweit das halt sinnvoll und einfach möglich ist.

Wir bleiben aber ein IT-Unternehmen. Und mit der IT ist eine neue Art und Dimension von Verschwendung quasi genetisch in unser Leben eingepflanzt worden.

Die meisten von uns IT-lern haben natürlich mehr als einen Laptop. Meistens kommt noch ein PC dazu, dann mindestens ein Smart Handy. Zusätzlich verfügen wir über diverse externe Platten zur Sicherung der einzelnen Systeme. Und wahrscheinlich liegen im Keller noch ein paar PC’s oder Laptops älterer Generationen.

Ganz zu schweigen von den diversen Speicherkarten für die digitale Kamera und das alte Modell. Und natürlich auch noch ein paar alte Drucker … Und überall im Haushalt und im Office liegen Speichersticks herum. Früher waren das Berge von Floppys (die auch noch vorhanden sind), ganz früher Bänder, Lochstreifen oder -karten. Übrigens auch ein witziges Thema für den Datenschutz.

Und wie viel Server brauchen wir für eine kleine Transaktion? Wenn uns ein produktiver Server mit einer Applikation versorgt, dann arbeiten im Hintergrund eine ganze Batterie von weiteren Rechnern, die mit der eigentlichen Anwendung gar nichts zu tun haben. Manche sind für die Datenübertragung und Kommunikation notwendig.

Die anderen sind für die eigentliche Aufgabe nicht notwendig. Sie realisieren Firewalls und DMZ’s, durchsuchen die Daten nach Viren (angeblich erscheint alle 5 Minuten ein neuer Virus für MS-Systeme) und suchen im Internet nach neuen Bedrohungsquellen. Manche tun auch nichts, als permanent (und ziemlich sinnlos) Daten zu verschlüsseln, die dann andere Rechner wieder entschlüsseln müssen. Aus Sicherheitsgründen werden Proxyserver vorgeschaltet.

Es findet eine permanente gigantische Orgie der automatisierten Verschwendung statt.

Das gilt auch für die Speicher- und Storagesysteme. Wenn man davon ausgeht, dass zu 95 % sinnlose Daten auf den Platten dieser Welt liegen, dann ist das wahrscheinlich viel zu optimistisch. Wahrscheinlich sind es weit mehr als 99 %. Und es wird immer mehr gesammelt, runtergeladen, gespeichert und das meiste garantiert nicht benutzt. Die meisten von uns sind doch die reinsten Daten-Messies sein, immer in der permanenten Angst vor der Verlust eines ganz wichtigen Dokuments. Dabei sollte man eher froh sein, wenn der ganze Mist mal weg ist.

Sinnlose E-Mails schwirren in endloser, permanent sich vermehrender Menge durch den Orbit unserer Netze. Sie werden automatisch generiert und entsorgt. Das merken wir gar nicht mehr, beschäftigt aber auch viele Server.

„Forward“, „cc-“ und „bcc“-Funktionen und große Verteiler sorgen dafür, dass auch die „sinnvollen“ (?) E-Mails inklusive ihrer üppigen Anhänge beliebig oft auf den verschiedensten Systemen kopiert und als Kopien gespeichert werden. Ich habe mal davon gehört, dass jede E-Mail im Schnitt 17 mal gespeichert ist. Klingt zwar plausibel, ich weiß aber nicht, wie man eine solche Zahl errechnen kann. So würde ich auch die Zahl 71 für möglich halten.

Mit den Netzen ist es ähnlich. Wenn ich mich in der zivilisierten Welt befinde, findet einer meiner e-Macs oder linux-notebooks meistens mehrere WLANs. Die meisten davon sind sinnigerweise durch ein Passwort geschützt. Alle sind Tag und Nacht und jeden Tag in der Woche in Betrieb, auch wenn sie nur ein paar Stunden am Tag (oder gar nicht – kenne ich auch häufig) benutzt werden. Oft würde es ein WLAN für das ganze Gebäude tun. Aber aus Angst vor Missbrauch und feindlichen Mitlauschern hat jede Partei ein eigenes.

Parallel dazu hat man meistens auch noch (mindestens) ein LAN auf Kabelbasis. Und als Benutzer eines „UMTS-Sticks“ wird man noch von einem oder mehreren Providern zusätzlich auch noch durch den Äther versorgt.

Man denkt: Ist ja nicht so schlimm, kostet ja alles nichts. In der Tat ist IT billig. Wenn ich mir überlege, wie wenig eine „Flatrate“ für einen ganzen Monat gegenüber einmal in der Woche Tanken kostet. Und sogar ein Luxuslaptop von Apple ist billiger als manches Extras bei einem spießigen Mittelklassewagen. Für einen Satz Winterreifen mit Felgen für einen Porsche dürfte ich dann bei gleichem Qualitätsbewusstsein mehr als 10 Macs bekommen

Aber so ist es eben nicht. Alles kostet Rohstoffe und Energie. Bei der Produktion entsteht massiv Sondermüll (glücklicherweise in Asien), aber nach wenigen Jahren sind die Sachen dann technisch überholt, werden auch zu Sondermüll und stellen dann uns vor ein Entsorgungsproblem.

Das hat mit der Tugend der Sparsamkeit oder mit dem Prinzip von Kaizen nichts mehr zu tun, sondern ist Verschwendung pur.

Was wünsche ich mir:

Eine serverzentrierte Welt mit browserbasierten Anwendungen, ohne den ganzen Viren- und Spam-Blödsinn. Die Viren- und Spamproduzenten sollten gleich an der Quelle der Entstehung bekämpft werden (wie es auch mit Kinderpornographie und anderen Sauereien passieren sollte).

Saubere Betriebssysteme, die nicht aus verschiedensten Gründen beliebig angreifbar für Hacker sind.

Eine offene und furchtlose Kommunikation in einer Welt frei von Paranoia. Verschlüsselung sollte die Ausnahme sein und nur für wirklich sensitive Daten angewandt werden.

Jedes Datenobjekt sollte nur einmal gespeichert und gesichert werden (theoretisch leicht möglich).

Die Rechner sollten modular und leicht aufrüstbar sein. Eigentlich brauche  ich nur einen Laptop im Westentaschenformat. Den habe ich immer bei mir. An meinen Arbeitsplätzen steht immer ein Bildschirm, da stecke ich meinen Rechner quasi wie in eine „docking station“ hinein. Und mit demselben Bildschirm schaue ich natürlich auch mal Fußball oder einen Film an.

Und dass die Systeme, die nicht gebraucht werden, sich von selbst ausschalten.

Und vor allem wünsche ich mir, dass alle Netze offen sind.

🙁 Ist mal wieder leider nur eine schöne Utopie. Aber Träumen ist erlaubt.

RMD

5 Kommentare zu “Green IT”

  1. Enno (Sonntag, der 21. Februar 2010)

    Wow, wirklich guter Beitrag!

    Wissen Sie zufällig, ob ein Laptop oder so ein großer Klotz von PC umweltverträglicher ist?

  2. Chris Wood (Sonntag, der 21. Februar 2010)

    OK Roland, nobody likes computer viruses, (except those who produce them). What good does it do to present such dreams? What is your motivation? The most important information is missing. I seem to remember that computers use about 10% of the world’s electricity. Another piece of information (that roughly fits the first), is that computers account for about 2% of CO2 production. These figures seem to me acceptably small, considering the benefits brought by computers. I guess telephones add a bit.
    I am reminded of a talk given by the Siemens man responsible for environment awareness. I guess he earned more than I did, but had no effect. At the end of the talk, I presented him with my main environment problem at work. My PC was a slave in a network. If I left it on overnight, it took me about 15 minutes less in the morning to get back to full work speed. (I had to start up about 5 windows). I wanted to know how much it cost for the overnight electricity. I suspected that hundreds at Siemens had the same problem. Could he produce and circulate an estimate for commonly used PCs? Of course I never heard from him again. Auser Spesen, nichts gewesen.

  3. rd (Sonntag, der 21. Februar 2010)

    Habe einen interessanten Artikel von Hans Bonfigt http://bit.ly/aAqnzV zum Thema Green IT gefunden.

    RMD

  4. Chris Wood (Montag, der 22. Februar 2010)

    OK, I read the article. After 10 years out of the mainframe/server business, I cannot understand it. What does „Blade“ stand for, and what is a „SAN“? I guess that the power needed for cooling is much less than that used to drive the machines. In much of the world, the heat generated can be used to suplement the central heating. Of course in hot countries, the air conditioning has to be turned up, and the world is getting hotter.
    Roland, I am still a bit interested in what you can say about your motivation. Do you really believe you can do something to bring in your „new world“, or do you suspect that you are just trying to improve your image (together with that of Interface)? When I see the spreading of superstition in spite of Dawkins, I doubt the value of argument. And dreams are even less effective. Even hard facts, like global warming, take decades before countries start to take notice.

  5. Enno (Montag, der 22. Februar 2010)

    Mir gings ähnlich, der Artikel ist wohl nur für Fachleute geschrieben.

Kommentar verfassen

*