Roland Dürre
Sonntag, der 18. Juli 2010

Gewaltheldenemotionen

Die Geschichte des Dominik Brunner beherrscht aufgrund des stattfindenden Prozesses die Medien. Wieder einmal.

Vor einiger Zeit war er der nationale Held der Bayern. Beherzt hatte er sich in der S-Bahn schützend vor Kinder gestellt, die von Halbwüchsigen oder jungen Erwachsenen bedroht und erpresst wurden. Als Folge seines Muts wurde er von diesen gnadenlos und grausamst zu Tode geprügelt.

Ich war entsetzt. Die Raublagerei im öffentlichen Verkehr ärgert mich. Die Eruption von sinnloser Gewalt, die extreme Brutalität und das schlimme Ende von Dominik Brunner machen mich betroffen.

Ich bekam Angst vor der Zukunft und habe um Dominik Brunner getrauert und großes Mitgefühl für das Leid seiner Familie verspürt.

Allerdings war ich auch schon früh ein wenig bestürzt, wie leicht es sich die Medien gemacht haben. Sie hatten ihren Held gefunden und berichteten von einem sympathischen Menschen und beliebten Unternehmer. Der einen untadeligen Ruf und viele Freunde hatte, die ihn alle über den grünen Klee lobten. Der als tapferer Bürger die Schwachen beschützte. Und für uns den Märtyrer-Tod für Recht und Ordnung gestorben ist. Von asozialem Gesindel zu Tode geprügelt.

Ist das nicht ein schönes Klischee, eine wunderbare Vorverurteilung. Aber auch eine Vorverurteilung der Täter, gleichsam ein Aufruf zur Lynchjustiz?

Allerdings bekam der Presselack schnell ein paar Kratzer. Glaubwürdige Aussagen tauchten auf, dass das Opfer auf seine Verfolger aktiv zu gegangen sei und als erstes zugeschlagen habe. Das hat ein wenig gestört, wurde aber nicht groß erwähnt.

Natürlich darf es nicht sein, dass kriminelle Jugendliche Bürger verfolgen und einschüchtern, die ihnen entgegengetreten sind. Aber als Erster zu zuschlagen (wohl auch begleitet von den Worten: „Ihr wollt das nicht anders“) ist wohl auch nicht der optimale Weg zu einer Deeskalation.

Ein reifer und bestens ausgebildeter Erwachsener sollte eigentlich auch in schwierigen Situationen seine Emotionen besser unter Kontrolle halten können, als dies besoffenen Jugendlichen aus erkennbar asozialem Milieu möglich ist. So schwer das auch sein mag.

Nach den neuesten Erkenntnissen scheint Dominik Brunner wegen seiner (sicher berechtigten) Aufregung und einem kranken Herzen ursächlich einem Infarkt erlegen zu sein. Das klingt zumindest anders als ich es davor in der Zeitung gelesen habe.

Und das ganze sollte zumindest den Medien (und den Menschen, die da hinter stehen) zu denken geben. Sie sollten nicht immer so früh die ganz großen Klischees verkünden.

Ich selbst ziehe aus dem „Fall“ Dominik Brunner die Lehre, dass couragiertes Eintreten für Schwache und Bedrohte gut und richtig ist. Und gehe davon aus, dass bei klugem und deeskalierenden Auftreten auch in diesem Fall wahrscheinlich das Schlimmste hätte vermieden werden können. Das macht mir Mut und schafft Optimismus

Eine (Neben-)Lehre könnte sein, dass man selbst gegen „asozialen Abschaum“ und im größten Ärger nicht als erster zuschlagen sollte.

RMD

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6 Kommentare zu “Gewaltheldenemotionen”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 18. Juli 2010)

    What most surprises me, is that the Brunner heart problem has only now been publicised. Is there some good reason for this?
    Of course there are very rare situations where it may be justified to deliver the first blow. For instance a girl may be in danger of being raped. But the blow must then be effective. Usually this is not possible.
    I remember an English saying from rougher times. „Twice armed is he whose cause is just, thrice armed the one who gets his blow in first“.

  2. edwin (Sonntag, der 18. Juli 2010)

    Dass das Herzproblem jetzt bekannt wird? Und auch da wird viel spekuliert. Ich habe gehört, er hätte einen vergrößerten Herzmuskel gehabt. Er war Sportler! Hat nicht jeder Sportler einen vergrößerten Herzmuskel?

    Letztendlich geht das die Öffentlichkeit jetzt noch nichts an! Wir haben Gerichte, die urteilen sollte und alles vorher zu veröffentlichen ist der Wahrheitsfindung nicht dienlich. Übrigens ist der Fall Kachelmann nicht anders: Was erlaubt sich eigentlich die Presse und die Öffentlichkeit, aufgrund von Halbwahrheiten Vorurteile zu sprechen? Und ist es Aufgabe der Medien, diese zu schüren? Ohne dies könnten alle Seiten versuchen, etwas vernünftiger zu bleiben – den m.E. ist der Vorwurf des Mordes (gehört dazu nicht das Element der vorsätzlichen Tötung) genauso falsch, wie jetzt anzudeuten, die Schläge wären nicht ursächlich für seinen Tod.

    Wahrscheinich hat Herr Brunner viele Fehler gemacht und hätte im Nachhinein besser anders gehandelt. Wahrscheinlich/vielleicht hat er trotzdem in guter Absicht versucht, das Richtige zu tun.

  3. rd (Sonntag, der 18. Juli 2010)

    Lieber Edwin,

    🙂 jetzt habe ich ein Problem.

    Eigentlich wollte ich ja gar nicht über den Fall Dominik Brunner schreiben, sondern ankreiden, welche Säue die Medien auf skandalöse Art durch die Dörfer treiben 🙂

    Auch da hat mich unser Kommentator völlig missverstanden …

    RMD

  4. Marcus Raitner (Sonntag, der 18. Juli 2010)

    Die Öffentlichkeit wird sich, angestachelt von den Medien, immer eine vorgefasste Meinung bilden. Dabei sind mir zwei Dinge wichtig: erstens, die Medien müssen sich ihrer Aufgabe in der öffentlichen Meinungsbildung wieder bewusst werden und entsprechend verantwortlich handeln. Zweitens, wenigstens die Gerichte dürfen sich von den Medien und der davon angestachelten Öffentlichkeit nicht beeinflussen lassen; ich finde, dass das Gericht bisher keinen schlechten Job in dieser Hinsicht macht. Ob der vergrößerte Herzmuskel nun an die Öffentlichkeit gehört oder nicht kann man diskutieren, wichtig ist mir, dass auch dieses Detail entdeckt wurde. Aber es wirft ein sehr schlechtes Licht auf Medien und Staatsanwaltschaft, die nur die Details verbreiten, die in die vorgefasste Meinung passen.

  5. Chris Wood (Montag, der 19. Juli 2010)

    Dear Roland, I can comment only on what you write (or say). I can hardly take into account unrevealed details of your motivation. Also, surely I am not required to take your motivation into account in my comments?
    My first thought after hearing about the heart problem, was to ask myself whether the two youths had intentionally been left for months to think they were guilty of murder. (I now think a murder verdict unlikely).
    My next thought was that the defence was presumably informed much earlier, and had requested keeping it secret for tactical reasons.

  6. Chris Wood (Dienstag, der 20. Juli 2010)

    It makes no sense here to complain about the media. Their only real duty is to be interesting, as their survival depends on it. Anyway there seems to be no false reporting. My dear friend Roland realises the need to be interesting and does a good job in his blog. For instance he has driven this sow through his blog. It is a nice paradox that his criticism does just what he criticises.
    He has (per email) advised me to comment on the main content of postings, rather than pointing out minor inaccuracies. I shall try to comply, (as I have done above). I expect it will be more contentious, but people may find it more interesting.

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