Roland Dürre
Freitag, der 2. Mai 2014

Hetero- und Homosexualität, Nymphomanie und Satyriasis.

Wir sind ohne Schuld, deshalb Toleranz und kein Moralisieren. Und das nicht nur beim Sex.

Zurzeit ist wieder Outing-Time. Aktuell bei Sportlern und Fußballern. Das mag mit der kommenden WM zusammen hängen. „Outing“ finde ich richtig und wichtig. Und vor allem mutig. Ich finde es gut, auch wenn es immer wieder ein „Fressen“ für die Medien ist. Und jetzt auch Filme über Nymphomanie und Satyriasis zum Kassenschlagern werden (SZ zu Shame  und Nymphmaniac).

Die Diskussion geht munter weiter: Wie viel Sexualität ist normal? Und welche Arten anormal sind. Hat man zu viel Spaß am Sex hat, wird man schnell als sexsüchtig und damit krank eingestuft. Besonders schlimm ist es natürlich, wenn sich die Sexualität außerhalb der „normalen“ (Hetero-)Sexualität oder deren Standards bewegt.

Ich finde, dass die ganze Diskussion überholt sein sollte. Auch die Aufregung um die Verankerung von Lebensgemeinschaften von Homo- und Heterosexuellen in Gesellschaft und Recht nervt mich. Warum lässt man die Menschen nicht in Beziehungen und Gemeinschaften leben, so wie sie es für richtig halten?

Es mag sinnvoll sein Default-Verträge und gesetzliche Regeln für Beziehungen wie die „Ehe“ vorzugeben. Um vielleicht Solidarität in Beziehungen zu fördern und Schwache (wie Kinder) zu schützen. Und so Regeln über Zusammenleben in kleinen sozialen Systeme wie Familien bereit zu stellen. Die sollten dann aber auch sinnvoll sein. Und nicht verlogen und nur zu vordergründig dem Versuch dienen, moralische (und damit moralisierende) Konstrukte zu zementieren.

Beziehungen darf man nicht diskriminieren, wie man das über Jahrhunderte mit mit Homosexualität gemacht hat. Auch eine „Home-Ehe“ ist eine Solidaritäts-Beziehung zwischen zwei Menschen. Und genauso „normal“ wie eine heterosexuelle Beziehung. Und Beziehungen in Kategorien von „Schuld und Sühne“ zu treiben ist unsinnig.

Sexualität ist doch etwas ganz Banales und Natürliches. Sexualität ist Teil von uns und hat natürlich Einfluss auf unser Leben und Handeln. Unsere Ratio muss die eigene Sexualität akzeptieren und damit sinnvoll umgehen können.Und das möglichst gesund, ohne uns selber zu diskriminieren oder zu beschädigen. Und darf so bei uns auch keine „Schuldgefühle“ generieren.

Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wir nur organische und sterbliche Lebewesen sind, die halt wesentlich auch von Trieben gesteuert werden. So wie andere Säugetiere auch. Dies zuzugeben, darf uns nicht Angst machen. Denn wir ab und zu so putzige (oder auch weniger putzige) Lebewesen sind letzten Endes irgendwie auch nur ein Tier, das halt über ein ein wenig weiter entwickeltes Gehirn verfügen. Und deshalb „denken“ kann. Sicher ein großes Wunder, aber kein Grund, uns über die Schöpfung zu erhöhen und so letztendlich uns selber zu schaden.

Dass die Intensität des sexuellen Triebes unterschiedlich stark ist, ist doch auch ganz normal. So wie manche Menschen auch intelligenter, kräftiger, schneller, musikalischer, mutiger, ängstlicher oder dümmer, schwächer, langsamer als andere sind. Sexualität ist halt bei der oder dem einen und der oder dem anderen schwächer ausgestaltet und bei anderen wieder stärker. Wahrscheinlich als Ergebnis frühkindlicher Erlebnisse und Sozialisation. Oder vielleicht aufgrund anderer Ursachen, die wir nicht kennen, für die wir aber auch nichts können.

Und dass sich Sexualität individuell anders ausprägt ist doch auch klar. Wir selber können doch auch nicht bewerten, was normal ist. Wir können uns doch nur einbilden, normal zu sein – oder eben nicht normal zu sein. Aber wer weiß schon, was „normal“. So vieles ist doch nur ein Konstrukt oder oft eine Kopfgeburt mit schrecklichen Folgen. In der Regel kann sich doch kein ehrlicher Mensch sich objektiv selber einschätzen, besonders nicht wie normal er ist. Besonders Heranwachsende tun sich da oft sehr schwer. Und wenn man erwachsen ist, dann kommt die Erziehung, das Überich und die Moral dazu und gebeb auch noch ihren Senf dazu ….

Wenn dann der eine mehr und der andere weniger unter seiner (der von ihm gefühlten oder von anderen Menschen ihm unterstellten) „Sexsucht“ leidet, ist es traurig. Noch trauriger ist es, wenn ein Mensch unter einer homosexuellen Veranlagung leidet. Als Mensch sollte man sich an seiner Sexualität genauso erfreuen wie an seinem Leben.

Alles andere sollte doch im Zeitalter von Aufklärung 2.0 vorbei sein. Wir sind halt verschieden. Dies gilt auch für die Dinge, die uns anmachen, volkstümlich gesprochen „uns geil“ machen. Triebe können abhängig von unserer subjektiven Konditionierung und aktueller Lebens-Situation sehr vielfältig verursacht werden.

Wahrscheinlich lösen nicht nur Menschen des anderen oder gleichen Geschlechts „Sexuelle Gefühle“ aus. Es dürfte auch keine Menschen geben, die ausschließlich heterosexuell orientiert sind. Nur „Pharisäer“ dürften so etwas behaupten. Je nach Veranlagung oder unserer Sozialisierung dürfte auf viele sehr vieles sexuell anziehend sein. Und nicht nur Menschen des gleichen oder anderen Geschlechts.

Vielleicht genügt schon ein Körperteil, um sexuelle Appetenz zu erwecken? Oder ein Tier, ein Gegenstand, ein Bild oder ein Symbol. Ein Auto oder Motorrad, Diamanten oder schöne Kleider. Ein Kleidungsstück, die warme Sommersonne oder der kühlen Wind auf nackter Haut, eine bestimmte Melodie. Alles mögliche könnte es sein, das Menschen sexuell stimuliert.

Oft sind es Kleinigkeiten wie die Brustwarze in Großaufnahme, ein Quadratzentimeter Gänsehaut,  ein (gepierctes oder auch nicht gepierctes) Ohrläppchen, ein halber Zentimeter nacktes Bein, ein Knöchel, der schlanke Finger, ein Grübchen auf der Wange, die Silhoutte eines Körpers, die Schaufensterpuppe oder auch nur ein besonderer Gedanke.

Es mag Männer geben, die auf jeden Seidenstrumpf in der City reagieren, und andere, die die schönsten Mädchen in der Stadt gar nicht wahr nehmen. Dafür vielleicht etwas ganz anderes. Das ist doch alles ganz normal. Sexualität ist individuell verschieden wie Ihre Intensität. Aber was ist da so schlimm dran?

Also akzeptieren wir den „überaktiven“ und bezeichnen ihn nicht gleich als krank und der „Sexsucht verfallen“. Lassen wir die Leute beim Sex das machen, was ihnen gut tut. Mit der normalen aber zentral wichtigen Einschränkung, dass niemand beschädigt werden darf. Natürlich auch nicht der Partner. So wie es auch selbstverständlich ist, dass Kinder tabu sind und Zwangsprostitution ein Nogo ist.

Aber das ganze Moralisieren, was da erlaubt oder nicht erlaubt ist, sollte man ganz schnell einstellen. Und nicht als moralische Relevanz in Gesetze implementieren. Es gibt keinen Grund, anderen Schuld einzureden. Wie es auch keinen Grund gibt, sich selbst wegen des eigenen Triebes schuldig zu fühlen. Wir sind so wie wir sind – und sollten einfach versuchen, unser eigenes Leben und Glück zu entfalten genauso wie das der Menschen, mit denen wir zusammen leben.

Wir neigen halt alle zum Heucheln. Heucheln scheint mir in unserer Welt aber nicht nur beim Thema Sexualität enorm verbreitet zu sein. Weil in unserer Welt auch jenseits des Themas „Sexualität“ gelogen wird, dass sich die Balken biegen. Leider ist Intoleranz oft der bürgerliche Standard und die Menschen wie ihre soziale Systeme neigen dazu, Mitmenschen eher „kleiner“ und nicht „größer“ zu machen.

Also für uns ein Grund mehr, weniger zu heucheln, autonom und mit Bürgermut für Toleranz und Freiheit einzutreten. Und gegen die vielen „das macht man so“ und „das gehört sich so“ aktiv mobil zu machen.

RMD

Be Sociable, Share!

Kommentar verfassen

*