Roland Dürre
Freitag, der 4. September 2015

In der Fremde

Flag_of_Greece.svgUnseren wunderschönen Urlaub in Griechenland gerade habe ich sehr genossen.

Ein wenig habe ich aber schon gemerkt, dass die Griechen zurzeit von großen Sorgen geplagt werden und doch einige Menschen dort den Umgang der BRD mit dem nicht mehr zu rettenden Schuldner Griechenland nicht verstehen können. Mir ging es trotzdem gut – wie immer im „Ausland“ habe ich mich mit den Menschen gut verstanden.
🙂 Fühle ich mich doch als „halber Grieche“.

Diesen Trick habe ich in 1964 gelernt. Ich war da als Austausch-Schüler den ganzen August in Frankreich. Es war ein Eisenbahner-Austausch, die Vermittlung war eine der zahlreichen Sozial-Leistungen, die die damalige Bundesbahn für ihre vielen Mitarbeitern bereitstellte.

Flag_of_France.svgSo kam ich mit 14 Jahren nach Lyon in eine Eisenbahner-Familie namens Pigneret. Das Ehepaar Pigneret hatte zwei Kinder, Pascal (14 wie ich) und Chantal (vielleicht 9).

Ich war zu Gast bei einer „Raucherfamilie“, so hatte auch Pascal schon seine Pfeife. Und damit ich beim Rauchen nicht zu schauen musste, bekam ich auch eine eigene Pfeife. War das schön, gemeinsam nach den Mahlzeiten ein „Pfeifchen rauchen“. Und ab und zu gab es auch ein kleines Glas Rotwein dazu.

Es war mein erster Auslands-Aufenthalt. Die Urlaube davor hatten uns auf Bauernhöfe in Schladming und Haus im Ennstal (beides Österreich) geführt. Und das war leider für mich – trotz der spannenden fremden Währung (Schilling) und der damals auch schon besseren Nahrungsmittel – kein Ausland.

flagge-europaeische-union-euIn Lyon war ich von vielen Menschen aber gar nicht so gerne gesehen. War ich doch einer der verhassten „les boches“. Der zweite Weltkrieg war ja noch keine 20 Jahre vorbei. Das war auch bei den Jungen in meiner Altersklasse so.

Die Ressentiments gegen die Deutschen habe ich zum Beispiel beim Fußball-Spielen mit vielen gleichaltrigen Franzosen schmerzhaft gespürt. Es waren ja Ferien und auch die französischen Kinder waren damals noch freier als heute und haben in großer Anzahl auf den vielen Hinterhöfen und freien Plätzen gespielt.

Auch die Familie Pigneret musste lernen, dass den nachbarschaftlichen Beziehungen damals die Aufnahme eines „boches“ in der Familie nicht gut tut. So sind wegen mir Beziehungen zu befreundeten Familien zerstört worden.

Ich habe damals zu einem Trick gegriffen und habe den Menschen erklärt, dass ich eigentlich nur ein halber Deutscher und ansonsten halber Franzose wäre und mich als solcher fühlen würde. Das lag nahe, weil mich die Lebensart, das Klima, die Sprache und vieles mehr in Frankreich schnell so begeistert haben, dass es nicht einmal eine Unwahrheit war.

900px-Flag_of_the_Netherlands.svgMit 16 war ich mal wieder im „echten“ Ausland. Es war der einzige Urlaub am Meer, den meine Eltern mit uns gemacht haben. Es ging nach Terschelling, einer wunderschönen Watteninsel, die zu Holland gehört. Und auch da war ich als Deutscher gar nicht so beliebt. Auch da hat meine kleine Notlüge geholfen. Obwohl ich gar kein Holländisch konnte. Aber allein das Bekenntnis war es wohl wert. So habe ich diesen Trick zur Strategie gemacht.

Wenn ich heute in Indien bin, dann fühle ich mich wie ein halber Inder – und versuch auch so aufzutreten. In China bin ich ein halber Chinese. Meine Radtouren haben mich durch viele Länder geführt. Immer war ich ein halber Italiener, Korse, Kroate, Marokkaner, Rumäne, Serbe, Sizilianer, Slowene, Slowake, Tscheche, Tunesier, Ungar oder was auch immer.

Flag_of_SwitzerlandUnd in der Schweiz bin ich ein halber Schweizer, eine Rolle, die mir besonders gut gefällt. Und im schwarzen Afrika bin ich dann ein halber Neger
🙂 Hoffe, dass ich dann ein „wunderbarer Neger“ bin.

Sogar in USA bin ich ein halber Amerikaner, obwohl ich mir diese Rolle nicht immer Spaß macht. Dafür bin ich sehr gerne ein halber Australier, Kanadier oder Neuseeländer. Man sieht, auch ich habe meine Ressentiments …

In Lettland war das übrigens schwierig, ist doch jeder zweite Lette in Wirklichkeit ein Russe, und die Russen mögen die Letten genauso wie auch die Letten die Russen nicht. Da kann man als halber Lette schon mal beim falschen ankommen.

Tatsächlich bin ich übrigens ein halber Preuße, weil mein Vater aus einer Familie kam, die viele Generationen in Berlin gelebt hat. Aber ein halber Preuße mach ich so gar nicht sein, dann doch lieber ein halber Österreicher.

RMD

1 Kommentar zu “In der Fremde”

  1. KH (Freitag, der 4. September 2015)

    Schön! Besonders das mit dem Österreicher…

Kommentar verfassen

*