Roland Dürre
Samstag, der 7. Januar 2012

In Deutschland fällt ein Rad um.

Denn wen interessiert es, wenn in China ein Sack Reis um fällt?

So an die 55 Jahre kann ich mich wohl erinnern. Und in 55 Jahren hat man manches erlebt und viel gesehen. Habe viele verrückte und auch ein paar gute Ideen gehabt Und vor allem gelernt, dass man den eigenen Eindrücken nicht vertrauen darf.

So wie den Kindheitserinnerungen von immer verschneiter Weihnacht und hohen Schneewällen jedes Jahr im Winter entlang den Fußwegen und Straßen.

Was ist wahr, was ist falsch? Was dominiert das Gehirn, was ist vergessen?

Aber es gibt schon Erstaunliches. Meine Eltern waren streng. Da wurde mir beigebracht, auf mein Zeug gut auf zu passen. Besonders auf das wertvolle.

Mein wertvollstes war mein Fahrrad. Wenn das Fahrrad um fiel, gab es böse Worte. Ganz schlimm war es, wenn beim Umfallen etwas kaputt ging, wie z.B. der Rückspiegel, den ich mir unbedingt gewünscht hatte.

Und immer, wenn es um fiel, wusste ich, dass es mein Versehen war. Genauso wie ich fürs Umfallen immer eine Ausrede hatte, der zufolge etwas anderes oder ein anderer daran schuld war.

Meine dümmste Ausrede war der Wind. Dann hieß es schnell, ja „der Wind, der Wind, das himmlische Kind“. Es gab Sanktionen, auch fürs Lügen, und ich ärgerte mich, dass mir keine intelligentere Ausrede eingefallen war.

In der Tat ist mir noch nie ein Rad vom Wind umgeweht worden.

Noch nie? Falsch!

Am Mittwoch am Viktualienmarkt war es so weit. Hungrig von der schönen Ausstellung „Das deutsche Porträt um 1500“ im Hypo-Kunsthaus gingen wir ins Poseidon am Viktualienmarkt. Und während ich die leckere Fischsuppe löffele und zufrieden aus dem Schaufenster heraus auf das garstige Wetter draußen sehe, kommt doch eine Windböe und schmeißt mein Rad um.

Es war nicht das leichtere Koga, mein Wanderrad, sondern mein Stadtrad, der schwere Roadster von Utopia, bei dem schon die Reifen alleine fast jeweils ein Kilo wiegen.

Einfach so wirft der Wind den Roadster um. Trotz seines stabilen Ständers. Und ohne dass eine Satteltasche dran gewesen wäre, die als Windfang hätte dienen können!

Und dann fällt mir ein, wie ich am Freitag, den 16. Dezember letzten Jahres am Abend durchs stürmische München zum und vom Schachabend am Kolumbusplatz geradelt bin. Da lagen fast alle Radel vom Wind umgerissen auf den Wegen, Straßen und Plätzen der Landeshauptstadt.

Oder vorgestern auf dem Weg nach Unterhaching, wo neben den Radeln auch die grauen Plastik-Mülltonnen auf zwei kleinen Rädern reihenweise vom Wind umgekippt kreuz und quer flach lagen.

Da könnte ich fast schwören, dass ich so etwas in 40 Jahren und auch als Kind gar nicht erlebt habe. Obwohl es damals viel mehr Fahrräder gab. Aber was ist schon wahr und was falsch an meinen Erinnerungen?

Oder kommt sie doch, die Klimakatastrophe und ist auch die Erinnerung mit dem vielen Schnee in Augsburg richtig?

Ich weiß es nicht.

RMD

P.S.
Zu den Fotos:
Das obere zeigt mein Koga in Nordafrika, auf einer Tour durch Tunesien schon vor ein paar Jahren. Das untere ist ein Schnappschuss von der letzten Tour im Oktober 2011 von München über Rosenheim, Salzburg, Gastein, Tauernschleuse, Tarvisio, Villach, Udine nach Grado und dann nach Venedig.

Das Koga macht zurzeit Winterschlaf und träumt schon von seiner nächsten Tour Anfang April 2012 von Neapel nach Sizilien zum Ätna.

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