Roland Dürre
Montag, der 6. Oktober 2008

InterFace-Geschichte #8 – Brauchen wir Telex? (1984)

Und noch eine Geschichte aus der Zeit kurz nach der Gründung der InterFace Connection gegen Ende 1984:

Im „Office“ sind wir mit einer kleinen Nebenstellenanlage, einem Kopierer, einem Faxgerät und einer Schreibmaschine der Marke „Brother“ und vielen ordentlich beschrifteten Leitzordern (Postausgang, gestellte, Rechnungen, Anlagevermögen, Stundenzettel ,,,) gestartet. Die ersten Briefe schrieb die Heidi, unsere Innendienst-Chefin, „händisch“ auf „ihrer“ Schreibmaschine. Die Brother hatten wir vorausschauend mit einer seriellen Schnittstelle ausgestattet. Bald wurde sie an unser Sinix-System MX angeschlossen. Geschäftspost und Rechnungen wurden mit „vi“ geschrieben, mit „n-roff“ formatiert und auf der Brother ausgedruckt. Das war damals hoch innovativ. Auch die Heidi nutzte vi ohne Murren, der Wolf hatte ihr das Büroleben mit ein paar „Büro-Makros“ in n-roff versüßt. Es war eine sehr effiziente Methode, Rechnungen und Geschäftsbriefe zu erstellen.

Aber etwas fehlte uns noch: Alle Unternehmen, die Rang und Namen hatten, verfügten über einen Telex-Anschluss. In Wikipedia steht ziemlich viel Wissenswertes zu Telex, aber auch nicht alles. Zum Beispiel, dass Telex auf einem verbindungsbasierten Protokoll aufsetzt. Man wählte eine andere Telex-Nummer, beim Verbindungsaufbau konnte ein Kennungsgeber ausgetauscht werden, dann erfolgte die Datenübertragung und anschließend wurde die Verbindung wieder abgebaut. Der Austausch des Kennungsgeber schloss Irrläufer aus – wie sie beim Telefax durch falsche Anwahl gelegentlich passieren.

In der Regel hatten nur größere Organisationseinheiten einen Telex-Anschluss. Wenn man Privatleute zeitnah erreichen wollte, dann musste man ein Telegramm aufgeben. Der Telegramm-Dienst nutzte ein post-internes Telex-Netz, das Telegramm wurde an das dem Empfänger geographisch nächste Postamt „gekabelt“ und von dort per Telegramm-Boten zugestellt. Telegramme konnte man nur senden, wenn man wusste, wo die Zielperson sich gerade aufhielt. Ich schreibe hier über Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind (waren), kann mir die Zeit aber selbst schon gar nicht mehr richtig vorstellen.

Ein bisschen kann man Telex mit E-Mails zwischen Organisationen vergleichen, wobei die einzelnen Telexe dann im Unternehmen per Hauspost an den endgültigen Empfänger weiter verteilt wurden. Wenn der Empfänger antworten wollte, so musste er an den Fernschreiber gehen oder einen Lochstreifen zur Übertragung abgeben. Jeder Teilnehmer hatte weltweit eine einheitliche Kennung. Lange Signaturen gab es nicht. Fernschreiben waren immer kurz und präzise. E-Mail-Schreiber können sich einiges vom Telex-Verkehr abschauen.

Kritische Botschaften wurden verschlüsselt, bevor sie „gekabelt“ wurden. Das haben aber eigentlich nur Geheimdienste, Militärs und Botschaften gemacht. Der Hauptverkehr lief unverschlüsselt und war theoretisch leicht abzuhören. Der Code (CCITT Nr. 5) war ja auch ganz simpel, er bestand ja nur aus 24 Buchstaben, den Ziffern und ein paar Sonderzeichen. Viel „Telex-Kriminalität“ ist wohl nicht passiert, obwohl die Menschen damals sicher auch nicht besser waren und das Abhören einer Leitung bestimmt nicht schwieriger als heute war. Und es wurden nur relevante Daten „gekabelt“, so viel Blödsinn wie heute per E-Mail ging nicht durch die Netze. Eigentlich kenne ich im Zusammenhang mit Telex-Kriminalität nur den im Film „Der Clou“ gedrehten Wettbüro-Betrug, wo ja sympathische Trickverbrecher einen Telex-Anschluss „getürkt“ haben. Bin auch gar nicht sicher, ob dem Film eine wahre Geschichte zu Grunde liegt. Wenn man die heutigen Computer-Ängste zu Grunde legt, hätte man nie ein Geschäft per Telex abschließen dürfen.

Schließlich haben wir uns entschlossen, ein Telex anzuschaffen. Eigentlich nur aus Image-Gründen und weil Anschluss- und Grundgebühren sehr niedrig waren. Einen älteren Fernschreiber T100 von Siemens bekamen wir günstig auf dem Gebrauchtmarkt. Richtig genutzt haben wir Telex nie, aber für das Image war es nicht schlecht. Nach zwei Jahren haben wir das Gerät dann wieder abgebaut und ohne Verlust weiter verkauft. Unsere Kennung habe ich nicht mehr gefunden. Mit dem Telex-Dienst ging es zu Ende, obwohl er erst 1933 eingeführt wurde und für viele Jahre das Rückgrat des Weltwirtschaftshandels war.

Die Post plante damals, den Telex-Dienst durch Teletex abzulösen. Das war ein Protokoll auf Datex-L-Basis, also immer noch verbindungsbasiert für eine Art PC-basierte Fern-Schreibmaschine. Dann gab es auch Bildschirmtext. Für mich ein (gescheiterter) Vorläufer des WEB’s. Das war ein sehr pfiffiges System mit einer witzigen Alpha-Mosaik-Graphik (technisch vernünftige Lösungen basierend auf einer geometrischen oder pixel-basierten Graphikdarstellung galten damals als viel zu aufwendig für Datenübertragung und für die Endgeräte). An beiden Projekten haben wir technologisch in den Folgejahren mitgearbeitet. Bildschirmtext konnte sich nur im Fernsehen etablieren, Teletex kam gar nicht an den Start. Das Telefax-Gerät (genannt Fernkopierer) hatte sich gegen alle Vorhersagen durchgesetzt. Und dann kamen E-Mail und Internet. Dass die Analysten Teletex und Bildschirmtext eine exzellente Zukunft vorher gesagt haben, muss ich wohl nicht erwähnen.

RMD

P.S.

Zum Telegramm-Dienst habe ich noch eine Kurzgeschichte. Fast 6 Wochen habe ich in meiner Siemenszeit (1980 ?) gemeinsam mit zwei Kollegen an einem Angebot für eine Ausschreibung zur Automatisierung des Telegrammdienstes der Deutschen Bundespost gearbeitet. Ein zentrales BS2000-Systems unterstützt von einem Transdata-Netz sollte das dem Telegrammdienst zugrunde liegende Fernschreibnetz ablösen. Pünktlich zum Termin wurden die Angebotsunterlagen an einem Freitag um 12:00 beim FTZ (Fernmeldetechnisches Zentralamt ?) in Darmstadt vom Kurier an der Pforte abgegeben. Dann hörten wir lange nichts mehr von der Post. Als wir nachhakten, kam die lakonische Antwort, dass das Projekt aufgrund des rückläufigen Telegrammaufkommens auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. So war das damals.

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