Roland Dürre
Samstag, der 7. Februar 2009

IT-Ängste, real oder irreal?

Hier der (dritte und letzte) meiner drei Probeartikel fürs Informatikspektrum (siehe auch „Die Gesellschaft für Informatik, GI, das Informatik-Spektrum und die Ethik)“

Die Medien warnen vor den Gefahren der Informationstechnologie: Internet-Shopping“ und Bonus-Punkt-Systeme produzieren Persönlichkeitsprofile und Charakterbilder. Personenbezogene Informationen werden zur Handelsware. Beliebte Themen sind: die kriminellen Praktiken bei Call Centern, Datenklau ganz allgmein, die geplanten „Bundestrojaner“, Minikameras und Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen, das Milliarden teure Überwachungssystem auf Autobahnen, die diskutierten zwangsverpflichtenden Zensusbefragungen, ein wackliges Bankgeheimnis, der Liechtenstein-Skandal, die Videoüberwachung bei Lidl, immer wieder Mitarbeiterausspähung bei verschiedenen Unternehmen, die Schufa-Holding in Wiesbaden, das Heer von Computerhackern, die schon überall drin sind und Daten beliebig missbrauchen, die Risiken der „sozialen Netzwerke“, die Schwachstellen von Firewalls und vieles mehr sind.

Als Fazit liest man: Alles ist gläsern, die Nutzer wissen nicht, auf was sie sich einlassen, jeder Mausklick, jeder Tastenanschlag, jedes Passwort wird zum Risiko. Und dann kommt der ultimative Ratschlag, wie man sich gegen Angriffe auf die Privatsphäre schützen kann: „Einfach abschalten! Natürlich schaltet keiner ab. Das kleine i-Phone von Apple weist den Weg. Die „Wifi-Abhängigkeit“ wird in unserer Zivilisation bald kein Engpass mehr sein für die rasante Weiterentwicklung der infomobilen Gesellschaft. Als Beispiel sei NFC (near field connection) genannt. NFC ermöglicht das Lesen von passiven Informationsträgern z.B. auf Plakatsäulen oder an S-Bahn-Stationen durch mobile Telefone. Die sind schon längst zu multifunktionalen IT-Endgeräten mutiert und werden auf Neu-Deutsch liebevoll „Handy“ genannt. NFC wird eine völlig neue Welt von Anwendungen ermöglichen und das „Handy“ zum zentralen Zahlungsmittel für unterwegs machen.

Denn, wenn etwas effizient und praktisch ist, dann setzt es sich auch durch. Das beste Beispiel ist das „Handy“. Hier gab und gibt es nachvollziehbare Bedenken, diese auf ganz verschiedenen Ebenen. Viele Menschen haben Angst vor den Auswirkungen der zunehmenden Strahlenbelastung. Manchen gefällt es gar nicht, dass Verbindungsdaten und die Inhalte von Gesprächen und Kurzmitteilungen (SMS) aufgezeichnet werden. Auch dass man aus den technischen Daten eines Mobilfunknetzes Bewegungsprofile erstellen kann, schürt vielleicht berechtige Sorgen.  Und keiner mag die Antenne auf seinem Haus, aber jeder hat ein Handy. So hat sich das mobile Telefon durchgesetzt, genauso wie der Geldausgabeautomat, das „Internet-Banking“, das Buchen von Reisen übers Internet und vieles mehr. Einfach weil auch berechtigte Bedenken wie weggeblasen sind, wenn man einen persönlichen Vorteil wahrnimmt.

Sicher, die kollektive und individuelle Transparenz wird in einer IT-dominierten Gesellschaft zu nehmen. Das Risiko des „Erwischt werden und sich der Verantwortung stellen zu müssen“ wird in manchen Segmenten steigen. Ein positiver Aspekt, dem die Orwell’sche Vision entgegen steht. Aber die neue Welt kommt so oder so. Unsere einzige Chance ist, gemeinsam für mehr Toleranz und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft zu arbeiten. Mit Technologie werden wir unsere Sorgen nicht lösen.

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Roland M. Dürre (duerre.de) wurde 1950 in Augsburg geboren. Er studierte Mathematik an der TUM. Heute ist er Vorstandsvorsitzender und Mehrheitsaktionär der InterFace AG in Unterhaching bei München, die er 1984 als InterFace Connection GmbH gegründet hat. Regelmäßig veröffentlicht er im Informatik-Spektrum und unter  HYPERLINK „http://www.IF-Blog.de/“www.IF-Blog.de.

1 Kommentar zu “IT-Ängste, real oder irreal?”

  1. Dr. Werner Lorbeer (Sonntag, der 8. Februar 2009)

    „Sicher, die kollektive und individuelle Transparenz wird in einer IT-dominierten Gesellschaft zu nehmen.“
    Was hier als „Transparenz“ bezeichnet wird bezeichne ich als informationelle Leibeigenschaft. Es stellt sich mir dar als Generalangriff auf das „Private“ wie es John Locke ersonnen hat. Er musste nur über den übermächtigen und unlegitimierten Staat nachdenken. Heute erfolgt die Vernichtung des Privaten zusätzlich über die IT von Verbänden, Behörden, Firmen, Schulen etc., Datawarhousing, Dataminig, Schlüsselzusammenführung etc. Wehe uns, wenn sich alle, noch ein schöner positiv konnotierter Begriff, vernetzen. „transparent und vernetzt“ – so sollen alle sein – nur nicht mehr „privat und kreativ“.

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