Roland Dürre
Freitag, der 29. Juni 2012

Kabarett – Konsument

Ich bin eigentlich ein begeisterter Anhänger vom Kabarett und von Kabarettisten. Habe mit 15 in der Silvesternacht im Radio der Lach&Schieß-Gesellschaft und Dieter Hildebrandt mit Begeisterung gelauscht. Er, Sammy Drechsel, Jörg Hube (der ja auch noch „nebenher“ Schauspieler war) und Gerhard Polt waren und sind für mich Idole. Georg Schramm, den Priol, den Pelzig und den Sigi, Hagen Rether, Pigor, Buchholz, die Gruberin und viele andere habe ich verehrt. So habe ich mir immer sehr gerne und häufig Kabarett aller Art angeschaut und so manchen Abend erlebt, der mich begeistert hat.

Vor kurzem hat sich da etwas geändert. Vom PM Camp in Wien (#pmcamp12vie) bin ich nach gut vier Stunden Zugfahrt in München angekommen und direkt zu Vince Ebert (Holger Ebert) gegangen. Und eigentlich hat der „Vince“ genau so ein Kabarett gemacht, wie ich es mag.

Es war (zumindest in der ersten Halbzeit) ein großer Appell an die Freiheit. Lustig, redegewandt, sehr kritisch, durchaus intelligent auf dem hohen Niveau eines Naturwissenschaftlers. Ein mutiges Programm, das mir eigentlich so richtig aus dem Herzen gesprochen hat. Auch mit großen Pointen, so wie er z.B. einen gar garstig und sehr misslungenen Kopf auf ein Flipchart malte und in die Runde fragte, ob sich jemand trauen würde, darunter „Mohammed“ zu schreiben. Natürlich hat sich keiner gemeldet. Die Angst saß allen in den Knochen.

Klar gab es auch ein paar Plattitüden und manche vorhersagbare Pointe, aber bei so einem langen Programm ist das nicht zu vermeiden. Und ich vertrage ja auch durchaus mal zwischendurch einen plumpen Scherz.

So war das nicht der Grund, dass ich keine Freude am Programm hatte und zur Pause gegangen bin. Und ich wusste auch gar nicht warum ich unbedingt weg wollte. Denn das Programm war eigentlich so gut, dass ich durchaus auf die zweite Halbzeit neugierig war. Aber ich hatte partout keinen Bock zu bleiben. Und musste lange nachdenken, warum das so war.

Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte keine Lust mehr, als Konsument in einem Saal zu sitzen und mir Dinge erzählen zu lassen. Selbst dann, wenn mir mehr oder weniger alles, was da gesagt wurde, gefällt. Obwohl es lustig war und es so viel zum Lachen gab.

Der Kontrast zum PM Camp (einem sehr interaktiven Barcamp) war einfach zu groß. Da durfte ich zuhören, wenn ich wollte. Und etwas sagen, wenn ich wollte. Jetzt hatte ich einfach keine Lust mehr, Marktschreiern zu folgen. Selbst wenn das, was sie sagen, mir gut gefällt. Ich mag nicht mehr passiv sitzen und zuhören. Ich möchte mitmachen. Ich mag nicht mehr nur Konsument sein, sondern auch produzieren.

Da ist mir auch klar geworden, warum ich Fernsehen gar nicht mehr  mag. Den angeschalteten Fernseher halte ich nur noch als Berieselungsanlage im Hintergrund aus. Warum ich auch keine Lust auf Kino mehr habe und mir nur noch selten Filme anschauen mag. Wenn dann nur noch besonders empfohlene in einer Clique mit ein paar Kumpels.

Ich habe „Null Bock“ darauf, mir Unterhaltung servieren zu lassen!

Und ich habe den Eindruck, dass es immer mehr – gerade jungen Menschen – so geht wie mir.

Die einzige Form von Unterhaltungs-Konsum, der mich begeistert, ist das Theater. Da spielen Menschen mit Leidenschaft für mich. Eine gute Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk. Und die in einem guten Stück vorhandene Dialektik belebt sowohl meine konsumierende wie auch meine produzieren wollende Seele.

Deswegen empfehle ich in München das Volkstheater und die Kammerspiele allen denen ganz besonders, denen es wie mir geht.

RMD

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1 Kommentar zu “Kabarett – Konsument”

  1. Chris Wood (Freitag, der 29. Juni 2012)

    A wise old owl lived in an oak,
    The more he saw, the less he spoke,
    The less he spoke, the more he heard,
    Why can’t we be like that wise old bird?

    Sorry to hear, Roland that you are less and less able to take a break from expressing your opinions! (Nix für Unguat)!

    I seem to be at an earlier stage in this spreading malady.

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