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Keynote “Shareholder Value” von Roland M. Dürre zum GUUG-Frühjahrsfachgespräch 2008

Posted By rd On 11:20 In Management,Unternehmertum | 3 Comments

HI ALL,

jetzt fange auch ich (Roland M. Dürre, InterFace AG) an zu „bloggen“!

Warum?

Schon lange habe ich den Eindruck, dass da in unserer Welt so einiges läuft was nicht so sein kann und darf. Und deshalb möchte ich in Zukunft mit vielen kleinen positiven Beiträgen Menschen zum Nachdenken und Mitmachen bewegen.

Auslöser war das GUUG-Frühjahrsfachgespräch 2008 von vorletzter Woche in München. Martin Schulte, der scheidende Präsident der GUUG, hatte mich eingeladen, die Keynote zu sprechen. GUUG ist übrigens die Abkürzung für German Unix User Group.

Die Tagung war super. Wohltuend waren vor allem die Referenten. Jeder von mir besuchte Vortrag war gut vorbereitet und wurde mit Herzblut vorgetragen. Das war ganz anders und viel besser als bei manch einer von mir in letzter Zeit besuchten, vermeintlich hochwertigen und wesentlich teueren IT-Konferenz.

Besonders groß war meine Freude, dass ich auf der Tagung zahlreiche alte Freunde nach vielen Jahr(zehnt)en wieder getroffen habe. Da waren InterFace-Urgesteine dabei, wie Dr. Hans Peter Huber (bekannt durch seine zahlreichen Veröffentlichungen und Übersetzungen rund um UNIX), Wolfgang Jun (der hat mal CLOU von SINIX auf die gesamte UNIX-Welt portiert) und Hartmut Streppel (heute bei SUN). Aber auch „SNOOPY“, der uns an der Seite von Hans Strack-Zimmermann bei IXOS mit seinen intelligenten und lustigen Beiträgen viel Freude gemacht hat, habe ich nach langer Zeit mal wieder gesehen und manche mehr.

In meiner Keynote habe ich die bei börsennotierten Unternehmen verbreitete Anwendung des Shareholder Value Prinzips – oft verbunden mit dem Versuch, das Unternehmens durch komplizierteste Zielvereinbarungen dominant zu steuern – kritisch hinterfragt. Meine Anregung war, Unternehmen besser und erfolgreicher nach dem Prinzip von Freiheit und Klarheit zu führen. Diesem Gedanken folgend habe ich meine Sympathie und Bewunderung für die „OPEN SOURCE WELT“ ausgedrückt.

Die Resonanz war enorm, mich haben viele Anregungen, Ergänzungen und Fragen erreicht. Nicht alles, was ich gesagt habe, wurde so verstanden, wie ich es sagen wollte. Deshalb jetzt hier als Einstieg in IF-Blog das Thema Shareholder Value als Ausschnitt aus meinem Vortrag.

Shareholder Value

Der Begriff Share Holder Value und das dazugehörige Prinzip wurde von Alfred Rappaport – einem amerikanischen Professor für Betriebswirtschaft – eingeführt und ist in Internet-Zeit gemessen schon ziemlich “alt”. Mr. Rappaport hat den Wert eines Unternehmens ganz einfach als abhängig von der Höhe der Dividende und des Börsenwertes festgelegt und dies als den Shareholder Value bezeichnet. Das „Shareholder Value Prinzip“ nimmt das Management eines Unternehmens in die Pflicht, als zentrale Vorgabe den Shareholder Value zu maximieren.

Der Shareholder Value wird zur allein handlungsbestimmenden Maßgabe für Management und Unternehmen.

Die konventionelle Betriebswirtschaft berücksichtigt nicht, dass Unternehmen von Menschen gebildet werden und so eher biologischen Organismen als determinierten und bestimmbaren Systemen gleichen. Unternehmen haben in der Regel eine begrenzte Lebenszeit, die aber stark differieren kann! Der Tod eines Unternehmens ist etwas natürliches und ich habe in den letzten 30 Jahren genug IT-Unternehmen gesehen, die “in die ewigen Jagdgründe eingegangen” sind.

Die Definition des Shareholder Values ignoriert die Bedeutung der Dimension Zeit. Kann man wirklich den Erfolg eines Unternehmens bewerten, ohne dessen Lebensdauer zu berücksichtigen?

Im Gegenteil: Muss man – um den Wert eines Unternehmens (sprich einer Unternehmung) korrekt zu bewerten – neben dessen Wertschöpfung im Laufe seiner Existenz nicht auch die sonstigen positiven und negativen Auswirkungen und eventuell Hinterlassenschaften auf Umwelt und andere soziale Systeme in die Gesamtbilanz einbeziehen?

Für mich ist ein Unternehmen ein soziales System, das eine Sinngebung haben muss. Und dieses soziale System „gehört“ zwar den Anteilseignern (den Shareholdern). Wichtiger sind aber die Anteilnehmer (die Stakeholder). Da gibt es viele:

  • die Kunden, ohne die kein Unternehmen leben kann
  • die Mitarbeiter, die das Unternehmen bilden und gestalten
  • die Lieferanten, die jedes Unternehmen hat
  • die Gemeinde, in der das Unternehmen zu Hause ist,
  • den Staat, an das es die Steuern zahlt
  • die Familien der Mitarbeiter
  • der Kindergarten und die Kneipe um die Ecke
  • und manche mehr!

Gerade bei IT-Dienstleistungsunternehmern wie der InterFace AG ist nicht das Kapital der limitierende Faktor. Dies ist ein weiterer Grund, dem Shareholder einen geringeren Stellenwert zu geben. Die Mitarbeiter schaffen die Wertschöpfung. Und ohne Kunden geht sowieso nichts! Also sind die Kunden und die Mitarbeiter – eventuell ergänzt durch Lieferanten – die wichtigen Stakeholder eines Unternehmens!

Diese Ansicht war übrigens noch in den 70iger Jahren sehr verbreitet. Wie ich 1976 beim Siemens als fest angestellter Mitarbeiter angefangen habe, wurden alle Neulinge im schönen Casino in der Hofmannstrasse in München von einem leibhaftigen Vorstand begrüßt. Und der hat voller Stolz vom hohen Nutzen gesprochen, den Siemens für seine Kunden generiert – und dann von der „Sozialbilanz“ der Siemens AG. Wir waren alle begeistert – und stolz darauf, bei Siemens zu arbeiten!

Nebenbei:
Er hat auch von dem damals aktuellen Unternehmensleitprinzip der Siemens AG gesprochen: „intelligente Diversifizierung mit synergischer Zusammenarbeit” . Synergie war damals noch kein Unwort, aber zu diesem Thema werde ich dann in einem späteren “post” Stellung nehmen.

So verwandelt sich beim Shareholder Value Prinzip mein „Unwohlsein“ in heftige „Bauchschmerzen“. Den Shareholder Value als einziges und ausschließliches Erfolgskriterium für ein Unternehmen anzusetzen, ist nach meiner Meinung nicht nur fahrlässig, sondern gefährlicher Leichtsinn. Und wahrscheinlich nutzt es in der Mehrzahl der Fälle auch den Shareholdern nicht. Es produziert eine kleine Zahl von Gewinnern und eine weit größere Zahl von Verlierern.

Wenn ich heute den Wirtschaftsteil lese, dann sehe ich nichts mehr von Kundennutzen und Sozialbilanzen. Dann sehe ich nur Gewinnoptimierungen und –warnungen, Renditeziele, die nicht erreicht oder übertroffen werden, spekulative Erwartungshaltungen, einen DAX, der ab und zu mal auch um 3 % oder mehr am Tag in die eine oder andere Richtung springt und vieles mehr Gruseliges. Und ich lese von geplanten Übernahmen und Zerlegungen von Unternehmen, die mich mehr an Wirtschaftskrieg erinnern als an eine Wirtschaft, die letzten Endes eine multidimensionale Wertschöpfung für unsere globale, nationale oder lokale Gemeinschaft erbringen sollte.

Jetzt kann man nur hoffen – und da bin ich mir sicher – dass es gerade in Deutschland doch viele mittelständische Unternehmen gibt, die ihr Handeln nicht nach dem Shareholder Value Prinzip ausrichten, sondern soziales Bewusstsein verbunden mit dem Einsatz von gesundem Menschenverstand und selbstredend auch gesunden kaufmännischen Prinzipien zu ihrem handlungsleitenden Prinzip erheben.

Das war meine Stellungnahme zum Thema Shareholder Value, das nächste mal schreibe ich dann, was ich zum Thema „Zielvereinbarungen“ zu sagen habe …..

Vielen Dank fürs Lesen – und ein ganz großes Dankeschön fürs Weiterempfehlen!!!

RMD
(Roland M. Dürre)

P.S.
Roland M. Dürre hat 1984 gemeinsam mit Wolf Geldmacher, Peter Schnupp und Claus M. Müller die InterFace Connection GmbH gegründet. Vor der Gründung hat er bei Siemens, Softlab und InterFace Computer unter anderem viele tausend “lines of code” implementiert. Heute ist er als Vorstandsvorsitzender der InterFace AG (www.interface-ag.de) unterwegs und versucht die Herzen der Menschen für die InterFace AG zu gewinnen.

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