Ich habe mir lange überlegt, ob ich meine persönliche Kindheit- und Jugendgeschichte fortsetzen soll. Ich tue es (ein wenig Mut gehört schon dazu). Was passt besser als die Nacht zwischen Halloween und Allerheiligen? Also, heute Nacht, 23:55, fünf Minuten vor der Radiophilosophie, geht die Trilogie #2 raus.

#1 der Trilogie läuft mit der zweiten Klasse Volksschule aus. #3 ist schon vorbereitet, diesen Artikel werde ich an einem weiteren „nachdenklichen Tag“, dem Buß- und Bettag, veröffentlichen.

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Rosenaustadion_GegengeradeIn Teil 2 der Trilogie über meine Kindheit und Jugend geht es um meine beiden letzten Jahre in der Volksschule (heute sagt man Grundschule) und die ersten beiden Jahre im Gymnasium. Das war die Zeit von der Erstkommunion (1958) bis zur Firmung (1962). Die Phase nach dem Ende der naiven Kindheit und vor dem Übergang in die Pubertät.

Der Erstkommunion wurde ich im Alter von 8 Jahren, also in der 3. Klasse zugeführt, die Firmung hat dann wohl in der 2. Klasse Gymnasium stattgefunden, da war ich dann 12. Die Erstkommunion war für mich als „kindlich gebliebenes Kind“ noch sehr beeindruckend. Die Firmung hat dann aber keine emotionale Rolle mehr gespielt, war nur noch eine lästige Pflichtübung.

So erinnere ich mich gut an unsere Pfarrkirche St.Anton, einem Backsteingebäude mit einer schönen Messinguhr an den Türmen unweit der Wittelsbacher Volksschule. In dieser Kirche habe ich zu Gottesdiensten und Maiandachten viele Stunden als Kind verbracht bzw. verbringen müssen.

Diese Zeit des Heranwachsen war für mich eine Zeit intensiver Gefühle.

Besonders erinnere ich mich an die Winter. Denn die Winter waren lang und die Sommer kurz. Aber zuerst schreibe ich über die Sommer:

Im Sommer war ich oft mit meinen Eltern im Schrebergarten an der Wertach. Das war nicht weit weg von der Rosenaustr. 18, wo wir unsere Wohnung hatten. In einem Haus mit 12 Wohnungen, hinten konnte man auf den Rangierbahnhof und Hbf Augsburg raus sehen. Da wurde es nie langweilig und ich entwickelte eine Liebe zu Eisenbahnen.

Zu unserem Schrebergarten war es nicht weit. Wir mussten das Thelott-Viertel durchqueren und schon waren wir in der kleinen Gartenanlage an der Wertach. Da habe ich gute Erinnerungen an die Sonne und die Wärme des Sommers. Es gab viel frisches Gemüse wie Karotten, Erbsen und zarte Kohlrabi. Das alles und nicht nur die köstlich Beeren (Himbeeren, Brombeeren, Erdbeeren, rote und schwarze Johannisbeeren) sind mir tief haften geblieben.

Biller2LoksIch erinnere mich an die Billerbahn (eine Blech-Feldbahn auf HO-Gleisen zum Aufziehen mit der wunderschönen grünen Lok und einfachen Lorenwagen). Jahrzehnte später hat sie mein Vater bei Aufräumen des Gartenhauses gefunden – es war nur noch ein Haufen Rost übrig geblieben.

Auf dem Weg zum Garten gab es einen kleinen Laden. Dort gab es öfters ein Eis. Die Auswahl war gering (nur zwei Sorten), das Eis um so leckerer. Ein kleiner Quader mit einem Holzstiel, eingewickelt in Alupapier. Die Marke hieß damals Jopa und stand für besonders gutes Eis.

Die Standardbekleidung war am Anfang die kurze Lederhose. Wenn es Herbst wurde, wurde die kurze Lederhose weggeräumt und ich musste lange Hosen, Unterhemden und dicke Pullover anziehen.

Im Winter gab es oft Eisblumen auf den Fenstern. Ich weiß heute noch nicht, ob es an den Doppelfenstern oder an den aufgrund von einzelnen Kohlenöfen nicht immer durchgehend beheizten und so öfters ziemlich kalten Räumen lag. Auch an Kohle aus dem Keller holen und Ofen einheizen kann ich mich gut erinnern. Es war immer sehr schön, wenn das Feuer anfing zu brennen und es langsam warm wurde.

Im Winter gab es viele gute Momente.

Und es gab Lego und unendlich viel Phantasie. Die Freude auf Weihnachten und viele kleine Glücksmomente mehr. Und unendlich viele kindliche Vergnügungen wie Autos zählen (Farben oder Marken) oder im Winter Eisteile vor sich her kicken bis sie zerfallen waren und mitzählen, wie oft sie es ausgehalten haben.

Oder das stundenlange Spiel mit zwei Zügen von Märklin, die ich stundenlang im Kreis fahren lassen konnte. Zur Eisenbahn gehörten meine Wiking-Autos, beides habe ich geliebt. Ewigkeiten habe ich damit einsam in Gedanken versunken gespielt. Und die Kataloge studiert und von dem einen oder anderen unerreichbaren Modell geträumt.

Ich besass nur ganz wenige von den kleinen Wiking-Autos im Maßstab HO. Im Lauf der Zeit wurde das Taschengeld ein wenig mehr, auch Oma und Opa steckten mir öfters Geld zu. Die Wiking-Autos bekamen Glasfenster, die unverglasten Wiking-PKW kamen aus der Mode. Beim „Buchbinder Mayer“ wurden sie zum halben Preis verkauft. Da vermehrten sich meine Autos kräftig. Lieber ein paar mehr Unverglaste. Und am Anfang kamen mir die Autos mit Glasfenstern auch irgendwie unwirklich vor. Das hat sich dann aber auch gelegt.

Der Buchbinder Mayer war übrigens ein Schreibwarengeschäft mit ein paar Spielsachen. Das Geschäft lag in der Gögginger Str. stadtauswärts Links war der der „Prinz Eugen“, in dem ich bald meine Schachkarriere starten sollte. Der Prinz Eugen war das Spiellokal von VASJ – Verein Augsburger Schachjugend, trotz des irritierenden Namen ein eigener und sehr erfolgreicher Schachverein. Und noch ein Stück stadtauswärts auf der anderen Straßenseite war der Buchbinder Mayer. Soweit ging mein Radius schon relativ früh. Gerne machte ich nach der Schule den Umweg zum Autokaufen – und wurde geschimpft, weil ich später als normal heimkam. Dafür hatte ich dann ein Wikingauto mehr – das war es mir wert.

Die Gögginger Str. ist die die Fortsetzung der Hermanstr. ab der Gögginger Brücke über die Eisenbahn auch nach München. Es war damals eine Straße mit einer Strassenbahnschienen und beidseits großen Vorgärten und Bäumen. Auch der Buchbinder Mayer hatte einen riesigen Vorgarten. Heute ist die Straße zwischen den Häusern eingezwängt, vierspurig mit einer abgetrennten Straßenbahntrasse und extra Parkbuchten. Und vor dem Geschäft, das schon lange keine Schreibwarengeschäft mehr ist, gibt es nur noch einen schmalen Fußweg. Die großen Bäume sind verschwunden, dafür stehen da heute wirklich mächtige Ampelanlagen.

Und Sommers wie Winters, Lesen Lesen, Lesen. Da gab’s die Pfarrbücherei mit ihren vielen Büchern. Damals war es noch Enid Blyton anstelle von Joanne K. Rowling. Und vor allem: Karl May. Und alles, was irgendwie nach Abenteuer klang und spannend war. Und das schönste war, Abends heimlich im Bett lesen. Außer, ich wurde erwischt.

Im Sommer gab es andere sich immer wiederholende schöne Dinge: das Gebolze fast jeden Tag auf der Wiese vor St. Anton oder das sonntägliche in die Pilze gehen. Da gab es viele Momente großen Glücks.

Es gab aber auch besondere Erinnerungen: Einmal wollte ich der kleinen Schwester (5 Jahre jünger) etwas tolles zeigen – die Löcher an der Böschung neben den Gleisen der Lokalbahn. Ich sollte auf sie aufpassen und ging mit ihr zum spielen dorthin. Da hatte ich Pech und wurde von der Polizei heimgebracht.

Oder die große Freude des Vaters am Frühstückstisch über sein kleines Transistorradio von Grundig (mit 6 Transistoren). Heute ist es Basis des Logos unserer Radiophilosophie.

Besonders erinnere ich mich an den Weg in die Kirche von der Rosenaustr. durch den Stadtpark und an das Rosenaustadion. Als Sohn aus einer Mischehe wurde ich katholisch getauft. Offensichtlich war der Druck der katholischen Fraktion größer. Sonntags musste ich in die Kirche gehen. Das wurde oft zur lästigen Pflicht.

Und dann kam die „1. Heilige Kommunion“. In der Schule mussten wir für gar nicht so wenig Geld Passionsbilder kaufen und in ein Heftchen kleben. Und fromme Sprüche dazu schreiben.

Diese Bilder waren ziemlich sadistisch und haben mich irritiert. Zeitgleich haben wir zu beichten gelernt. Das war am Anfang nicht schlecht. Ich hatte nach dem Beichten dann immer so eine richtig reine kindliche Seele, inklusive eines spontanem Glücksgefühl jetzt auch seelisch wieder sauber zu sein.

Und dann ist es passiert. Neben der Kirche St. Anton war der Wittelsbacher Stadtpark. Da waren ehrwürdig große Bäume und eine wunderschöne Natur. Und eines Tag hatte ich das Gefühl, dass mir Gott im Park näher als in der Kirche ist. Und wenn ich dann allein in die Kirche gehen durfte, dann bogen die Schritte nach rechts ab und ich ging in den Park. Und kam dann pünktlich nach dem Gottesdienst zurück. Und alle waren zufrieden, ich glaube auch der liebe Gott.

Im Park war auch der Rudolph-Diesel-Hain. Die Geschichte war, dass dankbare Japaner die schönen Steine der Stadt Augsburg geschenkt haben. Dankbar waren die Japaner dem Rudolph Diesel, weil er den nach ihm benannten Motor erfunden hat und somit die körperlich schwere Arbeit auch in Japan reduziert hat. Und die Stadt Augsburg hat mit diesen Steinen besagten Hain gegründet.

Auch der Weg zum Rosenaustadion ging durch den Stadtpark.

Das Rosenaustadion, das war für mich emotionale Freiheit und eigene Traumwelt. Da war ich schon ganz früh alleine unterwegs, in meiner Erinnerung so ab 6. Den BCA habe ich geliebt, mit den Schwaben hat mich eine Hassliebe verbunden. Die Sonntagsspiele im Rosenaustadion waren das Highlight der Woche. Und die schlimmste Strafe war ein Besuchsverbot für eines dieser Spiele, weil ich z.B. meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

Ich kam dann ins Gymnasium (Trilogie Teil 3, folgt noch). Da wurde spätestens in der 3. Klasse (nach heutiger Zählung 7. Klasse) alles anders.

Aber die Freiheit, die ich meine, habe ich in den Jahren 1958 bis 1962 auf der Bolzwiese bei St. Anton, im Park und im Rosenaustadion gefühlt!

RMD

Hier ein paar Lieder, die meine Gefühle wiedergeben, wenn ich an die Zeit von 8 – 12 denke! Obwohl die Lieder erst ein paar Jahre später kamen. Aber vielleicht ging es den Jungs, die da gesungen haben, ja ein wenig ähnlich.

3 Kommentare zu “Kindersommer und – winter, St. Anton & Rosenaustadion – (Trilogie Kindheit und Jugend #2) ♫”

  1. Chris Wood (Montag, der 2. November 2009)

    Dear Roland, your choice of music seems to indicate that you were involved with drugs even at this early age (Strawberry Fields and LSD). Penny Lane would have fitted your text better. To show real courage, you need to write about your early sex experiences. I know that my thoughts at 11 already involved sex. Besides goals scored at football, and tries scored at rugby, some of my most vivid early memories involve sex.

  2. Roland (Montag, der 2. November 2009)

    Hi Chris, wenn ich mal Zeit habe, werde ich „erotische“ Literatur schreiben. Und natürlich auf den eigenen Erlebissen aufbauen. Würde mir riesig Spaß machen. Machst Du mit?
    RMD

  3. Chris Wood (Mittwoch, der 4. November 2009)

    Wahrscheinlich bin ich zu feig.

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