Roland Dürre
Donnerstag, der 28. November 2019

Klassentreffen.

Als Playboy auf MS EUROPA (20**)

1950 Geburt in Augsburg-Göggingen.

1956 Einschulung in eine Volksschule in Augsburg bei St. Anton.

1960 Wechsel ins Gymnasium Jakob-Fugger

1969 Abitur und Start Studium Mathematik / Informatik an TH München.

1970 Einberufung zur Wehrpflicht.

1976 Wechsel vom Studenten und Taglöhner zum Angestellten.

1980 Vater geworden.

1982 Im Management-Training gelernt, dass Kommunikation vor allem Zuhören heißt.

1984 Gründung eines IT-Unternehmen.

...

2018 Endlich das Buch zur „gewaltfreien Kommunikation“ gelesen.

2019 Kulturschock beim Klassentreffen.

Der Leser, der mich kennt, hat es wohl schon gemerkt. Die tabellarischen Daten sind wichtige Meilensteine meines Lebens. So ist es richtig, dass ich in diesem Jahr zwei 50-jährige Jubiläen hatte:

  • Ich habe offiziell 50 Jahre intensiv in Informatik oder besser Digitalisierung gewirkt.
  • Und ich hatte vor 50 Jahren in Augsburg im Jakob Fugger Abitur abgelegt.

Und heute liege ich nach meinem erstem und sehr schönem Tag in Lima ein wenig müde im Hotelbett. Und denke nach, weil es noch zu früh zum Einschlafen ist.

Ich reflektiere die letzten Wochen vor dem Abflug nach Lima. Die waren ziemlich stressig – und da ging einiges unter. Wie das Klassentreffen Ende Oktober. Meine Abiturklasse hatte 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Es war das erste Wiedersehen nach mehr als fünf Jahren.

Wir waren 24 Schüler in der Klasse, als wir 1969 Abitur machten. Im Laufe der Jahre sind zwei der Kameraden gestorben, so leben heute noch 22. Und von diesen war immerhin ein Dutzend da. Zwei hatten trotz Zusage kurzfristig abgesagt, alle anderen bis auf einen langfristig. Eine gute Ausbeute.

Das Treffen war in Neusäß nahe Augsburg in einer unerfreulichen Kneipe.

Wir waren 12 weiße alte Männer und die Barbara (die kommt immer mit) an einem langen Tisch. Im lauten Saal waren fünf lange Tische, alle ähnlich besetzt. Das Durchschnittsalter bei uns und im Saal war um die 70, die wenigen Frauen die dabei waren, machten das Bild nicht besser.

Der Service war wie in vielen deutschen Gasthäusern nicht aufmunternd, das Essen recht „convenient“. Auf der Rückfahrt wurde ich sehr nachdenklich. Und musste lange nachdenken, bis ich wusste warum.

Wahrscheinlich waren wir von der Ausbildung her der beste der fünf Tische. Meine Klassenkameraden waren alle schlaue Bürschchen, die ihr Studium bestanden haben und im Leben doch recht erfolgreich agiert hatten. Sie hatten alle tolle Positionen, füllten Ämter wie Richter aus, hatten es zum Wirtschaftsprüfer oder Apotheker gebracht.

Wir hatten eine Reihe Lehrer in der Runde (in Augsburg gab es 1969 nur eine Pädagogische Hochschule, die anderen Fakultäten kamen erst später und der Augsburger ist vom Typ her eher des Sesshafte). Und die sein auch alle mindestens stellvertretende Rektoren geworden.

Auch sonst waren meine Klassenkameraden eher vernünftige Menschen. gewesen Eher pazifistisch gesonnen und sozial eingestellt.

Aber zum Klassentreffen war ich in der konservativsten Runde gelandet, die ich seit langem erlebt hatte. Und mir wurde klar, warum Deutschland Zukunft nicht mehr kann.

Wir hatten an diesem Abend die üblichen Themen: Neben Schwanks aus der Vergangenheit ging es um das Auto, die Digitalisierung und den Klimaschutz.

Mit meiner Bewertung diese Themen bin ich auf den Bauch gefallen. Ich glaube nämlich folgendes.

  • zum Auto:
    Ich fahre keines mehr, auch weil ich keine Zeit mehr zum Auto fahren habe und ich ohne Auto glücklicher lebe als mit.
  • zur Digitalisierung:
    Ich gehe davon aus, dass das Internet die wichtigste Maschine der Menschheit ist und wir ohne diese unseren Planeten nicht mehr retten werden können und
  • zum Klimaschutz:
    Ich glaube dass es schon zu spät für die Rettung des Planeten sein dürfte, und wenn die Welt nicht an der Erwärmung verursacht durch Kohlendioxyd krepieren wird, dass sie es dann an der vielfältigen Zerstörung des Ökosystems etwa durch Plastik, Radioaktivät und Zubetonierung tun wird.

Und ich habe kapiert:
Jeder meiner Klassenkameraden kann mir erklären, wie ein Verbrennungsmotor beim Auto funktioniert. Egal, ob es ein Benziner oder Diesel ist. Oder ein Zwei-Takter. Wahrscheinlich geht auch das Prinzip vom Wankel-Motor.

Aber keiner von ihnen wird sein Lebtag lang verstehen, wie eine Programmiersprache funktioniert. Was der Unterschied zwischen einem Compiler und einen Interpreter ist. Wie eine relationale Datenbank aufgebaut ist und was eine blockchain als funktionalen Wert bringt. Sogar die Genialität eines Hyperlinks werden sie nicht begreifen.

So lassen sie sich auch nicht von KI beeindrucken und empfinden die ganze moderne Zauberei der elektronischen Geräte als ein Strohfeuer, dass bald wieder erlöschen wird. Weil man die ganzen Spielzeuge wie das Internet ja eh nicht brauchen würde.

Sie stellen sich vor, dass sich das die ganze Digitalisierung wieder verschwinden wird, genauso wie die Klimaveränderung, die Vermüllung der Welt durch Plastik oder das Verschwinden der biologischen Artenvielfalt.

Sie glauben auch, dass unser gut bürgerlicher Wohlstand nicht für unser restliches Leben sondern auch für Generationen nach uns gesichert sein wird.Dafür würde die EU schon sorgen.

Weil in ihre Köpfe einfach nicht rein geht, dass auch Dinge passieren können, die nicht passieren dürfen.

So war der Klassentreffen-Konsens am Ende der Runde:

Der Planet könne ja gar nicht am Ende sein, weil das einfach nicht gehen würde.

So nach dem Motto:
„Was nicht sein darf, das kann doch gar nicht sein. Gut, es gäbe ein paar Spinner, die solche Ängste schüren würden. Davon dürfe man sich aber nicht verrückt machen lassen. Und ich wäre ja auch immer schon ein Spinner gewesen. Hätte ich doch nur Science Fiction Bücher gelesen. Und wer in der Computerei arbeite, der müsse ja eh verrückt sein.“

Vielleicht ist es aber auch ganz einfach so,  dass Menschen, die nicht programmieren auch die Welt und ihre Zusammenhänge nicht verstehen können.

Vielleicht haben sie ja Recht?

Das wäre mir fast lieber!

RMD

 

1 Kommentar zu “Klassentreffen.”

  1. Hans Bonfigt (Donnerstag, der 28. November 2019)

    Hallo Roland !
    Es ist schön daß Deine Klassenkameraden wenigstens wußten, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert.

    Moderne „Aktivisten“ verstehen das nicht. Genausowenig wie sie den Unterschied zwischen einer Mail und einer SMS kennen.

    Aber sie wissen, wann das neue Eifon premium herauskommen wird.

    Solange es keine Diskussions- und Streitkultur wieder in Deutschland gibt, werden wir unseren Kurs nicht ändern.

    In einem hier folgenden Artikel habe ich Ihnen ausführli ch geantwortet.

    Gruß, Ihr HB

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