Roland Dürre
Dienstag, der 20. November 2018

Kommunikation

Vor ein paar Jahrzehnten als Steuermann auf dem Hausboot in Frankreich.

Für mich ist gelingende Kommunikation ein ganz zentrales Thema. Ohne sie ist menschliches Leben und Zusammenwirken nicht vorstellbar. Wenn ein Team nach Erkenntnisgewinn strebt, wenn neue Ideen geboren und Neues entstehen, wenn gemeinsamer Konsens geschaffen werden soll, dann ist die Kommunikationsfähigkeit der Menschen im Team von höchster Bedeutung.

Auch „Führung“ (ein eh schon überstrapazierter Begriff, den ich so langsam leid werde) kann nur funktionieren wenn Kommunikation funktioniert. Eine Partizipation an einem gemeinsamen Unternehmen kann nur gelebt werden, wenn die Kommunikation stimmt. Und so weiter …

Nur – mit der Kommunikation ist es nicht so einfach!


Ich unterscheide modellhaft zwischen zwei Basis-Kommunikationsarten. Die sind völlig verschieden.

Das eine ist das unbeschwerte Ratschen, das wir in Neu-Deutsch Smalltalk nennen. Das ist die typische Kommunikation wie sie zum Beispiel auf „Cocktail-Partys“ stattfindet. Sie hat einen großen Wert, denn ab und zu können da ganz gute Ideen entstehen. Der Zufall schlägt zu und man stellt Gemeinsamkeiten fest, die trefflich genutzt werden können.

Smalltalk ist die Kunst, sich mit Bekannten und fremden Menschen unbefangen austauschen zu können. Wenn es zum Beispiel etwas zu feieren gibt. Der Smalltalk is aber in der Regel nicht zweckorientiert. Man hört einfach anderen zu und gibt seine eigenen Gedanken preis. Und wenn man sich öffnet, entsteht in der Regel Vertrauen.

Wenn es „ums Geschäft geht“, dann erscheint der Smalltalk zu wenig zielgerichtet. Gerade zielgerichtete  oder „funktionale“ Kommunikation ist besonders schwierig.
🙂 Das merkt man schon, wenn man mit sich selber kommuniziert. Ist man zu zweit, dann wird es nicht einfacher. Und je mehr Menschen es werden, desto schwieriger wird es Konsens zu finden und/oder Erkenntnis zu gewinnen.

So ging es auch schon den alten Griechen. Deshalb haben sie die Dialektik erfunden. Diese Kommunikations-Technik wurde z.B. von den Jesuiten bis zum Ende des letzten Jahrtausends gepflegt – oft in Altgriechisch und Latein, dies einfach um Sprachbarrieren zu überwinden. Und sich in den klassischen Sprachen zu üben.

Ich kenne da Geschichten, dass vom selben Team ein Thema am Vormittag in Latein und am Nachmittag in Griechisch geübt hat. Und dass da andere Ergebnisse rauskamen. Wir wissen aber nicht, ob da die Sprache oder die Tageszeit die Ursache war.

Kommunikation ist nicht einfach. Es fängt an mit „zuhören“ und der “  Fähigkeit, auf den anderen eingehen“ können. Das klingt einfach ist aber alles andere als das. Wenn das klappt, fängt Kommunikation an zu funktionieren.

Die „Wirtschaft“ entwickelte eigene Kulturen der Kommunikation wie auch die „Philosophie“. In der Wirtschaft gab es dann Teilnehmerlisten und Agenden, die „professionell“ abgearbeitet werden. In der „industriellen Revolution“ gab es die Ingenieure, die das Wissen hatten – und die „dummen Baueren“, die arbeitslos geworden nach Arbeit und vor allem Einkommen suchten. Für die Ingenieure gab es viel zu tun, denn den „dummen Bauern“ fehlte sogar das Bewusstsein für die Uhrzeit. Heute sind aus den Ingieuren die „allwissenden Manager“ geworden, die Mitarbeiter wollen aber keine „dummen Bauern“ mehr sein. Das schafft Probleme.

So ist geht die Zeit der Meetings mit den vom Management vorgegebenen Agenden zu Ende. Aber wie schafft man eine neue Effizienz der Kommunikation, die es ermöglich in kleinen wie größeren Gruppen Erkenntnisgewinn und Konsens zu gewinnen ohne dabei die Kreativität zu verlieren?

Ich habe für diesen Zweck klassische Formate kennen, nutzen und lieben gelernt:

  • Die Dialektik der alten Griechen inklusive Dialog, Debatte, Fahnenbildung mit Untertechniken wie das Bilden von Syllogismen. Alle diese Formate helfen uns auch in der modernen Welt – der Dialog z.B. bei „pair programming“.
  • Den redlichen Diskurs (Habermas)

Ich meine, dass es Sinn macht, bei stark zweckorientierter Kommunikation solche Formate zu nutzen. Diese Formate haben einen Nachteil: Sie müssen entweder von den Teilnehmern beherrscht, also erlernt werden. Das ist mühsam. Wenn dies nicht vorhanden ist, dann benötigt man einen kompetenten Moderator.  Und die sind selten geworden.

Das Internet hat uns eine Zeitenwende gebracht. Spätestens ab dem Web 2.0 erleben wir eine Veränderung: Aus passiven Teilnehmern werden aktive Teilhaber. Die „dummen Bauern“ sterben aus. Eigenverantwortung und Selbstorganisation werden einem passiven Lemming-Dasein vorgezogen. Und so sind Ende letzten Jahrtausends ganz neue Kommunikationsformate entstanden. ich nenne sie mal die „modernen“. Hier ein paar Beispiele:

Über diese und weitere Kommunikationsformate kann man viel im Netz  lesen. Lean coffee ist ganz einfach und funktioniert gerade bei kleinen Teams prächtig. Ich nutze es auch für zweiere Gespräche. Die drei anderen sind eher für größere Gruppen zu empfehlen.

Ein besonders witziges Format ist die fishbowl. Ich finde die Beschreibung dazu in Wikipedia nicht so glücklich. Im Prinzip gibt es einen inneren und einen äußeren Kreis. Außen sind die Zuhörer, innen sitzen die gerade aktiven Debattanten. Innen muss immer ein Stuhl frei sein. Die Zuhörer dürfen sich jederzeit in den inneren Kreis begeben und dürfen dann den nächsten Beitrag erbringen. Einer der Stuhlinhaber im „inneren Kreis“ muss dann sofort seinen Platz freigeben und sich in den äußeren Kreis begeben. Jeder im inneren Kreis darf diesen jederzeit verlassen.

Mir gefällt die Variante mit dieser Regel am besten. Wenn der innere Kreis leer ist, dann ist Schluß, weil es ja offensichtlich keine Beiträge mehr gibt. Da das natürlich nicht immer möglich ist, legt man meistens eine Maximaldauer (timebox) fest.

Zur Wiederholung:
Immer wenn jemand aus dem äußeren Kreis in Richtung des inneren Kreises geht, um den freien Stuhl einzunehmen muss einer der aktuellen Debattanten seinen Stuhl freimachen. Es ist immer wieder verblüffend, wie gut das funktioniert, auch weil im inneren Kreis so eine Art von „jammen“ entsteht.

Besonders zu empfehlen ist die fishbowl, wenn ein Expertenteam kurz berichtet und bei der Diskussion die Zuhörer eingebunden werden sollen. Das Herumtragen von Mikrophonen entfällt, die Diskussionsbeiträge werden selbstorganisiert erbracht. Und es gibt nicht mehr den mächtigen Moderatoren, der die „wichtigen Leute“ bevorzugt.

RMD

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