Roland Dürre
Sonntag, der 20. September 2015

Konferenz versus Unkonferenz

Warum ich keine Konferenzen mehr mag, Barcamps aber liebe?
ODER: 
Was auf Barcamps alles so passieren kann!

Gute Laune in Dornbirn auf einem PM-Camp.

Gute Laune in Dornbirn auf PM-Camp

Ich mag keine Konferenzen mehr. Deshalb stehe ich als Redner für solche Veranstaltungen nur noch in Ausnahmefällen zur Verfügung wie demnächst wieder auf der DOAG-Konferenz in Nürnberg.
😉 Oder gegen gute Bezahlung.

Denn wie geht die Redner-Auswahl bei Konferenzen? Mindestens sechs, meistens aber wesentlich mehr Monate vor dem Termin müssen potentielle Referenten ihren Beitrag einreichen. Mit einem konkreten Thema, einem Summary und einer Kurzfassung. Meistens mit vorgegebener Anzahl von Zeichen und einer blöden Word-Vorlage.

Aber wie soll ich im Januar wissen, was mich zum Jahresende bewegt? Woher wissen wie die Dinge sich in den Monaten bis zum Vortrag weiterentwickeln?

Nach Einsende-Schluss tagt das Konferenz-Komitee. Das soll die passenden Beiträge auswählen. Die Juroren im Komitee müssen auf die Veranstaltungs-Sponsoren, die Vertreter zahlreicher Interessen und der Industrie, diverse Amigos, politische Einflussnahme und vieles mehr Rücksicht nehmen. Sie kennen die meisten Einreichenden nicht persönlich, so können sie auch nichts über deren Redner-Qualitäten wissen. Oft fehlt ihnen auch die fachliche Kompetenz.

Junge Referenten, die vielleicht wirklich etwas zu sagen hätten, haben da keine Chance und dementsprechend sieht dann das Konferenzprogramm auch aus.

Die glücklich Ausgewählten müssen ein Manuskript einreichen. Das muss dann auch wieder eine bestimmte Länge haben, die Word-Vorlage ist in der Regel noch schlimmer als die bei der Einreichung. Auch das Manuskript muss immer noch eine ganz schöne lange Zeit vor der Konferenz eingereicht werden. Denn der Begleitband muss ja gedruckt werden.

Da denke ich mir, warum soll ich etwas vortragen, dass doch jeder der Anwesenden schriftlich vorliegen hat? Ich rede immer frei, ohne Powerpoint oder ähnliches. Wenn ich in einem großen Raum spreche, bitte ich meinen Graphiker mir ein paar Dia zu erstellen, die meine Rede emotional unterstreichen. Aber nicht mehr. Was ich genau erzähle weiß ich doch erst am Tag der Veranstaltung – und das ändert sich auch noch während des Vortrages den Rückmeldungen meiner Zuhörer folgend.

Und dann kommt der große Tag. Meistens beginnt die Konferenz mit einem aufwändigem Einführungsbromborium mit Grußworten und ähnlichem. Hier wird dann das Sitzfleisch und die Fähigkeit „wach zu bleiben“ der Zuhörer schon mal geprüft. Und dann wird kräftig „one-way“ beschallt.

Die Referenten lesen brav ihr Manuskript aus dem Tagungsband vor, der eine macht das besser, der andere schlechter. Wortmeldungen sind kaum möglich, ein Diskurs entsteht nie. Oben wird vorab Produziertes runtergeleiert, das unten vom Publikum konsumiert werden soll.

Mit einer lieben Freundin (einer renommierten Professorin) war ich vor kurzem auf einer akademischen Tagung. Da war es auch nicht viel anders. Auf meinen Hinweis, dass die Beiträge schon erstaunlich schwach wären, hat sie mich damit getröstet, dass die Vorträge ja Nebensache wären. Wichtig wäre, sich mal zu treffen und auszutauschen. Und vor allem die Abendveranstaltung würde den Wert des Treffens ausmachen.

Und das stimmt ja auch – wir müssen unser Wissen teilen und miteinander reden, wenn wir weiter kommen wollen. Aber für was brauche die Vorträge tagsüber, die keinen interessieren? Wahrscheinlich ist das dann nur eine Staffage fürs Finanzamt, um reisen und abends gemeinsam bei Speisen und Wein reden zu können..

PM-Camp Berlin 2015, Thema Komplexität by VisualBrainDump

PM-Camp Berlin 2015, Thema Komplexität by VisualBrainDump.

Bei einem Barcamp ist das alles ganz anders. Und nach meiner Meinung viel besser!

Also, was ist ein Barcamp? Natürlich findet Ihr in Wikipedia eine hervorragende Beschreibung. Ich versuche hier aber mal, das Thema ganz anders zu beleuchten.

Stellt Euch vor, 50 bis 100 Menschen treffen sich. Zum Beispiel Blogger, Unternehmer oder Experten. Oder Menschen, die bereit sind eine besondere gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen oder einfach nur gemeinsame Interessen haben.

Vorzugsweise sollten das Menschen sein, die gerne und ganz offen ihre Erfahrungen, ihr Gelerntes aber auch ihre Probleme teilen. Die auf Augenhöhe kommunizieren und an wichtigen Themen partizipieren wollen. Die nach autonomer Aufgeklärtheit streben, die vom redlichen Diskurs des Professor Habermas träumen (vielleicht ohne es zu wissen), die sich alle duzen und die gerne auch die anderen ausreden lassen. Selbst dann muss man eine Tagung nach heutigem Stand irgendwie organisieren.

Beim Barcamp ist es ganz einfach. Man stellt genug Räume bereit, in denen die Sessions stattfinden. Ein Raum muss so groß sein, dass alle Teilnehmer reinpassen. Dort werden gemeinsam die Sessions  entwickelt. Deshalb steht in der Mitte dieses Raumes eine Tafel. Auf Ihr ist einer Matrix, bei die Zeilen die Zeit der Sessions vorgeben (zum Beispiel für jede Stunde eine Zeile). Die Spalten markieren die Räume A, B, C …

Beispiel für eine Sessionplanung bei einem PM-Camp

Beispiel für eine Sessionplanung bei einem PM-Camp.

Und jeder, der ein Problem hat, das ihm auf den Nägeln brennt, geht raus an die Tafel, heftet eine Karte mit seinem Thema ran und reserviert so den Raum und die Zeit für seine Session. Dann stellt sich vor und schildert knapp, zu welche Thema er berichten und welche Form er für diese Session vorschlagen möchte. Und wenn genug Karten an der Tafel hängen oder die Tafel voll ist, dann geht es los.

Wenn man dann noch einen schönen Kaffeeraum hat, es dort immer etwas zu essen und trinken gibt, dann ist der Erfolg schon fast gewährleistet. Denn es gibt noch eine Regel:

Jeder beim Barcamp ist frei.

Er kann wie ein Bienchen, das Honig sammelt, eifrig an möglichst vielen Sessions teilnehmen. Er kann aber auch wie ein Schmetterling nur bunt durch die Gegend flattern (Biene und Schmetterling sind die klassischen Metaphern fürs Verhalten bei einem Barcamp) und sich da aufhalten, wo es ihm gerade gefällt.

Wenn ein Teilnehmer merkt, dass er in der falschen Sitzung ist, dann soll er diese verlassen. Das ist bei einem Barcamp nicht unhöflich, im Gegenteil fast eine Pflicht, damit es funktioniert. Deshalb sollten die Türen zu allen Räumen immer offen stehen.

Die Regel sagt auch: Alles was passiert, ist das genau das, was passieren sollte. Wenn zu einer Session nur wenige Besucher kommen, ist es genauso richtig wie wenn alle zu einer kommen. Es schaukelt sich schon zu recht.

Neuerdings versuchen Barcamp-Veranstalter einen Rahmen anzubieten, in dem die Sessions dokumentiert werden können. Es gibt eine besondere Variante des Barcamps, den OpenSpace, da ist die Dokumentation Pflicht und wird von einem sogenannten OpenSpace-Office unterstützt. eingesammelt und zusammengefasst.

Party beim PM-Camp in Dornbirn

Party beim PM-Camp in Dornbirn.

So einfach ist Barcamp. Ein Barcamp dauert in der Regel zwei Tage. Die Party am am Abend des ersten Tages tut immer sehr gut. Am zweiten Tag finden dann oft besonders viele spontane Sessions statt.

Ein Barcamp gilt genau dann als erfolgreich, wenn alle Teilnehmer – die wir beim Barcamp auch „Teilhaber“ nennen – zufrieden und glücklich die Heimreise antreten, mit vollem Herzen und Geist.

Obwohl man von einem Barcamp keine Ergebnisse erwarten soll, passiert dort oft Erstaunliches. Ich kenne Bewegungen und Unternehmen, die als Idee in einer Session entstanden sind. Es bilden sich erstaunlich viele Freundschaften und schöne Netzwerke. Die Anregungen sind immer groß. Barcamps bewirken so viel, helfen Menschen ins Nachdenken zu kommen, Dinge anders zu bewerten und privat wie „beruflich“ oder „geschäftlich“ erfolgreicher zu werden.

actmobcmp_100-300x86Ich war bei Camps wie OpenStartUp oder WorkLifeBalance. Dort und in fünf Jahren PM-Camp habe ich das Beschriebene erlebt. Beim PM-Camp ging es um Projekt Management, Führung und Unternehmertum. Ich habe jetzt gelernt, dass es Wichtigeres gibt. Zum Beispiel wird die Art, wie wir unsere Mobilität gestalten, von zentraler Bedeutung für unsere Zukunft sein. Deshalb habe ich mit Freunden ein neues Barcamp für „Aktive Mobilität im Alltag“ #AktMobCmp gegründet.

Wir starten am 4./5. Januar 2016 in Unterhaching.

RMD

1 Kommentar zu “Konferenz versus Unkonferenz”

  1. Warum treffen wir uns auf einem Barcamp? | ActMobCamp (Sonntag, der 20. September 2015)

    […] der Link. Viel Spaß beim Lesen und […]

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