Roland Dürre
Freitag, der 11. Dezember 2009

„Kopenhagen und das Klima?“ oder „Was getan werden müsste!“

Zum Wochenende mal ein paar nachdenkliche und radikale Gedanken!

In Kopenhagen wird versucht, das Unlösbare zu lösen, ohne dass es weh tut. Das geht natürlich nicht. Rechnerisch ist mit schrittweisen und vernünftig klingenden Maßnahmen wohl nichts mehr zu retten.

Wenn man den unheimlichen Veränderungsprozess, der den Planeten in grausamer Nüchternheit bedroht, wirklich umkehren will, dann muss man zu ganz anderen Maßnahmen greifen. Dies kollektiv und individuell! Das bedeutet, dass auch jeder für sich persönlich handeln muss!

Was ist also zu tun? Ich schlage vor:

  • Sofort alle kriegerischen Auseinandersetzungen beenden.
  • Alle Investitionen in den Individualverkehr stoppen (keine Straßen und keine Autos mehr).
  • Den Flugverkehr wesentlich einschränken (auf unter 10 % der heute stattfindenden Flüge).
  • Den Schiffsverkehr überprüfen und Schiffe neu erfinden (Segelschiffe?, neue Technologie).
  • Globalisierte Arbeitsteilung und Produktionsprozesse reduzieren.
  • Die Heizungen drosseln, Klimaanlagen abschalten, Gebäude energietechnisch optimieren.
  • Zentrale Technologien durch dezentrale ablösen.
  • Abschaffen von absurden und bürokratischen Overhead-Strukturen und Finanzierungsmodellen.
  • Regeln wie „Lean design“, „cheap design“, „Keep the things simple and stupid (KISS)“ anwenden und befolgen.
  • In Bildung investieren!!!
  • Das Leben „entkomplexisieren“.
  • Recycling-Technologien mit Nachdruck entwickeln.
  • Sinnvolle moderne und ökologische Energieerzeugung mit Hochdruck forcieren.
  • Öffentliche, vernünftige, langsame (!) Verkehrssysteme ausbauen.
  • Auf Mobilität resultierend aus Körperkraft setzen (Fahrrad).
  • (Re-)Regionalisierung von Wertschöpfung – regionale Versorgungsstrukturen (wieder-) herstellen.
  • Abschaffen von nicht ökologischer Produktion von Nahrungsmitteln und Konsumgütern.
  • Weltweit alle großen Kohlendioxidsünden beenden (Regenwälder, Moorlandschaften und ähnliches bewahren und wieder renaturieren).
  • Das Ende des Verpackungs-Overkills erklären.
  • Konsum reduzieren, nur noch notwendige Ersatzbeschaffungen (Motto: 1 Jeans genügt) tätigen.
  • Beschränken auf das Notwendigste an Klimbim.
  • Ernährung umstellen – weniger Fleisch und Fisch – jahreszeitlich adäquate Ernährung – weg von „convenient food“ und großen Standard-Portionen.
  • Hunger (1 Milliarde Menschen hungern) abschaffen und die Vernichtung von Lebensmitteln im Großen wie im Kleinen beenden.
  • Im wirtschaftlichen Leben die Generierung von Gemeinwohl über die Maximierung von Profit stellen (in etwa so, wie es in der Bayerischen Verfassung gefordert wird).

So könnte das Manifest zur Rettung des Klimas aussehen.

Jetzt wird man sagen:

Aber dann geht doch die Wirtschaft kaputt!

Klar geht dann die Wirtschaft kaputt. Und es wird bei diesem Prozess enorme Verwerfungen geben. Aber die sind eh nicht zu vermeiden. Deshalb lieber offensiv den Wandel annehmen und ihn proaktiv steuern, als später von ihm überrollt zu werden. Nur durch vorausschauendes Handeln und Denken kann der Gesamtschaden vielleicht noch gelindert werden. Denn:

Innovation ist nun einmal kreative Zerstörung!

Und wir brauchen eine gigantische Innovationsleistung, um die seit mehr als 200 Jahren massiv voran getriebene und folgenschwere Entwicklung einzufangen.

Einen anderen Einwand zu meinem Manifest kann ich mir gut vorstellen:

Das ist doch alles eine unrealistische Utopie.

Fürchte ich leider auch und wahrscheinlich ist die Zeit dafür auch noch nicht reif. Aber ich meine, man sollte zumindest mal anfangen.

Andere werden behaupten:

Das alles führt uns ja zurück ins Mittelalter.

Und mindert unsere Glückseligkeit. Unsinn! Ich glaube, dass wir heute viel Arbeit und Energie für völlig Unwichtiges aufbringen. Durch Veränderungen und Verzicht wie vorgeschlagen würden wir eine große neue Freiheit und viel Zeit gewinnen. Freiheit ist ein zentraler Wert, Zeit unsere wertvollste Ressource.

Wir würden vieles behalten und manches dazu gewinnen:

  • Den hohen Stand der neuzeitliche Hygenie könnten wir beibehalten (Das ist der wesentliche Grund, dass wir heute gesünder sind als im Mittelalter).
  • Unsere Gesundheit würde sich verbessern, wir hätten mehr Bewegung und Zeit an frischer Luft (Weil uns das fehlt, sind viele von uns kränker als im Mittelalter).
  • Wir würden Zeit gewinnen für unsere Familie und unsere Freunde und könnten unser soziales Leben mehren (wäre doch wirklich schön, wenn man mehr Zeit für seine Lieben, Kinder oder Freunde im Club hätte).
  • Soziale Isolation und Einsamkeit würde abnehmen (Vielleicht gäbe es dann in München wieder weniger als 50 % Singles und auf der Welt weniger Depressionen?)
  • Wir könnten uns mehr unseren Hobbies und dem Sport widmen und Geselligkeit auch jenseits der Arbeitssituation haben (öfters mal Golf oder Tennis spielen, Fischen oder Jagen gehen, Laufen oder Bergsteigen, Kegeln und Kartenspielen …)
  • Wir könnten wieder die schönen Künste pflegen und Kultur, Musik und Theater erleben (wann waren Sie das letzte Mal im Konzert oder Theater?)
  • Wir könnten langsames Reisen und Erleben genießen (ich bin vor kurzem von Budapest nach Constantia geradelt, ein junges befreundetes Paar von München nach Peking).
  • Wir hätten Zeit für unsere Seele (Aufklärung, Religiösität, Philosophie, Lernen)
    und
  • I-Mobilität und der Cyberspace bieten uns eine völlig neue Qualität der Vernetzung von Menschen und Wissen, die wir früher nicht hatten. Wahrscheinlich werden wir uns mehr „sichten“ und weniger treffen. Dafür dass die „IT grün“ wird, sorgen wir schon.

Der Wechsel aus unserer „alten“ Welt in die beschriebene „neue“ lohnt. Ich habe es ausprobiert und bin begeistert. So fahre ich nicht mehr Auto und fliege nur noch, wenn es die „ultima ratio“ absolut erfordert. Meine Verkehrsmittel sind Rad und Eisenbahn geworden. Und trotzdem komme ich jedes Jahr weit herum. Radeln hält mich fit, in der Eisenbahn nutze ich die Zeit zu einem wesentlichen Teil für meine Arbeit.

So gewinne ich viel Zeit, die ich versuche, klug anzulegen. Und fühle mich mit meinem neuen Leben glücklicher und zufriedener als je zuvor.

🙂 Auch wenn ich auf Joghurts aus Plastikbechern verzichte und mir nur noch dann einen neuen Anzug kaufe, wenn ich zwei verschlissen habe.

Aber dran denken, die Zeit läuft uns davon …

RMD

2 Kommentare zu “„Kopenhagen und das Klima?“ oder „Was getan werden müsste!“”

  1. hans-peter kühn (Montag, der 14. Dezember 2009)

    Finde es Klasse, dass Du dem jugendlichen Idealisten, der wohl in Deiner erwachsenen Unternehmerschale wohnt mal erlaubt hast so richtig „die Sau rauszulassen.“

    Also meinen Beifall hast Du!!!

  2. Chris Wood (Mittwoch, der 16. Dezember 2009)

    I was supposed to translate into English for this blog. Being a perfectionist, I found this hard work, and soon gave up. Luckily, Roland found Evelyn, who does the job much faster. Recently I became „Chief Commentator“. To celebrate this honour, I wanted to comment on an important posting. Here is one, but unfortunately my only serious comment is that I agree. As that is too boring, here are some unserious comments.
    Roland: „KISS“ still stands for „Keep it simple, stupid“.
    Fast foods are still „convenience foods“.
    I recently read the New York Times pages that come with the SZ on Mondays. It is interesting to see the different tilt. For instance that a piece about the suicide rate among soldiers in Afghanistan clearly only considers US soldiers. What about all the Afghan soldiers? (In a German newspaper only the problems of German soldiers would be mentioned).
    More relevant to this posting is that the crazy guys who want to continue ruining the environment are called „conservatives“. There is no mention of the fact that the word really means the opposite!
    (I am writing the following from memory; please excuse any wrong details).
    Even more relevant was a piece about the predicted 1% „damage“ to the world economy of reducing CO2 output by 20% over 20 years, (i.e. less than 0.05% per year). This was regarded as acceptable even for „conservatives“. This is crazy. It is not the rate of CO2 output that is the problem; it is the total that will be in the atmosphere. A 20% reduction in output is nowhere near enough. There may easily be positive feedback effects that make the situation much worse; for instance methane release from the tundra, or reduced albedo near the poles. Anyway, of course one cannot calculate the „damage“ accurately. The way the world economy goes is rather unpredictable. I heard that this 1%, (for insufficient CO2 output reduction), has now been revised up to 2%.
    As Roland writes, we shall need real changes in life-style. My household (3 people) spends more than €4000 per year on heating and car fuel together. The costs of these things must at least double. Savings are difficult. The cars are used mainly in connection with work. Public transport is hardly an alternative. Yes, I could wear thicker clothes, and take fewer showers. I could change to a nearer squash club, and see my old friends much less often. I already see too little of my extended family (in England and Prague). I could play chess just in my club, instead of travelling to Passau or Ingolstadt with my team. Holidaying will also cost a lot more. USA will be more affected than European countries. Obama has an (almost?) impossible task to do what is needed. I can understand if he does not want to fight the conservatives on too many fronts at once. And China plans to increase CO2 output.
    The same piece praised the system of carbon-credits, as the right way to save the environment at minimum cost. The Americans may well be right to use capitalism to attack the problem. Why do we hear so little about this in Germany? The paper mentioned a serious problem here with Russia. As with DDR, their heavy industry has seriously declined. So they already have plenty of carbon-credits. If they sell these off quickly, they will drive down the price of them, so that countries will have little incentive to reduce CO2 output. Carbon-credits may be a good idea, but the initial allocations were dubious. The earlier polluters profit (even more) from what they did. No wonder the developing countries object.

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