Roland Dürre
Samstag, der 21. März 2020

Korona: Was wir alles falsch machen.

Ich hatte 70 Jahre lang ein schönes Leben.

Man soll nie „NIE“ sagen. Im letzten C-Artikel habe ich geschrieben, dass ich nicht mehr zu Corona schreiben werde. Und jetzt schreibe ich doch. Denn ich muss meine kritischen Gedanken einfach „rausschreiben“.

Ich werde aber versuchen, in den folgenden Zeilen äußerst sachlich und keinesfalls polemisch auf die katastrophale Entwicklung und nach meiner Meinung weltweit absolut unteroptimale Umgehen mit dem Virus einzugehen. Denn die Schäden, die wir anrichten, sind zu schlimm um sie polemisch oder zynisch abzutun. Morbide Schadenfreude über das Versagen von Politik und des Kapitalismus ist nach meiner Meinung auch nicht mehr angebracht.

Vor der Kritik eine Analyse.

Weltweit beruht die große Angst, man muss ja von Panik sprechen, auf Prognosen, die auf Modellrechnungen basieren. Diese Modellrechnungen zeigen schreckliche Szenarien an, die offensichtlich durch Entwicklungen in Ländern wie Italien bestätigt werden. Die Entwicklungen in anderen Ländern wie China dagegen überraschen positiv, aber auch dort gibt es Modellrechnungen, die uns in massive Sorge vor einer neuen zweiten Welle.

Mit dem Modell wird versucht, die kausalen Strukturen zu schreiben. Ein gefundenes Modell kann man in einen Algorithmus gießen und diesen in einem Programm(-System) implementieren. So ein Programm-System baut auf Parametern, auf deren Basis es dann die Prognose berechnen kann. Die Parameter sind die Eingabedaten des Algorithmus,  das  können ermittelte Annahmen oder gemessene Daten sein.

Wer sich für solche Algorithmen interessiert, dem empfehle ich die Beschäftigung mit der Mandelbrotmenge, im Volksmund auch Mandel- oder Apfelbäumchen genannt. Dann stellt man fest, dass bei Algorithmen, die sich mit Komplexität beschäftigen,  kleine Veränderungen bei den (Input-)Parametern sofort zu völlig anderen Ergebnissen bzw. Prognosen führen. Ähnlich ist es wohl auch bei den Algorithmen zur Prognose des Wetters.

Das heißt einfach aus gesagt, dass ich mit dem Modell zur Corona-Vorhersage trefflich herumspielen kann, bis ich ein Szenario bekomme, dass ich für glaubhaft halte. Und schon bei kleinen Veränderungen an Parametern komplett abweichende Ergebnisse erhalte.

Das erklärt aber auch, warum die Entwicklungen in verschiedenen Ländern völlig unterschiedlich verlaufen. Wenn die Modelle eine gewisse Richtigkeit haben, muss das in der Praxis so sein, weil diese Länder halt völlig verschiedene Eingangsparameter hatten.

Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Institus (RKI), hat in der Tagesschau gesagt:

„Wir sind alle in einer Krise, die ein Ausmaß hat, das ich mir selber habe nie vorstellen können
(Pressekonferenz zur Corona-Krise am 20. März 2020).

Wenn das das „Head of RKI“ so etwas sagt, dann demonstriert er damit die Inkompetenz seiner Person und wohl auch die Unfähigkeit seiner Institution. Wir sind voll im Anthropozän angekommen, befinden uns wahrscheinlich am Ende dieses relativen kurzen Erdzeitalters, das vielleicht dann nur ein halbes Jahrtausend gedauert haben wird. Die Menschheit lebt auf engem Raum zusammen und ist mobil wie nie zuvor. Die letzten Jahre habe ich mich immer gewundert, wie viele Menschen, Junge Menschen wie Greise, laufend in allen Erdteilen unterwegs waren. Ich selber war in den letzten zwei Jahren in Asien, in Südamerika, in der Antarktis. Ich habe Russland durchquert und war nebenbei in vielen Ländern Europas. In 2020 war ich quasi nebenbei schon in Hamburg und Berlin. Auch mein eigenes Verhalten ist doch nicht normal und wäre in meiner Kindheit unvorstellbar gewesen.

Wenn anlässlich solcher Tatsachen der Spezialist für Seuchen sagt, er hätte ein solches Szenario nicht für möglich gehalten, dann ist da der falsche Mann am falschen Platz. Die richtige Ansage wäre vielleicht gewesen:

„Eine solche Seuche war überfällig, wir (das RKI) haben immer davon gewarnt. Allerdings sieht es so aus, dass wir großes Glück gehabt haben, wiel Korona die Sterblichkeit betreffend kein wirklich schlimmes Virus und nicht die Nachhaltigkeit von Aids hat. Es hätte schlimmer kommen können!“

Mir macht die Inkompetenz Angst – und Hoffnung. Beides, weil die Aussagen und Modelle wahrscheinlich zum großen Teil falsch sind. D.h. es kann sehr gut deutlich besser kommen, als erwartet. Darauf hoffe ich immer noch. Aber es könnte auch schlechter kommen.

Aber das Hauptproblem ist derzeit wohl nicht die (zum jetzigen Zeit nicht bestimmbaren) Schäden durch „das Virus“ sondern die Schäden, die Bekämpfung des Virus verursacht.

Der erste große Fehler:

Es wurde eine Prognose für den Schaden erstellt, den der  Virus verursachen könnte. Aber keine, für den Schaden den die Maßnahmen verursachen.

Das ging ja auch gar nicht. Der Virus war ein Fakt. Mit vorgegebenen Eigenschaften.

Die Bekämpfung des Virus wurde aber laufend wesentlich geändert. Auch weil die Experten verschiedene Meinungen hatte, die auch noch alle drei Tage geändert wurden. Und ich kann schlecht die Folgen von Handlungen abschätzen, die ich noch weiß, dass ich sie machen werden.

Aber es darf nicht sein, dass ich bei einer so schweren Entscheidung eine sittlich verantwortete Güterabwägung unterlasse! Und dadurch mir selber die Chance wegnehme, eine bessere Lösung zu finden.

Der zweite große Fehler:

Komplexe Krisen werden nicht mit Projekt-Techniken von gestern erfolgreich gemeistert.

Die Handelnden müssen akzeptieren, dass Corona ein komplexes Problem ist, dass ich nicht managen darf wie ein kompliziertes Projekt. Das klassische Projektmanagement für schwierige Projekte versagt nämlich bei komplexen Herausforderungen. Mit Komplexität muss man anders umgehen muss als mit einfachen, schwierigen oder komplizierten Herausforderungen.

Ich mag hier kein Handbuch für den Umgang mit komplexen Situationen schreiben. Das würde ich mir partiell  zu trauen, weil ich seit 50 Jahren mit komplexen Situationen sowohl in der fachlichen Arbeit wie als Unternehmer umgehen musste. Das würde dann zu lang wären. Aber ich nenne gerne ein paar Grundprinzipien und Kardinalfehler, die immer wieder und üblicherweise gemacht werden:

  • Wenn es komplex wird, brauche ich Lösungs-Teams, die auf Augenhöhe arbeiten und keine hierarchischen Gruppen. Ich brauche Vielfalt und keine Experten- und Spezialisten-Blasen. Ich brauche die Weisheit der Vielen und nicht das Vordenken von wenigen. „Plan and control“ versagt in komplexen Herausforderungen – vielleicht wäre ein „sense and react“ besser. Klassischen militärischen Strukturen helfen da nicht, wir brauchen eine verantwortete Mitwirkung aus besserer Einsicht der Menschen (und Eliten). Kreativität und Vielfalt sind Trumpf, nicht platte Kommandos.
  • Im komplexen Herausforderungen muss ich achtsam „mehrere Zielfunktionen“ festlegen. Multi-Dimensionalität ist gefragt, eindimensionales Handeln ist schädlich. Taylorismus versagt, Interdisziplin bringt Erfolg.
  • Um komplexe Krisen verstehen zu können, brauche ich exzellente Daten. Da ist die Digitalisierung gefragt. Disziplinen wie „big data“, „data science“, künstliche Intelligenz kommen ins Spiel. Zugegeben, das klingt nach buzzwords. Aber dahinter stehen moderne Technologien, die das Teilen und Mehren und Vernetzen von Wissen auf einmalige Art und Weise ermöglichen. Das ganze nennt man Internet und Digitalisierung, und da sind wir in Deutschland ja nicht führend. Die Frage nach dem digitalen Status des RKI darf ich hier eigentlich nicht formulieren, weil sie als polemisch einzustufen ist.

Zusammenfassend bewerte ich die Situation im aktuellen Corona-Fall so.

Die Experten haben sich ausgetobt.

Mit katastrophalen Ergebnissen ihrer Hochrechnungen und unverantwortetem Geschwätz haben sie Angst erzeugt. Sie haben uns verwirrt, weil sie ihre Mahnung alle drei Tage änderten. Gegenseitig haben sie sich runter gemacht. So haben sie weltweit eine Manie ausgelöst und geschürt, die die Politiker eingeschüchtert hat.

Zum Haupt-Ziel wurde eindimensional die Vermeidung von Ansteckung erklärt, um die Ausbreitung zu verlangsamen. Als Zielfunktion wurde festgelegt, eine ausreichende Anzahl Krankenhausbetten zur Verfügung zu haben. Das mag ja an sich richtig sein, aber ist bei einer Epidemie als einzige Maßnahme zu wenig. Außerdem hatten sie gehofft, durch Verlangsamung Zeit zu gewinnen, bis ein Impfstoff da wäre. Der ist aber nicht in Sinn, weil Impfstoffe gegen virale Infekte nicht so einfach zu Entwickeln zu sein scheinen.

Die Lage wurde schnell so vereinfacht, dass man versäumt hat, kreativ nach weiteren Zielfunktionen wie z.B. die Erhöhung der Widerstandskraft in der Bevölkerung, Vermeiden und Erschweren von Ansteckung und Ähnliches nachzudenken.

Auch in den Details wurde nicht vorurteilsfrei und kreativ in Varianten gedacht. Zielführende Vorschläge, die nicht opportun schienen, wurden einfach weggewischt, bevor man sie untersucht hatte.

So wurde z.B. der Vorschlag von Medizinern, ein temporäres  und wesentliches Tempolimit (100/70/30 km/h auf  Autobahn/außerorts/innerorts) und ein temporäres Verbot für Motorradfahrten einzuführen, um den Druck auf die Intensiv-Stationen zu reduzieren weggewischt, kaum dass er vorgeschlagen wurde. Obwohl so ein Feldversuch auch allgemein eine wertvolle Klarheit gebracht hätte. Angesichts der heutigen Entwicklung wäre so ein Tempolimit auch heute noch leicht zu erlassen und sofort wirksam.

Die Vernunft wurde öfters unterdrückt und durch moralische Metaphern wie „Charaktertest“, „größte Herausforderung für das Volk seit 70 Jahren“ und Kriegs-Metaphern ersetzt. Die brauche ich nicht. Weil für mich eine Krise kein Krieg ist, auch kein Charaktertest fürs Volk und es ist mir völlig wurst ist wann die letzte Herausforderung vergleichbarer Größe war. Es geht darum, im jetzt und für die Zukunft die Schäden der Krise sinnvoll zu minimieren, inklusive der Kollateralschäden.

Der dritte große Fehler:

Kommunikation und Motivation. 

Manipulation durch einen moralischen Appel haben gesellschaftlich ihre Macht verloren. Mitleid muss begründet sein. Solidarität einzufordern für Dinge, die partout nicht verstanden werden können, geht auch nicht mehr. Moral ist aus der Mode, wie ich meine zurecht. Zu oft wurde die Moral als Mittel zum Zweck genutzt, um eigene Ängste zu beruhigen.

Kriegerische Metaphern haben nicht mehr die Kraft wie im letzten Jahrhundert. Da bin ich auch froh darum. Trotzdem scheinen sie heute beliebter als je zuvor.

Die Menschen mögen diese Art der Steuerung aufbauend auf Angst und Moral nicht mehr. So wird sie weniger erfolgreich. Ich finde das gut so.

Deshalb sind das Verordnen fragwürdiger Regeln, die mit Strafen belegt werden und die Durchführung strenger Kontrollen zur Einhaltung derselbigen uneffektiv. Damit erzeugt man nur Kollateralschäden und füllt schlimmstenfalls die Gefängnisse.

Motivation ist gefragt, die auf Transparenz basiert. Menschen wollen mitdenken und mitmachen. So muss man die Mehrheit der Menschen zum agilen Mitmachen bringen. Dies auf freiwilliger Basis. Das geht nur, wenn man auf einfache und klare Ziele fokussiert, die den gesunden Menschenverstand überzeugen. Und diese Ziele vorlebt.

Mag sein, dass man dazuein anderes Menschenbild von sich und seinen Mitmenschen haben muss, als es viele Politiker bei uns haben. Viele Menschen sind nicht mit Zucker und Peitsche, also durch materielle Entlohnung und Strafe steuerbar. Man muss sie in einen Flow bringen, damit sie motiviert mitmachen.

Das Handeln der Politik in  letzten Tagen scheint dem Motto  gefolgt zu sein:
„Wer nicht hören will, der muss fühlen“
und
„Wir müssen halt auch die Dummen schützen“.
Beides halte ich für nicht mehr zeitgemäß und auch absolut unteroptimal. Mich hat der Auftritt der Politik an den Vater erinnert, der seinem Sohn mit Schlägen bestraft und ihm dabei versichert, dass die Schläge ihm selber mehr tun würden als dem Sohn und für den Sohn nur gut wären. Aber dass die Strafe halt alternativlos wäre.

„Alternativlos“ belegt de facto nur die eigene Unfähigkeit. Auf dieser Basis wird der Erfolg nur eingeschränkt sein. Mit besserer Kommunikation kann man mehr Erreichen als mit Gesetzen und Strafen. Dass es ohne Opfer und Schäden nicht gehen wird, ist klar. Aber zumindest könnte man versuchen, Opfer und Schäden zu minimieren.

Das was wir derzeit treiben, nimmt nach meiner Wahrnehmung leichtfertig Schäden gigantischen Ausmaßes in Kauf. Dies bei sehr ungewissem Erfolg. Das hätte nicht sein müssen und dürfen.

RMD

5 Kommentare zu “Korona: Was wir alles falsch machen.”

  1. Hans Bonfigt (Sonntag, der 22. März 2020)

    Herr Sarrazin hat versucht darzustellen, wie fatal sich unkontrollierte Vermehrung in Afrika (und jetzt auch bei uns) auswirkt. Die Vermehrung von Kaninchen, Afrikanern und aggressiven Viren ist schon im Mittelalter untersucht worden – von Fibonacci.
    https://www.youtube.com/watch?v=ODnORfNigfg
    Kein „Planungsteam“, womöglich noch ein „agiles“, kommt gegen die grausame Schönheit einer Exponentialfunktion an. „IT“ und „Digitalisierung“, das wissen wir unterdessen gesichert, haben den Menschen eher geschadet als genutzt. „Microsoft Windows“ und die eingebildete „Sicherheitsinfrastruktur“ vernichten Version für Version mehr menschliche Lebenszeit als alle deutschen Vernichtungsläger zusammengenommen.

    Wir wissen: Die Fibonacci-Folge konvergiert gegen den „goldenen Schnitt“, wenn wir diesen als Faktor bestimmen als Lösungsmenge der Gleichung x = (1-x)/x , dann landen wir bei etwa 0,62 –. Für Deutschland nur Gold — wenn wir bei 80 Millionen von einer Infektionsrate von 62% und einer Mortalität von 5% ausgehen, dann dürfen wir mit etwa 2,5 Millionen Toten in den nächsten Monaten rechnen.

    Von Merz lernen heißt siegen lernen — Sie glauben doch wohl nicht ernsthaft, jener hätte sich unabsichtlich infiziert? Diejenigen, die es frühzeitig erwischt, haben eine reelle Chance auf Intensivbetreuung. Die anderen nicht. Deswegen ist das „Abflachen“ der Infektionskurve m.E. eine sinnvolle Maßnahme. Auf die Vernunft der Menschen zu zählen ist unterdessen nicht angeraten – Sie sehen das an der „Flüchtlings“politik.

    Wir leiden, nicht nur in Europa, sondern vor allen Dingen in Afrika oder China, an Überbevölkerung. Insgesamt könnte die Pandemie also unterm Strich nützlich sein.

    Und wenn ich mich so umsehe: „Rex Gildo“ ist ja freiwillig aus dem Fenster gesprungen, „Roy Black“ hat sich ins Jenseits gesoffen, Dirk Bach hat sich dorthin gefressen, Herr Möllemann hatte den Mut zu springen — aber das geht alles so langsam. Auf meiner persönlichen „Hitliste“ stünden noch „Roberto Blanco“, Thomas Gottschalk, Margot Kässmann, Jean Pütz, sämtliche Talkmeister*Innen, Greta, jede Art von PC-„Gamern“ … oh, da käme einiges zusammen. Das kann nur ein Virus bewältigen.

  2. Detlev Six (Sonntag, der 22. März 2020)

    Lieber Roland, auch du kannst das Ergebnis von Corona nicht vorhersehen: Spanische Grippe? (25 Millionen Tote, davon 18 Millionen Inder), internationale Verkehrstote? (1,3 Mio, wie von dir erwähnt) oder „nur“ die 5-fache Menge der deutschen Grippetoten von 2018? (zusammen 100.000 Tote). Aber was du kannst, ist die Effekte von Eskalation und Deeskalation zu demonstrieren. Du hast bei jedem deiner vier posts Leser verloren, also eine lineare Schrumpfung erreicht, statt eines exponentiellen Wachstums, wie es die Horrorburschen der Medien anstreben. Ich spreche hier nicht vom Virus, sondern von der Angst. Wie schon Nietzsche sagt: „Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund in dich hinein.

  3. rd (Sonntag, der 22. März 2020)

    Lieber Detlev,
    ich schreibe zweckfrei und für mich. So ist er mir egal, wie viel Leser ich habe. Und wenn ich durch angstfreie Artikel Leser verliere, die Angst brauchen, dann ist mir das nicht mal unrecht. Oder anders gesagt, mit meinem Schreiben will ich nicht bekehren, sondern mich selber von Angst befreien. Weil ich Angst weder mag noch brauche.
    Zum Virus: Ich habe immer noch Angst vor dem Sterben. Aber sie wird mit dem Alter immer weniger. Am meisten Angst habe ich aber vor einem langen Leidenstod in einem Krankenhaus, isoliert, an Schläuchen hängend und künstlich beatmet. Und wenn am Ende meiner Tage da ein Virus vorbeikommt und mich davor bewahrt, dann wäre das vielleicht gar nicht so schlecht.

  4. Martin (Montag, der 23. März 2020)

    Lieber Roland,

    hinsichtlich der Informationen vom RKI gebe ich dir völlig Recht. Was Meister Wieler da regelmäßig erzählt, ist eines Wissenschaftlers und Leiters einer solchen Organisation m. E. unwürdig. Ich staune, dass die Presse ihn noch immer so sanft anfasst. Hoffentlich ist die Substanz im RKI besser, als der Leiter.

    Was deine Kritik bezüglich fehlender Prognosen zu den Maßnahmen angeht, folge ich nicht ganz. Wenn es schon so schwer ist, Zahlen und Fakten zum Virus zu erheben, so sind Prognosen zu möglichen Maßnahmen reine Spekulation. Ich bin hier über jede Annahme und Mutmaßung froh, die von Experten nicht ausgesprochen wird.

    Und auch deinen Punkt zur mangelhaften Kommunikation könnte ich so nicht mittragen. Denn der Wunsch nach Transparenz steht m. E. in einem Zielkonflikt mit dem Wunsch nach klaren Ansagen. Du selbst kritisierst „Auch weil die Experten verschiedene Meinungen hatte, die auch noch alle drei Tage geändert wurden.“. Du hast ja Recht: Unterschiedliche Meinungen von Experten möchte keiner hören und Zickzackkurse sind unbeliebt. Genau das widerspricht aber deinen Ausführungen zum agilen Management („sense and react“) komplexer Lagen.

    Alles in allem finde ich deinen Beitrag sehr vernünftig und wertvoll. An einigen Stellen scheint er mir aber noch nicht ganz ausgegoren zu sein.

    Viele Grüße

    Martin

  5. rd (Montag, der 23. März 2020)

    Lieber Martin,

    danke für die nette Rückmeldung. Du hast Recht, das Thema ist so kompliziert / komplex, da fällt es mir schwer, ausgegorene Gedankengänge vorzubringen. Weil ja alles in Bewegung ist. Aber gerade Deine Rückmeldung bringt mich dazu, einigee Gedanken klarer zu machen. Meine Kritik geht ja in mehrere Richtungen.

    Zu Herrn Wieler will ich nur anmerken: Wie ich das von mir erwähnte Zitat von ihm gehört habe, musste ich an einen Vortrag von Bill Gates denken, bei dem er eindringlich vor Jahren vor der Gefahr von Virus-Pandemien gewarnt hat. Bei meinen Reisen habe ich dann die Slums in Indien (Mumbai und Neudehli) und in südamerikanischen Städten gesehen. Da fühlt man die von Gates erwähnte Bedrohung förmlich. Und so meine ich, dass man als Chef vom RKI einerseits vor solchen Epidemien eindringlich hätte warnen müssen und Vorsorgemaßnahmen einführen oder zumindest fordern müssen, wie eine digitale Infrastruktur, die dann mit der Datenlage qualifiziert fertig wird oder auch die Bereitstellung ausreichender Notfall-Betten und -Versorgung.

    Zu unausgegoren: Ausgegoren bei solchen Themen, das schaffe ich alleine nie. Vielleicht muss man dazu viele Barcamps einrufen zum Thema „Umgang mit Seuchen“, damit man eine objektiv halbwegs richtige und belastbare Bewertung und entsprechendes Wissen bekommt. Und ohne die Crowd geht das eh nicht. Das ist ja meine Bewertung, das die ganze Aufstellung des Krisenmanagement so sehr nach der „Welt von gestern“ riecht. Alte weiße Männer, die von alerten Jung-Manager-Typen vorgeführt werden und Frauen, die entweder männlicher auftreten als die Männer oder aus der metoo-Welt zu kommen scheinen, bestimmen unser Schicksal. Und richten einen Riesenschaden an. Der vielleicht am Schluß gar kein Schaden ist. Zwischendurch freue ich mich über solche Unfälle, weil ich von dem permanenten Wachstumszeug eh die Nase voll habe.

    Vor kurzem habe ich vom Film Oeconomia von Carmen Losmann berichtet, der auf der Berlinale gezeigt wurde. Am Ende wurde ausgesagt, dass wohl nur noch um die Frage geht, ob die Welt zuerst am ökologischen Debakel oder am ökonomischen zugrunde geht.

    Dank Corona könnte die Chance gestiegen sein, dass die Bewohner des Planeten eine Chance haben, dzuerst ökonomisch zu Grunde gehen.

    Viele Grüße zurück.

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