Nicht nur für die Vorbereitung meines Vortrages „dominante Logik“ habe ich mich mit großen Unternehmen beschäftigt. Unternehmen, ihre Geschichte, ihr Wandel und ihre Entwicklung interessieren mich. Als Ergebnis kamen dann ein paar provokative Thesen „zu Papier“.

  • Führende Großunternehmen beherrschen die Welt und haben sich über Jahrzehnte oder Jahrhunderte einen außergewöhnlich privilegierten Status aufgebaut.
  • Diese Machtposition nutzen sie in den letzten Jahren dominant zur Mehrung ihres Shareholder-Value. Sie sind mittlerweile absolut auf die Maximierung des Gewinns und den Wertzuwachs der Aktie ausgerichtet. Das war nicht immer ihr priores Interesse.
    Gerade habe ich wieder von einem Unternehmen gehört, das bei einem Umsatz von knapp 36 Milliarden USD ein EBIT-DA von gut 13 Milliarden USD erreicht hat (AE-InBev). Das macht mich als Mittelständler stutzig. Bei uns wäre das bei 12 Millionen Umsatz ein Ergebnis von 4,3 Millionen; unsere Kunden würden uns (zurecht) prügeln.
  • Große Konzerne scheinen mächtiger als je zuvor. Die Macht folgt aus ihrer internationalen Marktposition ergänzt durch starke Logos. Ausgebaut wird sie durch den Aufkauf von Konkurrenten, massive Investitionen ins Marketing und die gezielte Einflussnahme auf alle Ebenen des wirtschaftlichen und politischen Lebens durch eine aggressiven Lobby.
  • Dem Ziel „Maximierung des Shareholder Value um jeden Preis“ haben sie traditionelle Werte geopfert.
  • Um extrem gute Ergebnisse zu realisieren, setzen globale Unternehmen eine Minimierung aller und besonders der Gehaltskosten mit allen Mitteln durch. Die  Begründung ist: nur so können sie im globalen Wettbewerb bestehen. Die Folgen spürt man mittlerweile auch in Deutschland.
  • Oft stelle ich bei großen Unternehmen ein hohes Maß an Verkrustung durch exzessives Prozessdenken fest. Bürokratismus nimmt zu, Stabsstellen vermehren sich, Administration ufert aus und „Legal Service“ dominiert.
  • Die Planung spielt die wesentliche Rolle (auf dem Weg zum VEB und Stamokap?), es wird versucht die Planung durch Zielvereinbarungen zu erzwingen.
  • Dabei wird zugrunde gelegt, dass man Menschen am besten oder ausschließlich durch materielle Entlohnung motivieren kann. Was für ein Menschenbild?
  • Sie geraten immer mehr in die allgemeine Kritik und versuchen ihre Machtposition mit allen Mitteln zu verteidigen.
  • Trotz öffentlicher und interner lautstarker Propagierung eines regelkonformen Verhaltens (Compliance) nimmt Unredlichkeit auf hohem Niveau zu.
  • Operativ werden die Ziele durch „Quartalsdenken“ umgesetzt, was der nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens nicht unbedingt förderlich ist.
  • Wahrscheinlich schaden sich die Großunternehmen sich damit selbst.

Die (für mich zentrale) Frage nach dem ökonomischen Nutzen eines Unternehmens für die betroffenen Volkswirtschaften und Staaten spielt keine Rolle mehr. Es gibt sogar Unternehmen, die Geld verdienen zum ausschließlichen Selbstzweck gemacht haben.

Kann es sein, dass die großen Unternehmen dabei sind, sich zu zerstören und den (Kapitalismus-)Zweig, auf dem sie sitzen, selber ab zusägen?

Jetzt leben aber wir alle und unsere Wirtschaft von diesen großen Konzernen. Sitzen wir in einer Falle? Wie wird es weitergehen? Was kommt nach dem Kapitalismus?

Ich habe den Eindruck, dass die großen Konzerne nur die Spitze der Eisberges einer langjährigen Entwicklung darstellen. Im aktuellen Wirtschaftsleben ist das die angewandte „amerikanisch-europäische“ Mentalität des alles ist machbar, nur die Effizienz zählt und Wohlstand ist alles. Jetzt halt auf die Spitze getrieben. Das „christliche“ Prinzip gehet hin und macht Euch die Welt untertan hat in aller Konsequenz (scheinbar?) gesiegt.

Die naive Weisheit der Indianer oder Massai wie die des Fernen Ostens scheint verloren gegangen. Vielmehr hat sich diese  amerikanisch-europäischen Kultur des Ausbeutens weltweit durchgesetzt, getragen von dem antiquierterten christlichen Selbstverständnis „Der Mensch ist die Krönung der Schöpfung“. So wie sich der Konsum ähnlich dem Cargo-Kult als neue Religion (fast) fast die ganze Welt erobert zu haben scheint.

Hoffnung macht mir, dass es dieser Entwicklung zum Trotz einen weltweiten Wertewandel bei den Menschen zu geben scheint, der auch vom Club of Rome festgestellt wurde (siehe mein Bericht vom Vortrag von Martin Lees, dem Generalsekretär des Club of Rome).

Der Widerstand sammelt sich in Volksbewegungen und organisiert sich als Nichtregierungsorganisation (Non-Governmental Organization – NGO).  In archaischen und dogmatisch beeinflussten Gesellschaften ventiliert er sich im Terror gegen den Westen.

Wir sollten dies ernst nehmen, aber nicht in eine Wagenburg-Mentalität verfallen. Die Wagenburg wäre eine neue Art von Apartheid-Politik, wozu diese geführt hat, haben wir gesehen.

Ich wünsche mir mehr aufgeklärte Anthropologen und Philosophen als verantwortliche und handlungsstarke Politiker.

RMD

2 Kommentare zu “„Krise der großen Unternehmen?“ oder „Krise der Gesellschaft!“”

  1. six (Dienstag, der 23. März 2010)

    Tja, Roland, das mit den Philosophen als Politiker hat schon der gute, alte Platon nicht hinbekommen – und der hatte bei seinen griechischen Landsleuten (im Gegensatz zu Sokrates) ein ziemliches offenes Ohr. Bedenkenswerter finde ich, dass der Größenwahn überhaupt kein Thema in der Mainstream-Politik ist. Weder die Selbstverantwortungs-Ideologen der FDP, noch die Staatsfürsorge-Ideologen der Linken (nur um die Parteien zu erwähnen, die mangels Masse eigentlich die feinsten Sensoren für neue Herausforderungen haben müssten) sehen die Gefahren, die der Korruptionsdruck der Großunternehmen für die Gemeinschaft der Gesellschaft bedeutet. Und bei aller Wertschätzung für die NGO’s und die Atomisten der Webbewegung – sehr viel haben sie bis jetzt noch nicht bewegt. Oder habe ich etwas übersehen?

  2. Chris Wood (Montag, der 29. März 2010)

    Dear Roland, I like this posting almost as much as the above comment. I too like knowledge and wisdom, but the concentration on anthropologists and philosophers again puts humans and their thinking above all else, („macht Euch die Welt untertan“). Other sciences matter too! Incidentally Plato and Socrates seem to have been rather fascist. Plato greatly admired Sparta (where philosophy was forbidden)!
    My respect for the old wisdom of the Far East and original Americans and Africans is limited. Everywhere in the world, big tasty animals have been wiped out, as soon as it became possible. New Zealand was a fairly recent example. Everywhere foolish religions have grown up that are at least as bad as the multinational companies. OK, one can pick out a few pearls from all over the world, not least from Christianity.

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