Die Rolle der Pharma-Industrie in unsere AE-Kultur (American-European) wird mir immer suspekter. Der Spätkapitalismus scheint sich hier (kurz vor seinem Ende?) nochmal so richtig auszutoben. Man hat den Eindruck, dass es auch in dieser Branche vorwiegend um Umsatz und Ertrag geht, und gar nicht mehr so sehr um Gesundheit von Menschen.

Die Gesundheitsbranche und so auch die Pharmazie haben einen großen irrationalen Vorteil – sie versprechen Gesundheit und Heilung von Krankheiten. Wenn wir dies hören, so schalten wir nur zu gerne unseren Verstand aus und sind in der Folge bereit, jeden Preis zu zahlen.

Zwar tun wir viel zu wenig für unsere Gesundheit, aber trotzdem:

Gesundheit ist unser höchstes Gut!

Medizinmänner haben deshalb zu allen Zeiten mit ihren Produkten ein exzellentes Geschäft gemacht.

Noch nie wurde dieser Sachverhalt aber so strategisch, systematisch und professionell wie heute ausgenutzt. Heute haben wir eine nachdenklich machende Vertriebsstruktur durch Pharma-Vertreter, Apotheken als geschützte „point of sales“-Struktur, „kick-back“-Zahlungen, interessensorientierte Studien und einen mächtigen Lobbyismus. Eine perfekte Maschinerie dient der Generierung von Umsatz, ein cleveres Inkasso-System ist in die Gesellschaft integriert worden. Das ganze wird dann staatlich und steuerlich auch noch alimentiert von einem „Gesundheits-Fond“.

Bei den Medikamenten ist mein laienhafter Eindruck ist, dass nur wenige einen konkreten gesundheitlichen Nutzen bringen. Viele scheinen – zumindest betreffend ihrer Indikation – ziemlich unwirksam zu sein, wenn man sie mit Placebos vergleicht.

Sicher hat die Pharmazie ein paar Volltreffer gelandet. Eine Reihe von Medikamenten sind tatsächlich in der Lage Krankheiten wirklich zu heilen oder menschliches Leid zu lindern und Leben zu verlängern. Als ein gutes Beispiel nehme ich hier die heute mögliche Behandlung von Aids. Auch viele Impfstoffe sind wertvoll, mit ihnen war es sogar möglich, schlimmste Krankheiten auszurotten (siehe z.B. Pocken oder Polio).

Leider bekommt diese nützlichen Medikamente oft nur noch der, der sie bezahlen kann. So können für den europäischen Aids-Kranken in der Regel gerade noch die Mittel für die benötigten Medikamente aufgebracht werden. In Afrika ist das in den meisten Fällen nicht möglich.

Andere Medikamente sind zwar gegen eine ganze Anzahl von „Krankheitssituationen bzw. -symptomen“ wie Bluthochdruck oder zu hohem Cholesterinwerten wirksam, dies oft mit massiven Nebenwirkungen. Bedauerlich ist nur, dass man die Fehlentwicklung in vielen Fällen medikamentenfrei „einfach“ durch eine Verhaltensänderung verbessern könnte, und dann sogar mit positiven „Nebenwirkungen“. Dazu müsste man aber sein Leben ändern, oft sogar nur ein paar schlechte Gewohnheiten ablegen – und das ist schwieriger, als jeden Tag ein paar Tabletten einzuwerfen.

Betrachtet man aber alle Produkte der Pharmazie, drängt sich der Eindruck auf, dass der Anteil von wirklich nützlichen Medikamenten doch recht klein ist. Und das große Geld wohl auch nicht immer mit den sinnvollen Produkten verdient wird.

Hier die zehn laut dem „Arzneiverordnungs-Report 2008“ umsatzstärksten verschreibungspflichtigen Medikamente:

1 Risperdal (Psychosen) 252,6 Millionen Euro
2 Enbrel (Arthrose) 247,5 Millionen Euro
3 Zyprexa (Depressionen) 236,5 Millionen Euro
4 Humira (Rheuma) 231,0 Millionen Euro
5 Symbicort (Atemwege) 214,3 Millionen Euro
6 Rebif (Multiple Sklerose) 213,3 Millionen Euro
7 Plavix (Infarkt, Schlaganfall) 212,4 Millionen Euro
8 Glivec (Leukämie) 203,3 Millionen Euro
9 Viani (Asthma) 200,0 Millionen Euro
10 Betaferon (Multiple Sklerose) 193,1 Millionen Euro

Da frage ich mich, ob die Pharmazie wirklich noch für kranke Menschen oder mehr fürs Geschäft da ist. In den armen Ländern verhungern die Menschen oder sterben an schlechtem Wasser. Und wir müssen unsere Psychosen und Depressionen medikamentös behandeln.

Meine Einstellung zur Pharmazie wird so nicht positiver. Und ich hoffe, dass ich die nächsten 20 Jahre genauso medikamentenfrei durchhalte wie die letzten 39. Seitdem ich volljährig bin, habe ich nur zweimal auf ärztliches Anraten Antibiotika genommen, ob das sinnvoll war, weiß ich bis heute nicht.

RMD

P.S.
Der Arzneiverordnungs-Report 2009 ist jetzt auch schon verfügbar.

P.S.1
Impfen habe ich mich schon ein paar mal lassen, meistens vor meinen Weltreisen die normalen Impfempfehlungen wie Wundstarrkrampf, Hepatitis etc. Aber noch nie gegen Grippe.

2 Kommentare zu “„Medikamente über alles“ oder „Eine Industrie im Spätkapitalismus“”

  1. fhl (Donnerstag, der 7. Januar 2010)

    Und wieder weiss ich nicht, wem man heute noch trauen darf: Wikipedia sagt zu „Cholesterin“:

    „Cholesterinsenker stellen heute das weltweit umsatzstärkste Segment des Pharmamarktes dar. Im Jahre 2004 wurden mit Cholesterinsenkern weltweit Umsätze von 27 Milliarden US-Dollar erzielt, bei einer Wachstumsrate von 10,9 %.“

    Ich glaube nicht, dass sich da seit dem etwas grundlegend geändert hat, gleichwohl tauchen Lipid-Senker nicht in den Top 10 auf?
    Wenn man den Rest des Artikels liest (Abschnitt „Kritik“), wird man gleichwohl in Deiner Aussage mehr als bestätigt!

    Anyway, wenn die Psyche gut drauf ist, verursachen auch gutes bayrisches Bier und ein paar Schweinshaxn keinen gröberen Schaden 🙂

    Liebe Grüße, Friedrich

  2. Chris Wood (Freitag, der 15. Januar 2010)

    Here is (presumably) yet another example of parochialism. I presume that the list of the ten most often prescribed drugs is valid for Germany, rather than the World. It is no surprise that the lists are different.

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