Roland Dürre
Sonntag, der 27. November 2011

Meine kleine Stadt

Im Gymnasium durfte ich beim Schultheater mitspielen. Zwar nur eine (ganz) kleine Nebenrolle. Den Milchmann. Aber es war sehr schön.

Das Stück hat mich tief beeindruckt. Eine sehr sentimentale Geschichte: „Unsere kleine Stadt“ (Our Town) von Thornton Wilder.

In einem Lexikon des Theaters habe ich mal gelesen, dass es kein zweites Stück gibt, in dem „Mensch-Sein“ so gut (im Sinne von Emphatie) wieder gegeben wird.

Heute will ich von der „Kleinen Stadt“ berichten, in der ich lebe. Es ist Riemerling, „Ortsteil“ von Hohenbrunn.

Eine Besonderheit ist, dass das Dorf Hohenbrunn mehr als einen Kilometer von Riemerling entfernt liegt. Riemerling scheint aber Teil des größeren Ottobrunns zu sein.

Ottobrunn und Riemerling sind komplett zusammengewachsen. Nur die Ortsschilder machen darauf aufmerksam, dass man die Gemeindegrenzen verlässt.

Hohenbrunn/Riemerling ist natürlich keine Stadt, sondern eine Gebietskörperschaft.

Als solche wird unsere kleine Gemeinde nach Artikel 11 der Bayerischen Verfassung von zwei Eigenschaften geprägt: Ihrem Gemeindegebiet und ihren Einwohnern.

Gemeindegebiet:
Hohenbrunn liegt 15 Kilometer südöstlich von der Stadtmitte der Landeshauptstadt München und haben eine Fläche von ungefähr 18 Quadratkilometern. Unsere Ortsmitte hat die geographische Lage Nord 48° 2′ 53“, Ost 11° 42′ 6“. Wir leben in großer Höhe, nämlich 568 über NN.

🙂 Wenn wir hier also Kaffee anpflanzen würden, dann dürften wir diesen mit dem Prädikat „Hochland-Kaffee“ versehen (zulässig ab 500 Meter).

Einwohner:

Die aktuellsten Zahlen, die ich gefunden habe, beschreiben die Situation zum 31. 12. 2010. Zu diesem Stichtag lebten 8954 Menschen bei uns in Hohenbrunn/Riemerling.

2010 sind 789 Menschen zugezogen, 1174 Menschen haben die Gemeinde verlassen. Geboren wurden in diesem Zeitraum 53 Kinder, dafür hatten wir 151 Sterbefälle.

Nach meiner Wahrnehmung müssen wir einen ziemlich hohen Altersdurchschnitt haben. Gerade in Riemerling sieht man wenig junge Menschen. Die Einheimischen sind überwiegend Greise, die man nur gelegentlich sieht.  Meistens dann, wenn sie ihre Häuser verlassen und sich mühsam in ihre Luxuslimousinen zwängen (oder ihre SUV’s erklimmen).

Politik:

Wir haben einen ersten Bürgermeister mit zwei Stellvertreter und einen Gemeinderat.

Der erste Bürgermeister ist bei der CSU, von den 20 Gemeinderäten sind 19 in Parteien. Die CSU hat am meisten Gemeinderäte (8), dann kommen Bündnis 90/DIE GRÜNEN (4), SPD (3), Freie Wähler (3) und FDP (1) an. Ein Gemeinderat ist parteilos und gehört keiner Fraktion an.

Wir haben sogar einen Gemeinderat (den von der FDP), der gehört sogar dem Bundestag an. Politisch sind wir schon wer! Auch bei den Finanzen geht es uns so richtig gut:

Finanzentwicklung:

Der Haushalt 2011 von Hohenbrunn/Riemerling umfasst insgesamt 27,3 Mio € und konnte ohne neue Kreditaufnahme ausgeglichen werden.

Voraussichtlich wird Ende dieses Jahres der Schuldenstand unserer Gemeinde 3.869.215 € betragen, das entspricht einer pro-Kopf-Verschuldung von 433,82 €. Im aktuellen Landesdurchschnitt sind wir also Spitze, beträgt doch die statistische Verschuldung (basierend auf  2009) bei vergleichbaren Gemeinden in Bayern 825,00 € je Einwohner.

Sonstiges:

Seit 150 Jahren haben wir eine freiwillige Feuerwehr, die vor allem „technische Hilfsleistungen bei Unfällen“ erbringt. Die gefährlichsten und belastendsten Einsätze finden bei Verkehrsunfällen auf dem Autobahnring statt, der Riemerling und Hohenbrunn trennt.

Auf diesem Teilstück gibt es kein generelles Tempolimit. So ereignen sich des öfteren schwere Unfälle. Tagsüber wie auch nachts wird hier ein beachtlicher Lärmpegel generiert, der ziemlich weit reicht (nach Hohenbrunn genauso wie nach Riemerling). Besonders im Winter, dank der Winterreifen.

Bei uns gibt es auch zwei Jugendtreffs und vortreffliche Seniorenwohn- und Pflegeheime. So heißen unsere Altersheime. Da der Gemeinde die Mobilität für alte Menschen sehr wichtig ist, bietet sie einen „Seniorenbus“ an, der die vielen alten Menschen kostenlos zum Friedhof und zurück bringt.

Außerdem stellt die Gemeinde unseren Rentnern – auch kostenlos – eine „Grüne Karte“ (für die Nutzung des öffentlichen Verkehrs in München – MVV) zur Verfügung. Gegen Hinterlegung eines Pfandes kann man diese bei der Gemeinde ganztägig ausleihen.

Natürlich wird Energiesparen bei uns ganz besonders gefördert. Die Ziele sind ehrgeizig, werden aber nicht erreicht.

Dafür gibt es immer wieder geförderte  Aktionen wie „Heizungspumpen-Austausch“. Eine eigene Versorgung mit Wasser leisten wir uns auch.

Ein großes Thema ist der Verkehr. Auch in unserer Gemeinde meinen die meisten Bürger, sie wären auf das Auto angewiesen. Trotzdem ist der Verdruss über den Autoverkehr groß und wie fast überall wird auch bei uns für den Dorfkern in Hohenbrunn eine Entlastungsstraße (Umgehungstraße) gefordert.

Die Hohenbrunner haben auch einen S-Bahnhof. Der liegt ganz nahe am Dorf, ist aber außerhalb der inneren Tarif-Zone des MVV. Die Hohenbrunner müssen so das Doppelte für die Fahrt zum Marienplatz (in München oder in Pasing) zahlen wie die Bürger Riemerlings. Das, obwohl sie in derselben Gemeinde leben.

Manche Hohenbrunner fahren mit dem Auto nach Riemerling, um dann kostengünstiger in die Stadt fahren zu können. Die Riemerlinger haben es besser, denn sie nutzen natürlich die ganz nahe S-Bahnstation Ottobrunn.

Wie bei wohl allen Gemeinden gibt es bei uns auch Gewerbegebiete und Sportvereine. Das Gewerbegebiet bei Riemerling habe ich früher immer beim Rückweg vom „Gassi gehen“ im Wald durchquert. Dort gibt es – wie überall in Deutschland – viel Leerstand. Sieht nicht so richtig florierend aus – trotz eines günstigen Hebesatzes bei der Gewerbesteuer von 300.

Die Sportvereine sind nicht so sehr erfolgreich. Wie sollten sie auch, bei so einer kleinen Gemeinde. Bei uns gibt es das Übliche. Wir haben Fußball-, Tennis und Volleyballplätze. Hallensport findet in den Turnhallen der Grundschulen statt.

Die – und unsere Kindergarten – habe ich doch tatsächlich  vergessen. Damit sind wir gut versorgt. Auch ernährungstechnisch kann man bei uns gut leben. Besonders in Riemerling, denn da ist es nicht so weit nach Ottobrunn. Discounter gibt es aber auch in Riemerling selber.

Die sind mir aber nicht so wichtig. Schwimmbäder schon eher. Bei uns existiert auch ein Hallenschwimmbad, das berühmte „Ozon-Bad“ von Riemerling. Aus Kostengründen wurde es vor ein paar Jahren für die Öffentlichkeit geschlossen. Die gesetzlich notwendige Badeaufsicht und vor allem das Kassenpersonal waren zu teuer.

Jetzt wird das Schwimmbad vom hiesigen Schwimmverein (Riemerlinger Haie“) gemanagt. Die Haie geben aber das freie (öffentliche) Schwimmen nur für ganz wenige Stunden in der Woche an (für mich) unmögliche Zeiten frei. So gehe ich halt ins Phönix nach Ottobrunn. Im Sommer zieht es mich sowieso in das wunderbare Freibad von Unterhaching.

Eine Polizeistation haben wir auch. Aber Verbrechen, Sünde und Unzucht gibt es bei uns eher nicht. Und wenn man in der Waldparkstraße auf dem Gehweg parkt – z.B. weil da eine große Feier ist – dann bekommt man einen Strafzettel. Das haben meine Gäste auch schon erlebt.

So ist das in meiner kleinen „Stadt“ Riemerling/Hohenbrunn. Passt schon.

RMD

P.S.
Die Bilder habe ich auf dem Heimweg von der S-Bahn-Station Ottobrunn zu mir nach Hause gemacht. Nach vielleicht 100 Metern über Ottobrunner Gebiet geht es mit dem Ortsschild los, durch die Steinstraße in Richtung Hohenbrunner Straße, vorbei an der Frühlingsstraße, dann rechts in die Waldparkstraße und dann noch zweihundert Meter. Und schon kommt unser (offenes) Tor. Das letzte Bild ist dann der Blick von unserer Haustür in Richtung Waldparkstraße in Riemerling.

Alles aufgenommen am heutigen, dem letzten Sonntag des November 2011.

3 Kommentare zu “Meine kleine Stadt”

  1. Chris Wood (Montag, der 28. November 2011)

    I too live in Hohenbrunn, but near the village middle, rather than in a colony! My younger daughter was in the village fire brigade, When the Phoenix in Ottobrunn burnt down, and acquired its current name, the Hohenbrunn fire brigade got there quicker than that form Ottobrunn itself.
    My children and roland’s were at school with the small FDP Gemeinderat, Toby Thalhammer. I think he is in the Bavarian parliament, rather than the German one. According to wikipedia, he now lives in Neubiberg.
    People in Riemerling are getting older, but round the village centre, new houses are being built, and young families are moving in.
    The CSU mayor fairly recently surprisingly displaced the older one who was I think „Freie Wähler“.
    Living about as far from the motorway as Roland, I hardly notice the noise. The roadway is below the surrounding fields.
    I did not hear about the pump action. Nor did I know that I can use MVV for free. Thanks for the tip, Roland. I live near the station; train noise disturbs a bit more than the motorway.

  2. six (Donnerstag, der 1. Dezember 2011)

    Ein sehr schöner, wenn auch melancholischer Artikel. Aber wahrscheinlich haben sich nur die wenigen Worte über die alternde Bevölkerung in meiner Gewichtung der Betroffenheit nach vorne geschoben.

  3. rd (Donnerstag, der 1. Dezember 2011)

    Lieber Detlev,

    wenn ich an meine „Heimat“ denke, dann geht es mir wie in diesem Stück. Es gibt da übrigens eine wunderbare DC als Hörspiel, glaube vom WDR.

    Ja, Heimat ist schon ein komisches Wort …

    Meine Melancholie hast Du gut gefühlt – danke!

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