Roland Dürre
Sonntag, der 24. Juli 2011

Der rote Faden

Ein guter Freund von mir, der Jowi, hat vor einigen Jahren in einem Forum einen Beitrag über die Midlife Crisis geschrieben. Eine Krise, die mal offen, mal zwischen oder hinter den Zeilen ausgetragen wird. Die verleugnet und verschmäht, gehasst und geliebt wird.

Hier sein kurzer, aber wie ich meine auch heute noch  plausibler und vor allem sehr persönlicher Beitrag zu diesem Thema:

Es war ein Psychologe, der mir in einem Seminar 1989 erzählte, wie aus seiner Sicht die Entwicklung und Sozialisierung eines Menschen abläuft.

Jeder Mensch erhält während (vor und kurz nach) der Geburt einen roten Faden. Der rote Faden bestimmt, warum dieser Mensch etwas tut in seinem Leben.

Danach geht das Kind durch eine erste soziale, dann intellektuelle Phase, bis etwa 5 oder 6 Jahre. Danach kommt eine zweite soziale von 6 bis 8 Jahre, dann eine weitere intellektuelle Phase von 9 bis 12 Jahre.

In der nächsten Phase tut dann der Mensch genau das Gegenteil von dem, was bisher gelernt hat (Pubertät und Revolution).

Im Anschluss daran fällt er – hoffentlich auf relativ hohem Niveau – wieder grundsätzlich auf das in den ersten 4 Phasen erlernte und gepflegte Verhalten zurück, das dieser Mensch sodann für den Rest seines Lebens lebt (was wann wie wo mit wem mache ich etwas?).

In unseren traditionellen Veranlagungen als Menschen ist aber überliefert, und unverändert angelegt, dass Frauen so zwischen 28 und 35, Männer zwischen 35 und 45 Jahren sterben. Dies war bis vor 120 Jahren immer noch der Fall, und vorher so seit einigen Tausend Jahren.

Heute leben wir weit über dieses ursprüngliche Todesalter hinaus. Der rote Faden jedoch ist nach wie vor für die kurze Lebenszeit angelegt.

So stirbt der rote Faden deutlich früher, als es der Mensch in der Regel tut. Damit stirbt auch die Begründung für unser Tun überhaupt, das „warum“ wir dieses oder auch was anderes tun oder nicht tun.

Mein Verlust des roten Fadens führt dazu, dass mein Leben keinen Sinn mehr zu machen scheint, weil ich freilich nicht mehr weiß, warum ich das eigentlich tue, was ich tue.

Bei den Männern zeigt es sich so um die 40 daran, dass die blonde Freundin gegen eine schwarze, der BMW in einen Mercedes, das Rennrad in ein Mountain Bike getauscht wird (oder ähnlich vergleichbare sinnvolle Veränderungen).

Bei den Frauen zeigt sich das manchmal als großes Heulen so zum 30. Geburtstag, oder darum herum. Den Damen bleiben oft die Alternativen, ich werde jetzt Mutter, oder sie werden „Power-Frauen“. Auch der Weg ins Esoterische liegt nahe. Einige bleiben auch schlicht in der gespürten Leere verzweifelt hängen.

Kaum eine/r weiß, was da eigentlich los ist.

Der Mensch wäre aber – an dieser Stelle, einmalig und schöpferisch – in der Lage, den Rest seines Lebens selbst zu gestalten, und sich selbst einen roten Faden für den Rest seiner Jahre zu geben.

Ich persönlich meine, dies könnte die schöpferische Phase des irdischen menschlichen Lebens sein. Ich kann für mich selbst eigenverantwortlich festlegen, warum ich in Zukunft dieses oder jenes mache.

Damals in meinem Seminar musste ich schlicht laut lachen, ganz lange laut lachen. Die wollten schon die mit den weißen Jacken holen, weil ich mich nicht beruhigen konnte. Als ich wieder Luft holen konnte, wusste ich die Antwort:

Ich war mitten drin.

Ich hab am nächsten Tag den (blauen) BMW wieder abbestellt. Meiner neuen Freundin (die mit den schwarzen Haaren), zu der ich nach dem Auszug bei meiner ersten Frau 8 Tage vorher gezogen war, sagte ich, dass es leider doch nix wird mit uns beiden wird. In der Firma haben wir uns kurzfristig einvernehmlich getrennt, und ich bin ab in die Südsee, in die Berge und in die Einsamkeit, und hab drüber nachgedacht, warum ich und was ich in Zukunft tun werde.

Euer Jowi
(PS.: Ich arbeite immer noch dran!)

Ich danke Jowi, für die Erlaubnis, seinen Forumsbeitrag in IF-Blog zu veröffentlichen – und weiß, dass da so ein wahrer Kern vorhanden ist.

🙂 Persönlich bin ich froh, dass ich mit jetzt 61 Jahren diese Phase hoffentlich hinter mir habe.

Ob ich an den roten Faden glauben soll, weiß ich auch nicht. Habe ab und zu den Eindruck, dass Menschen schon ohne „Roten Faden“ auf die Welt gekommen sind. Aber vielleicht bestätigt ja auch nur die Aussnahme die Regel!

RMD

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2 Kommentare zu “Der rote Faden”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 24. Juli 2011)

    It is a myth that men used to die off at about 40. The low life expectation at birth was due to an early high death rate. Having reached 20 or so, a man had a reasonable chance to live to 70, or even „four score“ as it says in the Bible. Of course women were a bit more likely to die at a child bearing age, but they too could well live to 70 or 80.

    I am still waiting to enjoy my midlife crisis. But I know it is much better to get on with life, than to chill-out and think about it.

  2. rd (Sonntag, der 24. Juli 2011)

    Hi Chris,
    woher weißt Du das? Habe immer gelesen, dass die Menschen früher nicht so alt geworden sind. Und Sterbestatistiken – so nehme ich an – gab es vor 30.000 Jahren auch nicht.

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