Roland Dürre
Montag, der 30. August 2010

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1 Kommentar zu “Müll”

  1. Ursula Katharina Papajoannou (Dienstag, der 28. September 2010)

    Das Neapel Griechenlands

    Gibt man unter „Google.de“ die Suchoption „dreckigste Region Europas“ ein, erscheint zum aktuellen Zeitpunkt dieser Niederschrift (September 2010) an erster Ergebnisstelle Dublin als „Die dreckigste Stadt Europas“ angeführt, mit geringem Abstand gefolgt von Orten in der Ukraine (Tschernobyl), Russland und Kirgisien, wobei jedoch von Phänomenen wie verseuchten Böden und maroden Chemie- oder Reaktorbetrieben die Rede ist.

    Wechselt man wegen der offenbaren Verwechselung der Begrifflichkeiten vom Adjektiv „dreckig“ zu „schmutzig“, so offenbart sich Athen als „die schmutzigste Metropole“ und London als „eine Zumutung für die Augen und Geschmacksnerven“.

    Auch nach weiteren Recherchen unter vielfach variierter Keyword-Eingabe stößt man auf allerlei Berichte von fraglos beklagenswerten Zuständen, allesamt aber völlig andersartiger Natur, als jene, wie sie seit vielen Jahren (konkret seit 2004!) in der 8.000-Seelen-Gemeinde Gythio im wunderschönen mittleren Süden der griechischen Halbinsel Peloponnes herrschen. Es handelt sich hierbei um die garantiert dreckigste und am meisten verwahrloste Region von gesamt Europa.

    Einzige Ausnahme in der Vergleichbarkeit macht(e) Italiens, wegen seiner Berge an unsortiertem Hausmüll berühmt berüchtigtes Neapel. Die Bilder davon gingen um die Welt. Höhepunkt war der Sommer 2008, als das italienische Militär zum Einsatz kam.
    Weil der Region Campania keine Deponie für die die Aufnahme zur Verfügung stand, wurde seinerzeit in der süditalienischen Millionenmetropole wochenlang kein Abfall mehr beseitigt.
    Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes Urteil vom 4. März 2010 (Rs. C-297/08) setzte den vorläufigen Schlusspunkt unter jenes konkrete Kapitel der unzureichenden Abfallbewirtschaftung in der Region Kampanien. Durch das Judikat des EuGH gehören diese verheerenden Zustände von Italien inzwischen der Vergangenheit an.

    Aber: Europa hat ein zweites Neapel. Nur ist es viel, viel kleiner und es liegt im ohnehin gering geschätzten und kasteiten Griechenland, noch dazu im abseitigen Lakonien – als wäre dort die Unterdrückung von Bedürfnissen bis heute, wie einst in der Antike, eine gezielte Übungspraxis im Rahmen seelischer Selbstschulung. Im Mittelpunkt der Ausbildung des Staates der Lakedaimonier standen schließlich Abhärtung, Gehorsam und Askese. Einstmals unter dem gestrengen Lykurg wurden per Gesetzen und Verboten jegliche Luxusgüter und fremde Eindrücke unterbunden, die Köpfe der Bürger wurden gezielt durch tiefe Unwissenheit verfinstert, jegliche Reize wurden ihren Augen vorenthalten, keinerlei äußere Einflüsse fanden Zugang zu den Gemütern.
    Die heutigen Einwohner dieser Region sehen fern – sehr viel sogar -, konsumieren jede Menge an Hochglanzbildern hyper gepflegter Motivik, haben vielfach auch schon mindestens eines der super sauberen bis geleckten mitteleuropäischen und sonstige Länder bereist – somit jede Menge Bilder in ihren Köpfen parat, wie es sonst wo auf der Welt und speziell in Europa aussieht und zugeht.
    Und bei oder trotz alledem fristen Bürger einer Gemeinde innerhalb von Lakonien ihr Dasein in der Verwahrlosung und im Verfall, als würde Lykurg noch immer auf sie einwirken.

    Nirgendwo sonst innerhalb Europas dürfte es derartige Anblicke und derartigen Gestank geben, wie in in dieser nachhaltig unbeachteten, vermaledaiten griechischen Gemeinde namens Gythio [griech. Γύθειο].

    Das Problem der mangelnden Abfallentsorgung besteht hier seit dem Jahre 2004 und jenem Stichtag, an welchem eine bis dahin kulante Nachbargemeinde Gythions ihre Pforten für deren Müllablagerung schloss. Das macht sechs Jahre leben mitten im Müll.
    Plastiksäcke, prall gefüllt mit Unrat, von Maden übersäte, verwesende Schlachttierabfälle (Gerippe), gärende Gastronomie- und Haushalts-Essensreste, Sperr- sowie Elektromüll jeglicher Art, Verpackungsabfälle bis hin zu schadstoffhaltigen Abfälllen etc. lagern über viele Wochen hinweg tonnenweise an sämtlichen Ausfallstraßen entlang des per se so malerischen Hafenstädtchens Gythio sowie der umliegenden Ortschaften und der Landstraßen. Abtransporte finden zum aktuellen Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels (23.09.2010) in Zeitabständen von mehr als vier Wochen statt, auch dies jeweils nur von Teilmengen. Das führt vermehrt dazu, dass Bewohner von Dörfern ihre Abfälle an steilen Berghängen, in Flussbetten und Schluchten der gesamten Region ausbringen, so dass ganze Landschaftsbereiche aufgrund ihrer Unzugänglichkeit damit dauervermüllt sind.

    Aber damit keineswegs genug. Insgesamt ist eine totale Verwahrlosung der malerischen kleinen Hafenstadt und der gesamten Gemeinderegion von Gythio in seiner Fläche von 197,3 km² gegeben.
    Alle für sonstige europäische – auch sonstige griechische – Gemüter, unvorstellbaren Vernachlässigungen und defizitären bis mittelalterlich anmutendenen Zustände, die in der Stadt und der gesamten Gemeinde Gythio gegeben sind, lassen sich gar nicht in Worte fassen. Die damit verbundenen Gerüche schon gar nicht.

    Wann bitte wird diesem Fleckchen Erde von Europa endlich jene mediale und sodann wohl auch politische Beachtung geschenkt, die es braucht, damit diesem seinem Elend ein Ende gesetzt wird? Der örtliche Gemeinderat ist zu korrupt, unfähig und gleichgültig, der griechische Staat insgesamt zu marode und die Regierung unter Papandreou zu sehr beschäftigt mit der vermeintlichen Krisenintervention, als dass irgendwelche Maßnahmen ergriffen würden. Bürgerinitiativen verliefen und verlaufen, wie auch die vermeintlichen Zuständigkeiten, schlichtweg im Sande.

    Gythio gehört – wie einst Neapel – in die Schlagzeilen! Die Bilder von seiner Mittelalterlichkeit müssten endlich um die Welt gehen! Wofür taugt ein vereinigtes Europa, wenn man sich nicht untereinander Beachtung schenkt?
    Dass man angesichts derartiger Konfliktsituation eine fehlende Umsetzung europäischer Vorgaben zulässt, kommt einer Kapitulation der europäischen Staatengemeinschaft vor den Missständen in einem Mitgliedstaat gleich. Ein starkes Europa verliert auch an Glaubwürdigkeit, wenn es die Versäumnisse eines Mitgliedstaates akzeptiert bzw. sich mit ihnen abfindet.

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