Roland Dürre
Sonntag, der 13. Oktober 2013

Nachlese vom philosophischen Kolloquium mit Klaus-Jürgen Grün

Gedanken von Cordian Riener

Folgender Brief von Dr. Cordian Riener hat mich nach unserem gemeinsamen Seminar vom 4. – 7. Oktober mit Klaus-Jürgen Grün zum Thema „Wirtschaftsethik“ erreicht.

Lieber Roland,

vielen Dank für Deine vielfachen Gedanken beim Seminar. Während ich im Zug saß und über das Seminar nachdachte, fielen mir noch einige Anmerkungen dazu ein, die ich, damit ich sie nicht wieder vergesse, per iPad gleich skizzierte und nun mit Dir teile.

Zuerst zu seiner Definition von Nachhaltigkeit als „no waste „. Hierzu ist mir eingefallen, dass ich neulich erst über „cradle to cradle“ – von der Wiege zur Wiege – als neues Konzept der Produktionsplanung gehört hatte.  Es ist  wohl möglich, durch schlau definierte Produkt-Zyklen, den Abfall wirklich auf ein Minimum zu reduzieren und gebrauchte Artikel energie-minimal zu neuen Rohstoffen für andere Artikel zu machen. Gerade in der Architektur wird das – wohl vor allem in Holland – immer mehr zum Thema. So etwas wäre dann in der Tat nachhaltig in deiner schönen Definition.
Anmerkung von mir: Die Definition habe ich von Dr. Klaus Töpfer übernommen.

Wie und ob sich solche Produktionszyklen aber dann wirklich mit reinen Markt-Mechanismen ohne Steuerung von außen durchsetzen lassen, ist sicherlich eine spannende Frage. In der Diskussion hattest du auch sehr richtig bemerkt, dass wir im Moment einen Mangel an Verantwortung haben: einerseits sind Gewinne privatisiert während Risiken und Verluste vergesellschaftet werden. Das hat mir sehr gut gefallen und auch nachdenklich gemacht.

Ich habe nämlich wirklich das Gefühl, dass man (wer auch immer genau „man“ ist) versucht, Verantwortung loszuwerden. Das mag zum einen einer der Gründe sein, warum Institutionen, die einem sagen, was „der richtige Weg“ ist, so lange Zeit Menschen dazu gebracht haben, zu tun, was sie sagen, es ist aber auch sicherlich einer der Gründe, die zur Ökonomisierung weiter Teile der Gesellschaft geführt haben: Wo man früher gesagt hat, alles „was Gott will ist gut“, sagt man heute eben, alles was der Markt will, ist richtig und wo sich früher der Wille der Götter durch den Mund der Priester kundgetan hat, nutzen die modernen Propheten quantitative Aussagen und mathematische Formeln und eine Schar von ökonomischen Priestern deutet dies dann für uns.

Das mag zuerst nur nach einer vielleicht mehr oder weniger schönen Parallele aussehen, aber wenn es zur Verantwortung kommt, ergeben sich eben noch mehr Gemeinsamkeiten: Die Priester früher hatten Macht über die Herrschenden, weil sie Ihnen auch die Verantwortung abnehmen konnten: Hat ein König zum Beispiel durch schlechte Planung eine Hungersnot hervorgerufen, war er auf der sicheren Seite, wenn er sich so aus der Verantwortung stehlen konnte; auch wenn da jetzt sicher auch etwas Polemik mit dabei ist.

Genauso kam es mir bei meiner Zeit während meines Bank-Praktikums vor: Es gab den Markt; den Willen dieses metaphysischen Gebildes haben quantitative Modelle erkannt und die Portfolio Manager haben auf Grund der Vorgaben des Modells gehandelt. Wenn es dann schief ging – und das ist durchaus schon passiert – wurde dem Kunden (d.h. den Sparkassenchefs) erzählt, dass der Markt eben seine Meinung geändert hätte, aber die Modelle eben genau das und das vorher gesagt hatten. Ich hoffe, das macht ungefähr Sinn.

Ich vermute nämlich, dass das was ich (nicht nur in diesem Beispiel) schon oft erlebt habe, sehr weit verbreitet ist: Menschen stehen in Unsicherheit und müssen Entscheidungen treffen. Anstatt dem „Bauchgefühl“ zu vertrauen, das, – wenn es durch lange Jahre der Erfahrung geschult wurde – die richtige (bestmögliche) Entscheidung trifft, verlässt man sich lieber auf Dinge, die „handfester“ sind.

Das hat dann den Vorteil, dass man hinterher nicht selber in der Verantwortung ist, sondern sagen kann, dass es eben Dinge wie Marktversagen oder so gab – der Marktgott hat eben doch kurzfristig seine Meinung geändert. Von daher denke ich, dass Du richtig gesagt hast, dass es der Mangel von Verantwortung ist, und ich vermute, dass dieser Mangel durch unsere ökonomisierte Gesellschaft noch weiter verstärkt wird. Von daher wäre es nächstes Jahr sicherlich sehr spannend, in unserem Seminar diese gesellschaftliche Entwicklung genauer anzuschauen.

Viele Grüße, Cordian

Soweit der Text von Cordian. Vielen Dank dafür!

Jetzt habe ich mit Cordian noch einigen Kontakt gehabt und freue mich, dass er in Zukunft als Autor bei IF-Blog mit machen will. Das finde ich toll und werde ihn im kurzen in IF-Blog als neuen Mitstreiter vorstellen. Und freue mich schon auf seine Artikel.

RMD

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