Roland Dürre
Montag, der 26. Juli 2010

Nachlese zu meinem Vortrag – Anmerkungen #2 Wachstum

Lehren für Unternehmensführer – das Leben, das Wissen, die Informatik und die Ethik

In dieser Artikelserie nehme ich Stellung zum schriftlichen Feedback, welches mich nach dem Vortrag erreicht hat und beantworte die von Studenten vorher gestellten Online-Fragen, die ich in meinem Vortrag nicht ausführlich behandeln konnte.

„Innovative Unternehmer“ / Sommersemester 2010
Führung von wachstumsorientierten Unternehmen

Eine andere, mir sehr wichtige Rückmeldung war

“der Referent bewertet Wachstum als nicht priores Unternehmensziel, das steht im Gegensatz zu dem, was wir lernen”

Dazu stehe ich. Gefühlsmäßig aber auch rational:

Intuitiv

Muss man wirklich immer mehr verdienen und immer reicher werden?

Nehmen wir das Gehalt:
Wäre es nicht besser, wenn das Einkommen zum Lebenszyklus passt? Wenn man mehr verdient, wenn man jünger ist und das Geld z.B. für die Gründung einer Familie braucht? Und weniger verdient, wenn man am Ende seiner Karriere vielleicht auch in der Leistung eher nachlässt, aber auch die Bedürfnisse (erwachsene Kinder, schuldenfreies Haus) geringer sind.

Ist ein auf und ab auch beim Gehalt nicht natürlicher und realistischer als eine unaufhörliche Steigerung des Einkommens über 40 Jahre hinweg, Jahr für Jahr, vom Studienende mit 25 bis zur Pension mit größer 65? Ich kenne übrigens keinen Freiberufler, der über Jahrzehnte hinweg eine konstante jährliche Einkommenssteigerung hatte. Da ähnelt die Einkommenskurve eher einer Flugkurve mit ein paar Landungen, gelegentlich sogar einer Achterbahn,

Das gilt auch für Unternehmen.

Warum müssen Unternehmen immer größer und mächtiger werden? Warum kann nicht auch ein Unternehmen mal kleiner werden, um vielleicht den notwendigen Wandel besser hinzukriegen. Die Mitarbeiterzahlen sollen sehr wohl runtergehen, nur Umsatz und Gewinn sollen immer steigen. Ist das nicht ein perverser Anspruch.

Braucht man zum Beispiel als Hotelbesitzer unbedingt noch ein zweites Hotel oder eine Kette? Muss man immer quantitativ wachsen? Kann man nicht auch in Qualität und Lebensfreude wachsen?

Vielleicht ist es ganz einfach:
Man kann nicht immer nur einatmen, denn dann platzt die Lunge. Das regelmäßige Ausatmen ist zwingend notwendig, für Menschen, Unternehmen und die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit.

Rational

Um Wachstum messen zu können, muss ich den Begriff erst sauber definieren und zur Messung von Wachstum eine vernünftige Metrik einführen. Martin Lees und der Club of Rome zum Beispiel haben eine neue, ganzheitliche Definition für das Bruttosozialprodukts geschaffen. Wenn wir dieser Methodik folgen würden, hätten wir eine ganz andere Wachstumsentwicklung als nach konventioneller Rechnung. Wir hätten nämlich schon länger ein negatives Wachstum. Anderseits können wir sehr wohl auch bei drastisch eingeschränktem Ressourcenverbrauch unser persönliches, ökonomisches, kulturelles und soziales Leben entfalten, und das ist auch eine Art von Wachstum.

Oft habe ich den Eindruck, dass die Forderung von „mehr Wachstum“ genauso eine Leerformel ist wie die unreflektierte Forderung nach „mehr Freiheit“. Wenn ich Wachstum fordere, dann sollte ich zumindest wissen, was Wachstum ist und auf keinen Fall auf eine veraltete Formel rein fallen!

Vielleicht noch drei Beispiele:
In meiner Kindheit war die Bundesbahn eine Schlüsselindustrie. Wenn die Anzahl der auf der Schiene beförderten Tonnen stieg (davon war das meiste Kohle), dann hatten wir Wachstum. Die Bundesbahn wurde dann von der Bauwirtschaft abgelöst. Je mehr Häuser gebaut wurden, desto mehr Wachstum. Zurzeit der Internetblase hat man die Anzeigengeschäfte der Medien als den Wirtschaftsindikator gesehen. Je mehr Anzeigen, desto eine bessere wirtschaftliche Situation.

Das ist doch an sich schon absurd.

RMD

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