Lehren für Unternehmensführer – das Leben, das Wissen, die Informatik und die Ethik

In dieser Artikelserie nehme ich Stellung zum schriftlichen Feedback, welches mich nach dem Vortrag erreicht hat und beantworte die von Studenten vorher gestellten Online-Fragen, die ich in meinem Vortrag nicht ausführlich behandeln konnte.

„Innovative Unternehmer“ / Sommersemester 2010
Führung von wachstumsorientierten Unternehmen

Eine andere, mir sehr wichtige Rückmeldung war

“der Prognose des Referenten, dass sich im „Gegenstand“-Bereich nicht mehr viel tun wird, stimme ich allerdings nicht zu”

Das ist absolut nachvollziehbar. Ich fürchte, dass ich im Vortrag nicht ausreichend klar gemacht habe, dass ich diese Prognose im Sinne der bisherigen Zielsetzung “weiter, schneller, höher” der “physikalischen” (alten) Technologien gemeint habe. Das „weiter, schneller, höher“ dürfte tatsächlich am Ende angelangt sein. Vielmehr glaube ich, dass in den klassischen Ingenieursdisziplinen es um „sparsamer, leichter, einfacher“ gehen wird.

In diesem Kontext verweise ich gerne auf “Cheap Design”, einen Begriff den Rolf Pfeifer, hier im Interview, kreiert und bekannt gemacht hat. Rolf Pfeifer ist Gründer und Leiter des Artificial Intelligence Laboratory, Department of Informatics, University of Zurich. Berühmt sind z.B. seine Billigroboter, die durch völlig neuartige Ansätze ganz neue Wege bei Robotik und Künstlicher Intelligenz aufgezeigt haben. Ich empfehle die inspririerende Lektüre seines Buches “How the Body Shapes the Way We Think: A New View of Intelligence” (Bradford Books).

Aber denken wir wieder an die klassischen „dinglichen“ Technologien z.B. für Mobilität. Wenn ich mit einer modernen Boeing 747 von München nach Francisco fliege, bin ich deutlich länger in der Luft als ich es vor 30 Jahren auch mit einer 747 war. Die Flieger sind aus ökonomischen Gründen auf eine langsamere Reisegeschwindigkeit optimiert.

Ich kenne Menschen, die sind vor einem Dutzend Jahren morgens von Paris mit der Concorde nach New York nur für ein Meeting geflogen sind, abends waren sie wieder zu Hause. Das dürfte vorbei sein, es gibt keinen seriösen Hinweis, dass es jemals wieder Linienflüge mit Überschall-Maschinen geben wird.

Für Autos gilt ähnliches. In absehbarer Zeit wird es keinen Individualverkehr mehr geben (außer vielleicht für Bonzen und Politiker), wie wir ihn heute kennen. Die hohen Geschwindigkeiten auf den Autobahnen dürften bald (10 Jahre?) der Vergangenheit angehören, der Individualverkehr dürfte sich deutlich „entsportlichen“.

Die Verkehrsgeschwindigkeit für Autos in Cities sinkt. Der private Gebrauch von Autos in den großen Städten wird eh früher oder später stark eingeschränkt werden. Wenn aber die meisten Menschen in Megacities leben – und man da nicht mehr Autofahren kann – braucht man dann überhaupt noch Autos?

Ganz abgesehen davon, dass eine wahrscheinliche Elektromobilität der Zukunft ganz anders aussehen dürfte als die Mobilität basierend auf dem Verbrennungsmotor.

Dass Kutschen mittlerweile die längste Lieferfrist aller Verkehrsmittel haben, möchte ich hier nur als lustiges Beispiel anführen.
🙂 Und wenn jemand ans „Beamen“ glaubt (warum nicht), dann dürfte das eher eine in die Informatik einzuordnende Technologie sein, immerhin wird dann ja Information transportiert.

Gentechnologie und Nanotechnologie könnten Neues bringen. Dabei würde ich die Gentechnologie – der übrigens von vielen klugen Köpfen große Skepsis entgegen gebracht wird – von ihrer Anlage her eher in die Informatik ein gruppieren.

Die Nanotechnologie scheint als „dingliche“ Technologie auf dem richtigen Wege (kleiner, intelligenter). Meine Sorge ist da aber, ob wir das, was sie bringt, wirklich brauchen.

Schlimmer, wir gehen sie nicht verantwortlich an. Nano-Teilchen haben ihre eigene Gesetze und überwinden Barrieren (Blutschwelle zum Gehirn), die bisher als nicht überwindbar galten. Deshalb finde ich es ethisch nicht verantwortungsvoll, wenn man Nanoteile produziert, ohne sich vorher ernsthaft Gedanken über Entsorgung und weitere Folgen gemacht zu haben. Siehe dazu auch meinen Artikel in IF-Blog.

Bei Hoffnungsträgern wie Kernfusion, Ersatz der fossilen Energien durch eine Wasserstoffwirtschaft und auch Desertec bin ich skeptisch.

Die Gewinnung von Energie durch die Fusion von Teilchen ist ja konstant für  30 – 40 Jahre in der Zukunft vorhergesagt  (Fusionskonstante in Wikipedia). Und die Kosten für den ersten (Versuchs-)Reaktor verdreifachen sich alle paar Jahre.

Wasserstoff durch Windkraft in Patagonien zu erzeugen klingt gut. Theoretisch gibt es da auch ausreichend Land und Wind. Aber die gesamte Logistikkette vom Windrad bis zum Endverbraucher nach Europa würde ein schon heute nicht vorstellbares Investitionsvolumen erfordern. Und in Zukunft wird das aufgrund anderer Bedürfnisse und Begebenheiten nicht mehr möglich sein.

Ähnlich ist es mit den Voraussetzungen für Desertec. Dieses Projekt sehe ich aber auch politisch kritisch. Nicht zu vergessen, dass Afrika allein schon zum Überleben einen enormen Energiebedarf haben wird.

Insgesamt zweifele ich an der Zukunft von technologischen Megaprojekten mit klassischer Maschinenbau-Denke. Auch die sicher notwendige Verbunkerung von Kohlendioxid wird kaum durch Großtechnologie gelöst werden, da sind kreativere Lösungen gefragt.

Und stelle mir die Frage, ob in Zukunft der „gesellschaftliche Fortschritt“ nicht viel wichtiger für ein in Summe humanes Überleben der Menschheit ist als der „technologische“ Fortschritt“!

RMD

P.S.
Ab der nächsten Folge werde ich die Online-Fragen der Zuhörer beantworten.

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1 Kommentar zu “Nachlese zu meinem Vortrag – Anmerkungen #4 Technologischer Fortschritt”

  1. Chris Wood (Freitag, der 30. Juli 2010)

    Certainly social progress is vital for the people of the world. Birth rates must come down in the areas where they are high.
    Certainly some maxima have been reached. The largest pyramid was built long ago, the largest cathedral (probably) more recently. The largest hydro-electric project may well be being finished. The largest aeroplane may already be flying. The highest building may already exist.
    The largest wind park and solar park have surely not yet been built.
    If civilisation survives another 1000 years, life from the Earth will expand into space, (probably in post-human form). This will need larger faster things.
    In the medium term, I see chances for a mega-project that receives little attention. Giant algae farms in the oceans could produce huge amounts of energy, including food. The main problems would be „pests“ (plankton that would eat the algae), and too much salt. I envisage these farms as huge ships that will sink below the surface for a while when hurricanes come.

    Is mankind psychologically capable of stagnating?

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