In dieser Artikelserie habe ich die von Studenten gestellten Online-Fragen beantwortet, die ich in meinem Vortrag

Lehren für Unternehmensführer – das Leben, das Wissen, die Informatik und die Ethik

im Rahmen der Vorlesungsreihe

„Innovative Unternehmer“ / Sommersemester 2010
Führung von wachstumsorientierten Unternehmen

nicht ausführlich behandeln konnte.

Ich beende die Reihe mit einer Frage, die nicht von den Studenten kam. Deshalb stelle ich sie selber.

Frage:
Was würden Sie unternehmerisch rückblickend ganz anders machen?

Antwort:
Es macht keinen Sinn zu besprechen, was denn anders gelaufen wäre, wenn man dies oder jenes anders gemacht hätte. Im Prinzip ist es gut, so wie es ist. Nach vorne schauen ist besser als zurück. Trotzdem gibt es Dinge, die ich heute anders machen würde.

Kapital- und Rechtsform:
Mit dem heutigen Wissen würde ich eine Personengesellschaft mit einem Partnerkonstrukt gründen. Wobei die Partner für ihre Themen genauso haften müssen wie ich für meine.

Planen:
Planen ist gut. Man hat Ziele und kann sie überprüfen. Würde ich ein wenig mehr machen.

Mitarbeiter:
Partnerstrukturen. Kooperation auf Augenhöhe. Offene Gehälter.

Soziales:
Ich würde auf jeden Fall im Unternehmen eine eigene Küche und einen Kindergarten einrichten. Wenn die „kritische Masse“ im eigenen Unternehmen zu gering ist, würde ich die Einrichtungen für lokale Partner öffnen.

Büro/Betriebsstätte:
Ich würde nicht mehr mieten. Wenn ich die Miete rechne, die ich alleine seit 1992 für das Gebäude in Unterhaching in der Leipziger Str. 16 gezahlt habe, stellt sich heraus, dass ich dafür schon bald drei vergleichbare Immobilien kaufen können. In der Tat sind Gewerbeimmobilien in Bau und Anschaffung deutlich billiger, in der Vermietung aber deutlich teurer als Wohnimmobilien.
Vorzugsweise würde ich eine alte Villa oder ein Industrie-Loft erwerben. Ein sehr erfolgreiche Firma war z.B. Soft Research, die hatten ihre SW-Entwicklung in den alten Nähräumen vom Loden-Frey (Mittlerer Ring Nordost). Es war eine geniale Atmosphäre, Palmen unter einem Glasdach.
Gerade in der Schweiz kenne ich ein paar sehr erfolgreiche IT-Unternehmen, die alte aber an moderne Bedürfnisse angepasste Immobilien im Eigentum haben.
Allerdings muss die Immobilie Nebensache bleiben, Hauptsache ist das Geschäft.

Strategie:
Ich glaube immer mehr an die Entscheidungen, die aus dem Bauch heraus kommen. Bei uns sind die dominant rationale, gründlich überlegte und gut abgesicherte Geschäftspläne fast immer gescheitert. Zweimal habe ich das ganz extrem erlebt.

Fall 1:
Gemeinsam mit einem ganz großen Unternehmen im Segment Hochleistungsdruck wollten wir im PoD-Markt Fuß fassen. Unser Partner hatte alles, teure Studien von Gartner, ein Marketingteam aus mehreren Mitarbeiten, und genug Geld für Marketingeine eigenen weltweiten Vertrieb. Die Partnerschaft ließ sich gut an. Wir hatten Erfolg mit exzellente Referenzprojekten. Aber dem Vertrieb unseres Partners war es unmöglich, weiter Projekte zu platzieren. So wurde die Kooperation wieder aufgelöst.

Fall 2:
Wir hatten eine Kooperation mit einem amerikanischen Unternehmen, dessen SW-Lösung in USA bei 80 Unternehmen der dortigen „fortune 100“ gesetzt war, aber in Europa noch gar nicht verbreitet war. Dieses Unternehmen wollte sein Produkt auch in Europa einführen und hat dazu einen auch an Personal starken Vertrieb in Deutschland aufgebaut. Mit diesem Unternehmen hatten wir eine Vereinbarung, die uns zum exklusiven Dienstleister in Deutschland machte. Wir hatten die Möglichkeit, unsere Mitarbeiter kostenfrei ausbilden und zertifizieren zu lassen. Unsere Aufgabe wäre gewesen, zu sehr guten Konditionen die Produkteinführung zu begleiten und den Professional Service an die zukünftigen Kunden durchzuführen. Kopfmäßig gesehen war alles klar. Aber dann hatte das Produkt des amerikanischen Partners null Erfolg in Europa, und der Partner gab auf.

In beiden Fällen hatten wir uns auf ein fremdes Unternehmen verlassen und dem Rat von Experten und Analysten vertraut.
Nach meiner Meinung ist es besser, für sich selbst die Chancen am Markt zu bewerten, das Geschäft nach eigenen Vorstellungen zu entwickeln und der eigenen Stärke vertrauen. Und das kann geht im Mittelstand nur aus dem „Bauch heraus gehen“.

Zeit:
Beim nächsten Mal würde ich mit der Selbstständigkeit früher anfangen. Meine gut sieben Jahre lohnabhängiges Beschäftigungssystem vor der Gründung waren mehr als genug.

Mag sein, dass manches ein wenig idealistisch oder gar unrealistisch klingt. Trotzdem lohnt es sich, es auszuprobieren. Denn
„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“
Lucius Annaeus Seneca

Mit diesem Artikel beende ich die Serie „Fragen&Antworten“ zu meinem Vortrag. Erfahrung weiterzugeben ist richtig und wichtig. Die kritische Prüfung der Aussagen vor aktuellem dem Hintergrund auch. Und Visionen für die Zukunft brauchen wir. Denn:
Kein heute ohne gestern, kein morgen ohne heute.

RMD


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2 Kommentare zu “Nachlese zu meinem Vortrag – Fragen&Antworten #14 Die Schlüsselfrage”

  1. Andi (Dienstag, der 24. August 2010)

    Hallo Roland,

    also ich habe beide Fälle etwas anders in Erinnerung. In beiden Fällen haben wir uns nicht auf fremde Unternehmen verlassen. Sonderen Mitarbeiter von IF und auch du waren von diesen Ideen überzeugt. Insbesondere bei dir hatte ich den Eindruck, dass beide Ideen Teil deines axiomatischen Kerns wurden, den du mit sehr viel Worten verteidigt hast. 😉

  2. rd (Mittwoch, der 25. August 2010)

    Hi Andi, danke für die Nachfrage. Das auf „andere verlassen“ sollte meinen „sich auf die Marktkraft, die Stärke und den Vertrieb von dritten zu verlassen„.

    Das war in meiner Meinung nach der Fehler, es ist immer noch am besten, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren.

    Natürlich waren wir überzeugt, und es war ja auch schrecklich logisch, dass die großen Vertriebe unserer beiden Partner etwas zerreißen. Haben sie aber nicht.

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