Roland Dürre
Donnerstag, der 15. Oktober 2015

Neue Konzerne braucht die Welt.

Bei der Überschrift habe ich mich an das wunderbare Lied von Ina Deter angelehnt. Das passt sehr gut, sind doch die meisten Konzernchefs gerade in Deutschland (noch) Männer. Also zuerst mal hier ihren „Song“:

Diesen Artikel widme ich meinem Freund Hans Bonfigt. Sein letzter Beitrag als Gastautor hat unheimlich viel Leser für IF-Blog gebracht. Das ging so: Hans hat einen „historischen Feind“, Felix von Leitner. Mit dem hat er sich schon in den guten alten Usenet-Zeiten „gezofft“. Felix schreibt den viel gelesenen blog.fefe.de und hat von dort den Gastbeitrag vom Hans in IF-Blog verlinkt. Und dann ging es los, allein über 20.000 Leser haben so innerhalb weniger Tage diesen Artikel erreicht. Aber auch viele andere Artikel haben kräftig davon profitiert.

Zurück zum Hans. Er neigt manchmal zu einer brutalen Sprache. Die lenkt ab und zu von seinen guten Gedanken ab. Unternehmen die er nicht mag, beschimpft er. Manche empfinden das als Diffamierung. Das ist nicht gefällig. Ich meine auch, dass seine durchaus validen Thesen mehr Anerkennung finden würden, wenn er nicht so oft pauschal verdammen würde.

Ich respektiere das. Denn er hat in seiner harten Art und Weise wohl Recht. Das meiste von dem, was er schreibt, ist noch harmlos im Vergleich zur ungeschminkten Wirklichkeit.

Betrachten wir mal die Konzerne, die die Welt beherrschen. In Deutschland sind das in der Regel Unternehmen mit einem guten Renommee, einer wertvollen Marke, viel Prestige und Geschichte. Sie verfügen über eine gut ausgebildete „Work-Force“, viel Wissen, gute Vertriebskanäle und hohen Bekanntheitsgrad. Sie scheinen durch ihre Prozesse und Aufstellung für alle Ungemach gerüstet. Die Mitarbeiter verdienen meistens aufgrund guter Tarifverträge besser als zum Beispiel Menschen, die im „Sozialen Bereich“ oder in der „Freien Wildbahn“ beschäftigt sind. Aufgrund eines ausufernden Kündigungsschutz sind diese auch die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes betreffend deutlich besser gestellt als der Rest der Werktätigen in diesem Lande.

Schaut man aber hinter die glänzenden Fassaden, dann bröckelt vieles vom Lack ab. Nur zu oft versagen ihre klassischen Geschäftsmodelle und sind die klassischen Umsatzträger bedroht. Sie beschäftigen oft viel zu viel teuer bezahlte Mitarbeiter, die in den Szenarien der Zukunft nicht mehr benötigt werden. Altlasten bedrücken sie, der Markt ändert sich zu ihren Ungunsten und neue Konkurrenten bedrohen sie.

Es gibt große innere Schwächen, die nach außen versteckt werden. Vieles was da glänzt ist kein Gold. Das ist schon beängstigend. Wenn ich dann noch die „handlungsleitenden Werte“ der die Welt beherrschenden Wirtschaft analysiere, dann wird es mir schwindelig. Das gilt weltweit, für alle Konzerne wie für alle Branchen.

Denn wir haben in der Weltwirtschaft desolate Zustände, die wir seltsamer Weise tolerieren. Von dem Gedanken einer Gemeinwohl-Ökonomie – wie zum Beispiel in der Bayerischen Verfassung verpflichtend festgelegt – findet sich da keine Spur mehr. Keiner akzeptiert die Verpflichtung, die das von mir als wertvoll empfundene Recht zur Gewerbefreiheit den Gewerbetreibenden auferlegt.

Auch der gute Ruf eines Unternehmens ist zum Mittel zum Zweckes geworden. So lässt sich besser Profit machen. Der Einsatz Ethik wird in CSR – Coporate Social Responsibilty eingepackt und dient der Verschleierung der Realität. Denn alle Konzerne und Unternehmen der Wirtschaft folgen drei ungeschriebenen Gesetze:

Die drei Gebote des aktuellen Kapitalismus:

1. Gebot
Entwickle nicht Produkte für die Bedürfnisse der Menschen und des Marktes, sondern richte den Markt so aus, dass er die Produkte kauft, die Dir am meisten Profit bringen! Dazu manipuliere die Menschen permanent durch eine kollektive Gehirnwäsche, die auch „Marketing“ genannt wird.

2. Gebot
Lege die Regeln und Ordnungen für Deine Geschäfte so fest, dass sie zu erst mal ausschließlich Dir nutzen! Dazu setze die Superwaffe „Lobbyismus“ ein! Dein Ziel muss sein, die Politiker durch Deine Lobbyisten so zu steuern, dass alle Gesetze und Regeln nur Dir zum Vorteil gereichen!

3. Gebot
Absolutes Ziel all Deines unternehmerischen Handeln muss es sein, die Profite und den Shareholder Value zu maximieren! So entstandene Gewinne musst Du schnellst möglich privatisieren, die Verluste aber umgehend sozialisieren!

Diese Gebote des modernen Kapitalismus haben Priorität vor allem anderen, gleich ob es Mitarbeiter, Kunden, Lieferanten oder andere Stakeholder betrifft. Weltweit und ohne Ausnahme. Denn ob in Asien, China, Indien, Japan, Korea, Südamerika, USA oder sonst wo auch immer, es geht immer nur und ausschließlich um den Profit.

Auch in Europa sieht es nicht besser aus, gleich ob in den ehemaligen EG- oder Comecon-Staaten. Dass es in der Schweiz anders ist, kann ich mir nicht vorstellen. Die skandinavischen Konzerne sind für mich auch keine Hoffnungsträger, wenn ich mir nur die Geschichten anhöre, die sich z.B. um IKEA ranken.

Summarisch kann gesagt werden, dass bei allen Konzernen und vielen weiteren Unternehmen der Wirtschaft immer das Erzielen und Maximieren von Gewinnen und die Festigung der Position im Markt die absolute Priorität haben. So hat die Konzern-Wirtschaft einen Punkt erreicht hat, an dem es nur noch um das eigene Überleben geht. Erhalt und immer fortwährende Stärkung des eigenen Systems sind zum ausschließlichen und vom System selbst festgelegten Zweck geworden.  Und der Zweck heiligt die Mittel. Solche Systeme bezeichnet man in der Theorieals „entpersonalisiert“. Und den Selbsterhalt zum ausschließlichen Zweck zu machen, entmenschlicht und ist die Vorstufe zum faschistischen System.

Der Hauptzweck eines Unternehmens ist: Die Menschen im Land mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen, die das Wohl dieser mehren. Dem widerspricht die aktuelle Ausrichtung der Wirtschaft. Zielsetzung.  Die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen werden nicht mehr bedient, sondern passend auf die Wirtschaft formatiert. Für eine „Gemeinwohl-Ökonomie“, wie sie ja auch die Bayerische Verfassung fordert, ist dann natürlich auch kein Raum mehr da. Dies empfinde ich als „kriminell“.

Jetzt gehe ich kurz durch die Branchen, ob ich eine nicht-kriminelle finde?

Die „Food“-Industrie (warum spricht man eigentlich nicht mehr von Nahrungsmitteln oder Ernährung?) kann es nicht sein. Mit Lügen werden dort schon die kleinen Kunden vorsätzlich auf ungesunde Ernährung gepolt. Ein (nicht nur Lebensmittel-) Skandal folgt dem nächsten, es wird beliebig geschwindelt und erpresst. Qualitätsabstriche und Ausbeutung werden aus Kostengründen billigend in Kauf genommenen wie auch die Umweltzerstörungen nicht nur in der dritten Welt. Besonders krasse Fälle wie die Situation beim Saatgut erwähne ich mal nur am Rande.

Über die Industrien, die die Menschheit mit „Rohstoffen versorgen“, brauche ich eigentlich auch nicht zu schreiben. Jeder weiß, welche Spuren diese Raubritter auf unseren Planeten hinterlassen haben. Genauso wie deren Unterabteilung, die Öl- und Petro-Industrie. Hier sollen Unternehmen wie Gasprom sogar über eine eigene paramilitärische Organisation verfügen, die ähnlich als Privat-Armee mit schweren Waffen ausgestattet ist. Warum? Klar, um notfalls ihre Interessen mit Gewalt durchzusetzen

Aber auch die EVU’s kommen nicht besser weg. Auch nicht die Chemie-Industrie oder die Pharmazie, von der man laufend liest, dass Medikamente mit besten Tests (herausragende Wirksamkeit, zu vernachlässigende Nebenwirkungen) zugelassen werden und so auf den Markt kommen. Und wenn viele Anwender – oft Kinder und Jugendliche – die Medikamente Jahre lang konsumiert haben, stellt sich eine Wirksamkeit von NULL dafür aber wesentliche Nebenwirkungen heraus. Aber es war ja nichts. Das „Business as Usual“ geht weiter.

Auch der Handel dürfte hat keine weiße Weste. Mit welch harten Bandagen kämpfen die Discounter sowohl gegeneinander wie auch gegen ihre Lieferanten! Und die Kunden bescheissen sie auch immer wieder. In einem langfristig ruinösen Verdrängungswettbewerb betonieren sie die Landschaft zu. Übrig bleiben werden am Schluss nur die Ruinen vieler nicht mehr benötigter Filialen und eine zerstörte Infrastruktur.

Von den Verkehrsunternehmen, Finanzdienstleistern, den Spekulations-, Wett- und Spiel-Unternehmen, den Medienunternehmen, den Waffenproduzenten, der Logistik-Branche oder gar von der Genussmittel-Industrie will ich gar nicht reden.

Auch meiner Branche – der IT-Industrie traue ich nicht. So könnte ich mir vorstellen, dass mancher Hersteller sich sehr über das hohe Aufkommen von Viren und Spams freut. Und über den Abhörwahn und manches mehr. Denn ich vermute, dass nur noch ein kleiner Teil der Hard- und Software-Systeme der eigentlichen Verarbeitung und Kommunikation von Daten dient.

Nein, die meisten Server- und Speichersysteme dürften für Spam- und Virenabwehr, fürs Überwachen und Abhören und ähnlichen verkauft werden. Die Spam-Flut bei den E-Mails könnte man mit einem geeigneten Protokoll leicht ausschalten (sogar die alten Fernschreiber hatten einen Kennungsgeber) – aber keiner will das, vermutlich weil es doch schade um das schöne Geschäft wäre.

Mir fällt noch auf:

Gewinne dürfen beliebig hoch sein. Je höher desto besser. Auch wenn es unmoralisch anmutet.

Von Reemtsma (Branche Genussmittel – Tabak) habe ich mal gelesen, dass dort in guten Jahren der EBIT auch mal die Hälfte des Umsatzes beträgt. Nehmen wir mal an, dass in dieser Branche der Umsatz nur ein Zwanzigfaches des eingesetzten Kapitals beträgt, dann ist das eine Kapitalrendite von 1.000 %. Und es gab mal Zeiten, da galten 4 % als eine ordentliche Umsatz-Rendite  (das war in 50igern bei VW und damals bekam man sogar auf seinem Sparbuch noch einen Zins im unteren einstelligen Prozentbereich). Bei einem 200-fachen Faktor Umsatz zu Kapital wäre das dann eine Rendite von 10.000 %. Das muss man erst mal schaffen …

Und was lese ich (vorwurfsvoll) auf der Website von Reemtsma?
Illegaler Zigaretten-Handel gehört zu den lukrativsten Straftaten …
Warum wohl?

Marketing darf mittlerweile kosten, was es wolle. Und die Manipulation soweit gehen wie nur irgendwie möglich.

Hauptsache ist, dass sie ihren Zweck erfüllt. Gerade vom „digitalen Marketing“ gibt es da unglaubliche Fortschritte zu vermelden. Die modernsten Erkenntnisse von Gehirnforschung und Psychologie werden genutzt. So wachsen die Aufwendungen für Marketing und Vertrieb laufend und betragen bei manchen Unternehmen schon oft die Hälfte des Umsatzes. Das heißt der Kunde bezahlt die Hälfte seines Geld beim Kauf dafür, dass er zum Kaufen gebracht wurde.
Ist das OK?

Das gilt sogar für Unternehmen zum Beispiel aus der Pharmazie-Branche. Man sollte ja meinen, dass Medikamente eigentlich gar keiner Werbung bedürfen, weil sie ja dringend benötigt werden. Aber weit gefehlt – auch hier beträgt der Anteil der Werbekosten am gesamten Umsatz gerne mal 40 % und mehr. Und bei Unternehmen, die im Internet „Dienstleistungen“ vermitteln, wie z.B. die Reservierung von Hotelzimmern – kann der Anteil der Werbung an den Gesamtkosten auch gerne mal die Hälfte übersteigen.

Sogar die Politik manipuliert uns durch Werbung.  Nicht nur im Bereich des Lobbyismus. Normalerweise stellt die Partei die Regierung, die am meisten Geld für den Wahlkampf zur Verfügung hat. Den sie kann die besseren Marketing-Firmen beauftragen und die intensiveren Kampagnen „fahren“. Die Höhe der erhaltenen Stimmen korreliert fast immer mit der Höhe des für den Wahlkampf eingesetzten Geldes. Nur woher kommt das Geld. Natürlich von den Institutionen, die a) Geld und b) wichtige Interessen haben. Und wer könnte das sein? Doch vor allem die Unternehmen, die gerne der Gesellschaft die Regeln für ihr Geschäft vorgeben wollen. Ich sehe hier eine große Gefahr für unsere Demokratie! So graut mir vor der Wahl des nächsten Präsidenten der USA, die sich selber „God’s own country“ nennen.

Insofern kann ich gar nicht umhin, dem Hans Bonfigt doch irgendwie Recht zu geben, wenn er mal wieder zu deftigen Worten greift.

RMD

2 Kommentare zu “Neue Konzerne braucht die Welt.”

  1. KH (Donnerstag, der 15. Oktober 2015)

    KH: Lieber Roland, wenn man die Dinge so zuspitzt wie Du, läuft man in Gefahr, dass man sie zuletzt selber glaubt. Und dann fordert man auch „Neue Konzerne“, ohne sagen zu können, warum die es „besser“ machen sollten? Welch ein Glück, dass die Realität doch etwas differenzierter ist.Trotzdem ist das ein erfrischender Artikel!

  2. rd (Donnerstag, der 15. Oktober 2015)

    Lieber Klaus, danke für Deine Rückmeldung. Aber keine Angst, ich glaube nicht an neue Konzerne. Das war nur eine rethorische Fromulierung und Forderung.

    Wenn ich an etwas glaube, dann nur noch an kleine Unternehmen, die auf Augenhöhe zusammen arbeiten und so ein starkes Netzwerk bilden. Das dann hoffentlich im Rahmen eines gesellschaftlichen Konsens die Herausforderungen der Zukunft vielleicht eher lösen kann.

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