Roland Dürre
Mittwoch, der 9. Mai 2012

Neue Wachstumsformel!?

Die Klimaentwicklung wird schlimmer als erwartet, das stand gestern auch in der Zeit (online) und der Süddeutschen. Diese Aussage scheint plausibel und deckt sich mit persönlichen und kollektiven Beobachtungen.

Ich zitiere:

Erstmals in ihrer Geschichte bewegt sich die Menschheit auf einen Punkt zu, an dem der eigene Drang nach Wachstum und Wohlstand mit der Begrenztheit des Planeten kollidiert.

Trotzdem höre ich von den Mächtigen wie auch deren Kritikern (!) einen immer lauter werdenden Ruf nach Wachstum, sogar wieder nach Wachstum auf Pump. Bei Wachstum denke ich persönlich an mehr Lärm, mehr Konsum, mehr Verschwendung, mehr Abgase, mehr Stress, mehr Raserei …

Dabei wäre der Ruf nach Wachsturm völlig in Ordnung. Nämlich genau dann, wenn wir uns auf eine neue „Wachstumsformel“ einigen würden:

Wachstum ist, wenn der Ausstoß von Kohlendioxid und der Einsatz von Rohstoffen sinkt!

In meinem doch schon längeren Leben sind mir verschiedene Kriterien für wirtschaftliche Entwicklung besonders haften geblieben:

Wie ich jung war, war das die Anzahl der Bruttoregistertonnen, die auf der Schiene transportiert wurden. Vereinfacht hieß das: Je mehr Kohle transportiert (und verbraucht wird), desto besser geht es der Wirtschaft. Aus heutiger Sicht erscheint das natürlich unsinnig.

Später wurde der Haus- und Wohnungsbau zur Indikatorbranche. Das leuchtet ja auch ein. Der Bau von Wohnungen ist nicht nur wirtschaftlich relevant, auch die Folgeinvestitionen in Möbel und vieles mehr hängt ja daran. Aber auch das funktioniert nicht mehr.

Um die Jahrtausendwende waren die Medien die Branche, die als Basis für die Bewertung der Konjunktur diente. Je mehr Geld in die Anzeigen von Verlagen und Fernsehanstalten lief, desto besser die Vorhersage für die wirtschaftliche Entwicklung. Aber wehe, wenn die Werbeetats zurück gingen. Das galt als untrügliches Zeichen für eine Verschlechterung der Konjunktur.

Habe ich zwar nie verstanden.Im Gegenteil, diese Theorie erschien mir unsinnig. Denn wenn die Nachfrage so richtig boomt, könnte ich doch den Werbeetat senken. Nur wenn der Markt so richtig gesättigt ist (wie die meisten bei uns in Mitteleuropa), dann muss ich kräftig in Werbung investieren. Und dann wird es schwer mit Wachstum. Könnte man zumindest meinen.

In Zukunft wird man die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft daran messen müssen, in welchem Maße sie es schafft, ihren Bedarf an fossilen Energien und weiteren Rohstoffen zu senken. Diese Zahlen müssen aber bereinigt werden um die Einsparungen, die aus dem Export schmutziger Industrien in Drittländer resultieren. Das Motto „Wir stoßen weniger Kohlendioxid aus, weil die industrielle Drecksarbeit woanders gemacht wird“ ist global natürlich nicht Ziel führend.

Nachhaltige Energie und ein geschlossener Kreislauf der Rohstoffverwertung werden dann aber auch wieder zu echtem qualitativem aber anderem Wachstum führen.

Denn in vielen Bereichen muss der Verzicht auf scheinbare „billige fossile Energie“ und der unangemessene Verbrauch von Rohstoffen durch menschliche Intelligenz und Arbeit ersetzt werden. Und beides ist ja bekannter Weise gerade bei uns teuer bis überteuert.

Nicht weil die Menschen so viel verdienen, sondern weil beim Einkommen aus Arbeit das zurzeit so viel beschworene Recht auf Eigentum ein wenig vernachlässigt wird. Beim Einkommen aus unselbstständiger Arbeit (auch das ist Eigentum!), kneift der Staat bei sich selbst ein Auge zu und kassiert mehr als kräftig ab. Das obwohl das Recht auf materielles und geistiges Eigentum heute in einer Art und Weise wohl wie nie in der Gesellschaft verankert ist und oft zu einem „Grundrecht auf Besitzstandswahrung“ mutiert zu sein scheint.

Das unbeschränkte Recht auf geistigem und „realem“ Eigentum ist auch so ein Paradigma, das man genauso wie das „Wachstums-Dogma“ mal überdenken sollte. Sonst könnte zu leicht die soziale Evolution über uns hinweg rauschen.

Und am Ende bleibt der nächsten und übernächsten Generation nur der Katzenjammer einer gnadenlosen ökologischen (Welt-)Diktatur in einer komplett zerstörten Umwelt.

RMD

P.S.
Das für mich wichtigste Eigentum ist meinATMEN, meinWASSER, meinESSEN, meineSTILLE und nicht zuletzt meinLEBEN, das nicht von Umweltkatastrophen bedroht werden soll. Wichtig ist mir auch noch meineFAMILIE und meineKINDER, damit meine ich, dass meine Kinder und Enkel nicht in unnötige Katastrophensituationen hineingeraten sollen.

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1 Kommentar zu “Neue Wachstumsformel!?”

  1. Chris Wood (Mittwoch, der 9. Mai 2012)

    A really good posting, Roland, regarding content and style (grammar)!
    But your „pitiless ecological (world) dictatorship“ may well be very optimistic. If it did happen, humanity could perhaps develop a decent society within a couple of generations. However there is a real chance that human organisation, (i.e. civilisation), will crumble. I doubt whether people can „revert“ to primitive existences and survive. The few remaining rainforest tribes may be gone by then. So Homo sapiens may be added to the huge list of exterminated species. Then it would take a few hundred million years for our level of intelligence to evolve again.
    There is supporting evidence for the view that civilisation never lasts long. This view explains why no extra-terrestrial civilisation has made contact.

    I would add http://if-blog.de/en/cw/wie-wir-unsere-welt-zerstoren/ to the list of related postings. Read it in English please. Foreign languages are good for the brain, (according to a recent article in New Scientist).

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