Roland Dürre
Samstag, der 6. Februar 2010

Neue Welt – Alte Welt ♫

In meinem Artikel zu unserer Vortragsreihe OPEN2010 im IF-Forum dieses Jahres habe ich meine Definition von Neuer Welt und Alter Welt stichwortartig herunter gerasselt.

Axel hat mich daraufhin gebeten, mein Verständnis von Alter Welt und Neuer Welt noch klarer zu formulieren.

Hier mein Versuch zu erklären, was ich unter Alter Welt verstehe und wie meine Vision der Neuen Welt aussieht.

Ich habe bewusst das Wort Vision und nicht Utopie gewählt, denn für mich deuten viele Anzeichen darauf hin, dass wir, wahrscheinlich sogar global, einen phantastischen Wertewandel erleben. Ein wenig leben wir schon in der Neuen Welt, sie ist durchaus keine Utopie mehr.

Die Alte Welt ist von Einzelinteressen dominiert. Das gilt wohl nicht nur in unserer A.-E.-Kultur (american-european).

In der alten Welt machen der und die Einzelne die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften (Communities) vom Aspekt der konkreten Nützlichkeit für sich selbst abhängig. Menschen sind Mitglieder in sozialen System, weil sie sich konkreten Nutzen versprechen. Ein gutes Beispiel ist der ADAC.

Bei den Parteien ist es ähnlich. Die Menschen werden Parteimitglied, weil sie sich von ihrer Mitgliedschaft persönliche Vorteile erhoffen. Die „politische Meinungsbildung“, der im Grundgesetz formulierte Auftrag an die politischen Parteien, interessiert sie nicht.

Auch Unternehmen aller Art gehen davon aus, dass man die Menschen nur zum Engagement bewegen kann, wenn man Ihnen einen persönlichen materiellen Vorteil als Anreiz in Aussicht stellt. Das Ergebnis sind unter anderem Boni und Tantiemen, oft in perversen Höhen.

In der Alten Welt wird Leistung primär zuerst mal gegen materielle Entlohnung eingetauscht. Zufriedenheit und Glück verschafft man sich durch Besitz und Konsum. Die Mehrung seines persönlichen Wohlstands und des materiellem Reichtum ist absolutes Ziel jedes einzelnen. Das Gemeinwohl wird dominiert durch einseitiges Nutzen denken. Was mir nutzt ist gut …

Besonders treffend zeigt dies die von amerikanischen Börsianern getätigte Aussage: „Greed is good“ (Die Gier ist gut). Das war der zentrale Glaubenssatz der Alten Welt der letzten Jahren. Gier wird als das zentrale Moment fürs Erreichen unseres zwingend notwendigen Wachstum gesehen!?

Die Alte Welt ist eine geschlossene Welt. Individuen wie Kollektive errichten dicke Mauern um sich. „Gated communities“ werden aufgebaut. Man will sich nach Außen und gegen Andere schützen. Angst ist der Motivator Nummer 1. Man versucht sich nach allen Regeln der Kunst gegen alles abzusichern.

Man weiß zwar, dass dies umöglich ist, verdrängt diese unangenehme Erkenntnis aber immer nach Kräften. Die permanente Indoktrination durch verschiedene Medien überlagert mit Emotionen aus zweiter Hand die Realität der Welt.

Der Mensch hat sich schleichend aus der Naturwelt entfernt und ist in eine totale Kulturwelt gewechselt. Irgendwie hat er sich selbst in ein Hamsterrad des unwirklichen Lebens gesetzt. Dort strampelt er, dem Permakonsum folgend und massiver Überreizung ausgesetzt, immer mehr desensibilisiert für die schlichte Freude am Leben.

Eine Folge ist, dass die Bereitschaft zu stabilen Bindungen verloren geht. Zu groß die Sorg, man könnte etwas versäumen oder sich etwas vergeben. Lebensziel ist, alle Vorteile zu kombinieren. Gleichzeitig sucht man die Geborgenheit in einer Beziehung und die Freiheit der Ungebundenheit.

Das kann natürlich nicht funktionieren. Das Ergebnis ist eine Welt von alt werdenden Singles, in München wohl die Hälfte der Bevölkerung.

Die Menschen beginnen dies mehr und mehr zu verstehen. Sie versuchen, ihre vergoldeten Hamsterräder zu verlassen.

So beginnt sie zu leben, die Neue Welt.

Mitten unter uns aber auch in der Ferne. Ein Wertewandel findet statt. Den brauchen wir, zu erdrückend sind die Erkenntnisse der Wissenschaft. In den letzten Jahrhunderten haben wir einiges angestellt. Die Folgen werden uns wohl schon in diesem Jahrzehnt ganz brutal einholen.

Menschen nehmen wieder vermehrt an sozialen Systemen teil, ohne auf den direkten persönlichen Gewinn zu achten. Die ehrenamtliche Arbeit nimmt zu. Verlässliche Partnerschaften stehen wieder höher im Kurs. Sogar der Wunsch nach Familie und Kindern scheint sich in der Neuen Welt wieder zu mehren. Vielleicht beginnen sogar die Generationen, sich wieder besser zu verstehen. Kooperatives Verhalten nimmt zu, die Einsicht steigt, dass Probleme so besser gelöst werden können.

Freilich leben viele Menschen noch in der Alten Welt. Sie verstehen die Neue Welt nicht und haben Angst vor ihr.

In der Neuen Welt ist man bereit, Verzicht und Vorleistung zu erbringen. Man bringt sich zweckfrei in Gemeinschaften und Communities ein, ohne materielle Hintergedanken. Treibendes Motiv ist die Freude am Neuen und am Spaß in und mit der Gemeinschaft. Denn der Profit wird geteilt, der materielle Nutzen genauso wie der Ruhm. Man verzichtet auf Krawatte und Statussymbole und trägt das Hemd offen.

Information wird nicht mehr geheim gehalten. Wissen wird geteilt und öffentlich gehandhabt. Es ist unser wichtigster „Rohstoff“ und der einzige, der durch Teilen mehr wird. So entstehen rasant vernetzte Wissensgemeinschaften, die offen kommunizieren und die ganze Welt an ihren Ergebnissen teilnehmen lassen.

Es entsteht auch eine neue Ausprägung von Ethik. Bottom-up bilden sich immer mehr Non Goverment Organisations (NGO). Und das Ansehen der meisten NGOs mehrt sich, oft in dem selben Maß wie das Vertrauen zu den Regierungen und Politikern abnimmt.

Und mit jedem Tag wächst das Bewusstsein bei den Menschen, dass wir gar keine andere Wahl haben, wenn wir noch ein paar Generationen länger überleben wollen. Die Evolution scheint in das Gehirn ein Überlebensgen eingepflanzt zu haben (so verstehe ich zumindest die Ergebnisse der Gehirnforschung von Gerhard Roth). Dies witzigerweise so elegant, dass wir uns wohl fühlen, wenn wir „Gutes tun“.

So ändern sich die Werte. Ein Beispiel zur Ermunterung: Schauen Sie sich die Bilder an, wie das deutsche Volk mehrheitlich den Beginn des ersten Weltkrieges bejubelt hat. Heute werden Kriege aller Art von der großen Mehrheit sittlich verurteilt. Nur noch wenige meinen, mit komplizierten rationalen Argumentationsketten einen Krieg, wie er in Afghanistan oder Irak stattfindet, rechtfertigen zu können oder begründen zu müssen. Gejubelt wird in den Fußballstadien, aber nicht mehr auf den Schlachtfeldern.

Ende der 60iger Jahre hatten wir zahlreiche Friedensbewegungen. Yoko Ono und John Lennon haben „Give peace a chance“ aus sich heraus geschrien und sind dafür von manchen gekreuzigt worden. Jetzt scheint die Saat langsam aufzugehen. Und in der Tat müssen wir die Kriege zeitnah und weltweit beenden, um uns um die anderen, die wirklich drängenden Probleme der Menschheit kümmern zu können.

Ich weiß, dass ich vielen Menschen wieder ein zu positives Bild von unserer Welt und ihrer Zukunft zeichne. Und höre schon die Kommentare, dass ich das alles viel zu optimistisch sehe. Und sehe schon die Argumente auf mich zu kommen, wie schlecht die Welt und wie groß das Elend wäre. Wie viele Menschen hungern und Kinder verhungern würden, dass der Mensch ein Raubtier sei und vieles mehr … Oder dass Sekten und Extremisten aller Art wieder Überhand nehmen.

Egal! Ich bleibe bei meiner positiven Bewertung. Und bleibe Optimist!

Allerdings müssen wir für den Erfolg der Neuen Welt auch einiges tun, vor allem bei Bildung und Sozialisierung unserer Kinder. Nur dann können wir über Generationen besser denken und handeln.

Ein schönes Beispiel hat mein Freund Werner Lorbeer in seinem Artikel Desert Tec #7 gebracht. Natürlich muss das Kohlendioxid raus aus der Luft. Aber warum wollen wir das immer wieder großindustriell lösen, basierend auf der konservativen Denke der vergangenen Jahrhunderte? Das Zeitalter der Großtechnologie wie z.B. auch der Megaprofite in virtuellen Finanzwelten ist vorbei, so wie die Zeit von „Mein Haus, meine Yacht, mein Porsche, meine Frau, meine Kinder“. Auch wenn das viele noch nicht glauben wollen.

So müssen wir uns an die Tugenden der Aufklärung erinnern und alles, was man uns so täglich erzählt, individuell und kollektiv hinterfragen! Wir werden dann schnell erkennen, wieviel Blödsinn man uns täglich verzapft.

Das Hinterfragen der Dinge muss ein Thema einer konstruktiv-kritischen Ausbildung werden. Wir dürfen unsere Kinder nicht unausgebildet in die Zukunft schicken, so wie ein Schweizer Freund mir zynisch gesagt hat „Mit Sommerschuhen in den Winter vor Moskau“.

Im Herbst habe ich einen Vortrag von Professor Guy Kirsch gehört, der mich sehr beeindruckt hat. Guy Kirsch war stolz darauf, dass ein wichtiger Mann seiner Disziplin, Adam Smith, eben nicht nur Volksökonom war, sondern wohl auch der Begründer der Sozialphilosophie war.

So bin ich – als einer der frühen, die Informatik gemacht haben – stolz darauf, dass unsere Disziplin die Neue Welt erfunden hat. Die Geburtsstunde der Neuen Welt war der Start in die „Open Source“-Bewegung in den 80iger Jahren. Ich kann mich heute noch gut an das Staunen in der Branche (und auch bei mir) über diese Exoten aus California erinnern, die vor 25 Jahren anfingen, Programme zu schreiben und diese nicht nur zu veröffentlichen, sondern auch noch zur kostenfreien Nutzung freizugeben. Das war für mich die Geburtsstunde der Neuen Welt.

Es gibt viel zu tun – packen wir es an! Weg mit Angst, Bequemlichkeit und dem Sicherheitsdenken. Hin zu Vertrauen, Aktivität und Offenheit.

RMD

Dann lassen wir ihn doch zu Stimme kommen – den großen Meister. John Lennon, give peace a chance!

oder noch schöner im Interview:

P.S.
🙂 Und Entschuldigung, dass der Artikel so lang geworden ist. Aber es ist mir einfach wichtig. Und wir haben ja Wochenende und Zeit zum Lesen.

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