Roland Dürre
Donnerstag, der 11. März 2010

Neuperlach

Am Dienstag, den 9. März fand im Siemensgelände in Neuperlach die Wahl des Siemensbetriebsrates statt. In den noch von Siemens genutzten Gebäuden im Gelände konnte man aus den Lautsprechern auf Deutsch und Englisch die eindringliche Aufforderung hören, unbedingt an der Wahl teilzunehmen. So laut, dass man sich im Meeting nicht mehr unterhalten konnte.

Obwohl ich in meinem Leben viel Zeit hinter diesen Mauern verbracht habe, war es das erste Mal, dass ich die Anlage bewusst gehört habe. Lautsprecherdurchsagen in Gebäuden berühren mich immer ein wenig, ist irgendwie eine Mischung von Schule, Bundeswehr und Orwell.

Hintern den Zäunen in Neuperlach kursieren immer zahlreiche Gerüchte. Da ich dort immer noch viele Menschen kenne, werde ich bei meinen Besuchen immer frisch mit Informationen aufmunitioniert.

Am Dienstag hat mich ein Gerücht einer besonderen Qualität erreicht. Just an diesem Tag soll beurkundet worden sein, dass die Siemens AG das Gelände Neuperlach an einen „real estate investor“ verkauft.

Die Gerüchte, die ich so auf den Fluren erfahre, sind natürlich nur Gerüchte. Die Frage ist, was da dran ist. Oft bestätigen sie sich aber im Nachhinein dann doch als richtig.

Nehmen wir mal an, bei dem Verkauf handelt es ich um kein Gerücht, sondern er hätte wirklich stattgefunden. Dann ist das für mich persönlich eine besondere Nachricht, die mich berührt. Es kommt bei mir wie ein Fanal am Ende einer Epoche an. Das Ende einer Linie, die mich in meinem Leben jetzt bald 40 Jahre begleitet hat.

Was haben wir bei und mit Siemens alles geleistet und geschaffen. So richtig klar kann das wahrscheinlich nur uns „Involvierten“ sein, die wir „dabei gewesen sind“. Es schmerzt mich, wenn ich daran denke, was da alles an Knowhow geschaffen und wieder verloren wurde. Und auch die Aufgabe der einzigartigen Marktposition, die Siemens in den letzten 100 Jahren weltweit im Bereich Kommunikation hatte, tut weh.

Aber die Dinge sind so wie sie sind. Man kann sie nicht mehr ändern. Es wäre auch zu leicht und ungerecht, dem Management und den verkrusteten und offensichtlich unreformierbaren Strukturen in unserem Lande die Schuld an diesem Verlust zu geben. Es ist wohl einfach nur „blöd gelaufen“.

Trotzdem wurden viele Fehler gemacht. Und einer dieser Fehler war Neuperlach. Ich habe es immer als Relikt aus einem zumindest für uns in Europa vergangenen industriellen Zeitalter empfunden. Erlebt habe ich es als unmenschliches Monstrum, das noch die perfide Gemeinheit hatte, uns mit scheinbarer Modernität und Menschenfreundlichkeit (Mitarbeiterfreundlichkeit) zu täuschen. Und zu seiner Hochzeit uns von Wegwerfgeschirr mit Plastikbesteck essen ließ.

Wie ich als Mitarbeiter der Siemens AG in den 70iger Jahren aus der Hofmannstr. nach Neuperlach versetzt wurde, war ich nur anfangs begeistert. Ich hatte mich auf freie Forschung und Hightec eingestellt. Und eine gewisse Vorfreude auf das Arbeiten in einem modernen Technologie-Park gehabt. Angekommen in „Datasibirsk“ oder „Legoland“, wie der Komplex auch genannt wurde, habe ich dann jede Chance genutzt, dem funktionalen Beton zu entkommen und bin, wenn irgendwie möglich, zu unseren Kunden geflüchtet.

Habe zu unseren „broken dreams“auch einen Artikel veröffentlicht.

Jetzt nehme ich Abschied von Neuperlach und damit von einer vergangenen Zeit. Und ziehe meinen Hut vor dem neuen Siemens-Vorstand Peter Löscher. Aus dem Privatvermögen einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der TUM zu finanzieren und sich von Datasibirsk zu trennen, das macht Hoffnung.

RMD

P.S.
Die schönen Bilder verdanke ich wieder mal Wikipedia. Aufgenommen wurden die Bilder im April 2009. Eingestellt hat sie dort der Benutzer:Donaulustig der als Urheberrechtsinhaber dieser Datei ein unbeschränktes Nutzungsrecht ohne jegliche Bedingungen für jedermann eingeräumt hat. Vielen Dank!

4 Kommentare zu “Neuperlach”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 11. März 2010)

    Roland, stop putting odd words of English in your postings. You get them right about as often as Real Madrid recently gets to the Champions‘ League final! The term is „real estate“, German „Immobilien“ and/or „Grundstücke“.
    I am particularly affected by this rumour. For years, as a Siemens pensioner, I have cycled to Siemens almost every weekday for my lunch in the excellent canteen there. In recent summers, I have also played tennis on the Siemens tennis courts in Neubiberg. Earlier my house was chosen for proximity (7km) to Siemens, 10 minutes by rail door to door. The underground and local railway there are so convenient. If Siemens gives up this site, it will hurt my meals, tennis and cycling. I liked working in these buildings. Their height is (mostly) just right to encourage use of the stairs, rather than lifts. They are all connected underground, which is good when it rains. They have a good microclimate, so that the crocuses have been out there for about a week. There are many scented flowering trees with nesting boxes in them. I have seen squirrels, boletus and even a green woodpecker there. Earlier, there was also a library where I could read „New Scientist“, particularly if it started to rain during lunch. The works council seemed to function better there than elsewhere. Perhaps that is why Siemens may close it down.

  2. rd (Donnerstag, der 11. März 2010)

    Hi Chris,

    leider habe ich und auch andere Autoren immer wieder Tippfehler in den Texten, zum Teil, weil wir diese oftmals schnell und nebenher schreiben.

    Wir Autoren im Team helfen uns dann gegenseitig und korrigieren bzw. melden uns die Tippfehler gegenseitig.

    Du bist der einzige, der solche Fehler genüsslich und unkameradschaftlich ausweidet. Ich verstehe nicht, dass es Dir Spaß macht, andere Teammitglieder immer wieder vorzuführen.

    Natürlich weiß auch ich, dass es „real estate“ heißt. Muss ich Dir jetzt erklären, das ich es ironisch finde, dass wir im Deutschen immer mehr meinen modern zu sein, indem wir englische Begriffe nutzen.

    Inhaltlich kann ich nur sagen, dass Deine Argumente für viele Standorte zu treffen. Und wenn Siemens eine strategische Entscheidung fällt, dann dürfte der Betriebsrat oder ähnliches keine Rolle stellen.

    Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass an einem Unort wie Neuperlach der Betriebsrat besser gedeiht als z.B. in einem modernen Forschungpark, wie es ihn früher wohl bei Xerox gegeben hat oder heute bei Google geben soll.

  3. Chris Wood (Freitag, der 12. März 2010)

    Sorry Roland, I did not suspect that it was a typing error. I do not enjoy pointing out such things. On the contrary, I find it unpleasant that when people bring English into other languages, they often get it wrong, and then the mistake becomes established. My pet hate is the English word „handy“, which only in German is pronounced „Händy“. So why don’t Germans write it with an umlaut?
    Regarding Legoland and the Betriebsrat, I meant that bosses often regard the Betriebsrat as a nuisance, so a strong Betriebsrat may be a reason to close the site down. I am optimistic that the site will not close. I hope Siemens will use it even if it is sold. In the past Siemens has done this at other sites. It may be that the firm realises that it is not their business to rent out unused office space.
    That the „Betriebsrat dürfte keine Rolle spielen“ worries me regarding 3 meanings of „dürfte“. I agree that the Betriebsrat probably cannot influence the decision. I think it should be able to influence the decision. I do not know whether the law gives it a right to do this.

  4. Chris Wood (Mittwoch, der 17. März 2010)

    I am now reliably informed ‚Siemens has sold Perlach to a real estate company, „sell and lease back“.
    They sold it for 2 Mrd Euro, and rented it back for 13 year with an option for another 15 years.
    They said they need cash for the internal pension fund‘.

    It is nice to know that I guessed right about continuing to use it.
    I have my doubts about the reason given for selling it. Siemens could have raised the cash by mortgaging it.

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