Hier ein sehr persönlicher Beitrag in drei Teilen (hier Teil 1). Ich habe lange überlegt, ob ich ihn schreiben soll. Das Thema ist mir wichtig, vielleicht auch als Botschaft für die Zeit, wenn ich nicht mehr lebe. Deshalb schreibe ich.

1956 konnte man in Augsburg noch viele Ruinen sehen. Auch die Straßen der Innenstadt hatten häßliche Lücken. Die Bombennächte waren noch gar nicht so lange her. Aber das Wirtschaftswunder griff schon. 1956 wurde ich 6 alt. Im Winter war es schon wärmer, denn der Ofen wurde morgens regelmäßig eingeheizt. Licht und Strom und fließendes Wasser waren selbstverständlich. Zwar war das Wasser zum Waschen noch kalt, denn nur einmal die Woche wurde der aus der Perspektive eines Kindes riesig scheinende Badezimmerofen mit Braunkohle beheizt. Samstag war der Familienbadetag und das warme Wasser wurde gerecht zwischen Eltern und Kindern geteilt. Sonntags ging es dann in die Kirche.

Die Erinnerung an die ersten 4 Jahre meines Lebens sind mir nicht mehr präsent. Ich fühle aber, dass ich von meinen Eltern sehr geliebt wurde. Die von mir so negativ empfundene Erziehung ging wohl erst danach los, das Grauen kam mit der Schule.

Wir wohnten seit 1955 in einem schönen und hellen Neubau in der Rosenaustraße 18, zwar noch ohne Zentralheizung aber ansonsten ganz modern. Zwischen unserer Wohnung und dem Hauptbahnhof Augsburg lag das breite Gleisband von Reise- und Güterbahnhof. Vom Küchenfenster konnten wir die ankommenden und abfahrenden Züge sehen und den Rangierbetrieb beobachten. Und die Wäsche, die im Hof hinter dem Haus lieg, war zum Leidwesen meiner Mutter oft schwarz vom Ruß. Vor dem Haus ging die Rosenaustr. vorbei, die im Laufe der Jahre befahrener und breiter wurde. Einmal hätte mich fast ein Auto überfahren. Immer wenn ich mit dem Zug durch Augsburg fahre, sehe ich das Haus und muss an diese Zeit denken.

Die Rosenaustraße gehörte zum Sprengel der Wittelsbacher Volksschule, dort wurde ich im Sommer 1956 eingeschult. Die Schule lag hinter unserer Pfarrkriche St. Anton. Der Schulweg betrug 15 Minuten, es ging durch den Stadtpark, dann an der Kirche vorbei und schon kam das kasernenartige Schulgelände. Die bestimmenden Bauten waren zwei Gebäude, Mädchen- und Buben. Beides waren stattliche Altbauten mit hohen Räumen, langen Gängen und großen Toiletten. Im Winter wärmten die großen Heizkörper der zentralen Dampfheizung die vom Schulweg klammen Glieder ganz ordentlich auf. Ölfarbe und Linoleum, so wie ich es 1989 in der DDR wieder erlebte.

Die Klassen waren groß, wir waren mehr als 40 Schüler, natürlich nur Buben. Wir hatten einen älteren Lehrer, der verblüffende Methoden anwandte, um uns zu disziplinieren. Einmal hatte er einen Filmprojektor aufgebaut. Wir durften einen kurzen Film ansehen, der Projektor warf ein kleines und unscharfes Bild an die graue Wand. Ein Mann war im Bild zu sehen, der eine entfernte Ähnlichkeit mit unserem Lehrer hatte. Dann kam ein schwarzer Mann ins Bild. Der schwarze Mann ging auf den weißen zu, verbeugte sich vor ihm und übergab ihm einen länglichen Gegenstand. Das war der ganze Film. Schwarzweiß mit ziemlichem Flimmern. Wahrscheinlich nichts für „youtube“.

In unserer Klasse entstand eine kollektive, positive Erwartungshaltung. Die meisten von uns hatten damals einen Fernseher nur aus der Ferne gesehen. Kinderkino oder ähnliches gab es für uns damals auch noch nicht. Dieses surrende Gerät, dass Bilder an die Wand warf, war schon etwas besonderes.

Und dann kam die Legende zu den Bildern. Unser Lehrer sagte, dass wir da etwas außerordentliches gesehen hätten. Der Film hätte sein Treffen mit einem Zauberer in Afrika gezeigt. Dieser Zauberer hätte ihm einen Zauberstab übergeben, der besonders gut zur Erziehung unfolgsamer Kinder geeignet wäre. Und jetzt würde der Zauberstab auf seinem Schreibtisch liegen. Und er zeigte uns ein Stück dunkles und glattes massives Stück aus unsagbar edlem Holz. Aus meiner nicht so stabilen Erinnerung würde ich das Maß auf 2,5 x 5 x50 cm schätzen, hartes Holz, aber kein Ebenholz. Der Zauberstab hatte scharfe Kanten, wie wir auch gleich merken sollten. Und dann ging es los. Jeder bekam mit dem Zauberstab einen Hieb auf die Finger. Die Finger waren ein wenig blutig, denn Kinderhände sind zart. Die Schläge erfolgten rein prophylaktisch. Einfach, damit wir wissen sollten, wie weh es tut, wenn wir nicht artig sein würden. Ja, so war das damals.

Zynisch kann man sagen, eigentlich ein sehr kreativer Einfall, so eine Schock-Therapie anzuwenden. Was hatte der Mann im Krieg getan? Eigentlich bin ich froh, dass heute die meisten Grundschullehrer weiblich sind. Und auch, dass ich nicht zum Schul-Amok-Läufer geworden bin.

Mir kommt das heute so vor, wie die Amerikaner die Atombombe eingesetzt haben. Da wurden 2 Städte in Japan platt gemacht, einfach um mal zu zeigen, wie mächtig man ist. Ich glaube nicht, dass man solche Dinge rechtfertigen kann, selbst dann, wenn der Einsatz der Atombombe den Krieg schnell beendet hat und vielleicht die Anzahl der Opfer letztlich reduziert hat. Man kann Menschenleben nicht gegen Menschenleben aufrechnen.

Mein Verhältnis zur Schule war seit diesem Vorfall endgültig getrübt. Aber nicht nur die Schule quälte uns. Wir kamen in ein Alter, in dem wir auch für die geliebten Eltern so funktionieren mussten, wie sie es für richtig hielten. Immer mehr wurden wir gedrillt, für uns offensichtlich sinnlose Zwänge beeinträchtigten unser Leben. Vermeintliches Fehlverhalten wurde auch in den Familien geahndet. Der Katalog der Strafen beinhaltete körperliche Gewalt (z.B. eine Anzahl Schläge, abhängig von der Schwere des Vergehens), Freitheitsentzug (Einsperren) und Verbote von Dingen, die einem als Kind ganz wichtig waren. Liebesentzug war natürlich auch dabei. Und das alles ohne böse Absicht und zum Wohle des Kindes. Mit 6 Jahren waren wir für unsere Umwelt keine Kinder mehr, nein, man musste uns an die Regeln der Gesellschaft anpassen. Wir wurden „sozial angepaßt“, und wie!

Bei mir gab es weniger Schläge als bei meinen Klassenkameraden (soweit ich dies korrekt „benchmarken“ konnte). Dafür gab es immer wieder Verbote für Dinge, die für mich das Glück bedeutet haben. Oft – aber nicht immer – hat die Elternliebe dann gesiegt und die Strafe wurde kurz vor Vollzug erlassen. Es gab aber auch die Strafe des „Einsperrens“. Dann musste ich für 1 oder 2 Stunden Strafe sitzen und flüchtete mich in meine Träume – oder in Rachegedanken (Ich war schon vor meiner Einschulung ein eifriger Karl-May-Leser). Es gab aber auch ab und zu bei einer Bestrafungsaktion einen Ehekonflikt (inwieweit eine Bestrafung notwendig wäre und diese konsequent durchzuhalten oder auszusetzen sei) und dann fühlte man sich als gestraftes Kind doppelt schuldig, wegen der Missetat und für den Streit der Eltern verantwortlich.

Gewalt war damals in der Erziehung etwas Übliches. Da gibt es ja die nicht lustige Geschichte, in der der schlagende Vater seinem Sohn sagt, dass ihm die Schläge ja selber ja noch mehr weh tun würden als seinem Sohn, aber dass aus Erziehungsgründen und der eigenen Charakterstärke verpflichtet eben beide leiden müssten. Übrigens hatte auch der „Lehrherr“ noch in den 50iger Jahren in der BRD das Recht, seinen „Lehrling“ körperlich zu züchtigen. Das entsprechende Gesetz wurde wohl erst ca. 10 Jahre nach meiner Einschulung außer Kraft gesetzt. Und ich habe berechtigte Sorge, dass auch heute noch viele Kinder durch den Einsatz von Gewalt erzogen werden (sollen). Gelegentlich erlebe ich sogar im öffentlichen Bereich wie in der S-Bahn, dass Kinder „eine Watschn“ kriegen und häufig, dass Sie wegen harmlosester „Vergehen“ unangemessen gemaßregelt und klein gemacht werden. Was werden sie dann als Erwachsene machen?

In anderen Kulturkreisen ist so etwas unvorstellbar. In Indien konnte ich mich selbst von der ausgeprägten Eltern-Kind-Harmonie in den Famlien überzeugen, selbst in kritischen Situationen. Aus Japan ist mir das die kollektive Vorurteil zugetragen worden, dass Deutschland das Land sei, in dem die Eltern ihre Kinder schlagen würden. Aber auch überall, wo ich „weniger“ zivilisierten Kulturen begegnet bin, war die Eltern-Kind-Kommunikation auffallend gewaltfrei.

Es gibt wenige Menschen, die offen und öffentlich über solche Erfahrungen sprechen. Einer davon ist Jörg Hube, ein bekannter Münchner Schauspieler, der früher an den Kammerspielen und jetzt im Residenz wirkt. In seinen Kasperlstücken, ob mit Herz und Biograffl oder als Hin- und Hergerichteter, zieht er sich seelisch – und in den letzten Jahren auch körperlich – im Theater aus. Und zeigt den Zuschauern seinen Schmerz. Dann liest er auch mal Texte vor wie vom grausamen Pädagogen Schreber (dem Erfinder des Schrebergartens und einem Held seiner Zeit). Und mir spricht er aus der Seele.

Jörg Hube dürfte so 7 Jahre älter als ich sein, er wurde noch zu Kriegszeiten geboren. Ich glaube, dass er Schlimmeres als ich erlebt hat. Sein erlebtes Grauen geht weiter als das meine. Ich setze mich zu ihm immer in die erste Reihe – oder versuche zumindest vorne zu sitzen. Im Werkraum der Kammerspiele ging das gut, man musste nur rechtzeitig da sein. Nach der Vorstellung wäre ich dann immer am liebsten auf die Bühne gestürzt und hätte ihn umarmt. Aber auch das habe ich als Kind gelernt: So etwas tut man nicht! Und deshalb habe mich das nie getraut. Einmal kam dann der Jörg Hube nach der Vorführung im Werkraum zu mir und hat mich auf die Stirn geküsst (ich habe Zeugen). Vielleicht gibt es doch so etwas wie Seelenverwandschaft. Danke, Jörg Hube! Und ziehe mich in meinem IF-Blog genauso aus, wie er es auf der Bühne tut.

Ich habe in meinem Leben eine Reihe von Menschen gefunden, die mir geholfen haben, meine Wunden zu heilen. Wichtig für mich war die Begegnung mit Rupert Lay, der für mich Mentor und Freund wurde. Bei meinem ersten Seminar bei ihm war ich dreißig Jahre alt – und wurde gerade das erste Mal Vater. Rupert konnte uns vermitteln und erahnen lassen, was Eltern so alles aus ihrem Leben in ihre Kinder hinein projizieren und wie sie versuchen, die Kinder nach ihrem eigenen Idealbild und Über-Ich zu modellieren. Er hat uns klar gemacht, dass dies eine ganz natürliche Folge von Zivilisierung und Sozialisierung über eine lange Zeit ist und dass Eltern auch nur hilflose Menschen sind, die Bestes wollen, es aber oft nicht schaffen. So habe ich ein wenig verstanden, was in meiner Kindheit passiert ist. Man wollte mir meine Autonomie wegnehmen, um mich zu einem sozial verträglichen und erfolgreichen Menschen zu machen. Mir war meine Autonomie aber wichtig, ich wollte sie nicht hergeben und musste dafür bezahlen.

Und vor allem hat er mir vermittelt, dass man nie danach trachten darf, andere Menschen und besonders seine Lieben nach seinen eigenen Vorstellungen auszurichten, sondern versuchen muss, diese in ihrem eigenen Weg zu bestärken. Das klingt ganz einfach, ist aber beliebig schwierig. Und dass dies eine Möglichkeit sein könnte, den Teufelskreis Eltern/Kinder zu durchbrechen. Als Eltern können wir nur versuchen, ein wenig zum Gelingen des Lebens seiner Kinder beizutragen, nach mehr dürfen wir nicht trachten. Und so bleibt mir die die Hoffnung, bei meinen eigenen Kindern es ein klein wenig besser gemacht zu haben. Da hat der Rupert mir geholfen und dafür danke ich ihm.

Rupert Lay hat uns in seinen Seminaren auch beim Versuch des Abtrainierens unserer geprägten Fehler und der Entschärfung unserer sozialer Dressur unterstützt. Das hat zwar nur zum Teil funktioniert, war aber sehr wertvoll. Wer wissen will, was ich meine, dem empfehle ich sein Buch „Führen durch das Wort“ zu lesen. Gibt es bei Amazon immer wieder gebraucht und in gutem Zustand ab 50 Cent (dann aber zuzüglich 3 € Versandkosten – von irgendwas muss Amazon ja auch leben) oder neu für ca. 9 €.

Und 10 Jahre nach meiner Einschulung kamen dann Gott sei Dank die Beatles mit „All you need is love, love, love“ (Vorsicht Musik)!

Und vielleicht noch 2 Zitate von Georg Büchner:

1836

„Man muss die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen“

und

1837

„Jeder Mensch ist ein Abgrund“

RMD

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