Roland Dürre
Sonntag, der 30. Mai 2010

Öl

Warum sind wir über die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko so entsetzt?

Weil wir die Schäden sehen können!

Es passiert aber genauso Schlimmes, das wir nicht sehen können (und wollen). Auch viel näher bei uns.

Ein Beispiel zitiere ich aus der Welt (Wissenschaftsteil):

Die englische Ölfirma Mobil North Sea Limited suchte in der Nordsee 1990 nach Öl und bohrte dabei eine unter starkem Überdruck stehende Gasblase an.“ Der Druck der Blase entlud sich am 21. November 1990. Da das Bohrloch trotz mehrerer Versuche nicht verschlossen werden konnte, ist es seit 16 (heute 20) Jahren offen. Auf den internationalen Seekarten ist es als Gefahrenstelle eingezeichnet.

Die Unfallstelle liegt übrigens auf einem Drittel des Weges zwischen Schottland und Dänemark.

Diesen Artikel in der Welt sollte man unbedingt lesen. Dann erfährt man, dass

  • dort gewaltige Mengen des Gases Methan entweichen, das in seiner Wirkung als Treibhausgas 24-mal so wirksam ist wie Kohlendioxid,
  • dieses Bohrloch für rund 25 Prozent des gesamten Methan-Ausstoß der Nordsee sorgt,
  • als Besonderheit hier freies Kohlendioxid und Methan bis nach oben an die Wasseroberfläche gelangen,
  • momentan circa 1000 Liter Gas pro Sekunde aus dem Bohrloch entweichen,
  • Klimaschutz in den 90er-Jahren noch kein Thema war, und so eine Abschätzung der Bedrohungen sich nur auf Gefahren für die Seeschifffahrt bezog,
  • das Bohrloch trotz mehrerer Versuche nicht verschlossen werden konnte, und mittlerweile seit 20 Jahren offen ist und dass
  • David Edlington, der Pressesprecher der Ölgesellschaft Mobil North Sea Limited, auf Rückfragen zum Blow-out sagte: „Interne Nachfragen ergaben, dass es seit 1990 keinen massiven Gasaustritt am Bohrloch gibt. Wir haben das Bohrloch vor einigen Jahren an die britische Regierung zurückgegeben.“

So einfach ist es wohl.

Man erfährt auch, dass sich rund um das Bohrloch im Laufe der Zeit ein eigenes Ökosystem entwickelt hat. Dort siedelt eine bunte Gemeinschaft von hoch spezialisierten Bakterien, Muscheln, Blumentieren und Fischen.

Nur interessiert sich seit 20 Jahren außer ein paar Forschern keiner mehr dafür. Es ist (gerne) vergessen worden, nur auf Schiffkarten erinnert die eingezeichnete Gefahrenstelle an das Unglück. Und kein Konzern und keine Regierung dieser Welt bemüht sich, diesen gewaltigen Blowout zu schließen.

Es gibt noch mehr vergessene Folgen von Energiegier: die massiven Brände in Hunderten von Kohleflözen, entstanden bei Unglücken in Bergwerken. Kohle wird hier über Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte in Riesenmengen völlig sinnlos verbrannt. Aber auch das interessiert anscheinend niemanden. Obwohl hier jährlich Mengen von Kohlendioxid permanent produziert werden in einer Größenordnung wie beim weltweiten Flugverkehr.

Auch rütteln uns die radioaktiven Abfälle, die wir in Salzlagern (!) in verrostende Fässern eingelagert haben, nicht so richtig auf.

Soviel zur Verantwortung von staatlichen und privaten Energiekonzernen. Nie erfolgt eine korrekte Gesamtbilanz. Es findet ein Raubbau ohne Ende statt. Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert, die Schäden ignoriert und späteren Generationen vererbt. Eigentlich kriminell.

So ist es ein Glück, dass es am Golf Öl ist, das entweicht. Öl stinkt, verklebt und verschmutzt. Nur deshalb wird versucht, das Loch zu stopfen. Nur deswegen ist man bereit, die notwendigen Milliarden für die Reparaturmaßnahmen ausgegeben.

So hat der Unfall am Golf sein Gutes: Er lenkt die Aufmerksamkeit der Menschen auf einen verbreiteten Missstand. Eigentlich kann man nur hoffen, dass uns der Ölaustritt im Golf von Mexiko möglichst lange als Fanal und Warnmal erhalten bleibt.

Vielleicht scheren wir uns dann auch wieder mehr um die restlichen Verwüstungen, die wir so anstellen. Und kümmern uns  auch um andere vernichtende Entwicklungen wie die Vermüllung der Meere mit Plastikabfällen und manches mehr dieser Art.

Und schaffen es dann, während des Zähneputzens das warme Wasser nicht fließen zu lassen, unsere pervertierte Mobilität zu verändern und auf unseren Plastik- und Verpackungswahn zu verzichten.

RMD

P.S.
Leider habe ich nicht gefunden, wie tief die Nordsee an der Unglücksstelle genau ist. Gehe aber davon aus, dass die Nordsee an dieser Stelle keine 1.500 Meter tief sein dürfte. Denn die Nordsee hat eine durchschnittlichen Tiefe von nur 93 Metern. Der Krater, aus dem das Gas mit unterschiedlicher Stärke aus zurzeit zehn Quellen strömt, dürfte so zwischen 25 und 50 Metern tief liegen. Da sollte doch eine Schließung machbar sein.

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2 Kommentare zu “Öl”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 30. Mai 2010)

    Absolutely right Roland, but I think a gas blowout is harder to stop than oil. I don’t understand why they cannot funnel off the gas and use it. Of course it would be dangerous. Any spark in the area may produce a big explosion.

  2. rd (Sonntag, der 30. Mai 2010)

    Wieso sollte Gas in weniger als 100 Meter schwerer abzudichten sein als Öl (mit ziemlich viel Bar) in 1.500 Meter. Ich vermute eher, dass da kein großes Interesse da ist. Und vor allem, wer soll es bezahlen?

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