Roland Dürre
Montag, der 13. August 2012

Jolly, Old Shatterhand, Romeo und Julia

Jolly hat mir mehr gegeben als „Sei nie gegen etwas„. Ich bedanke mich bei ihm. Und widme den folgenden Artikel besonders der Barbara und allen Frauen!

Im Gespräch mit Jolly und dem darauf folgenden Nachdenken haben sich die letzten Reste der Mauern eines Gefängnisses aufgelöst – in dem ich, seit dem ich denken kann – gefangen war. Das aber glücklicherweise über die letzten Jahrzehnte meines Lebens schon viele Risse bekommen hatte und immer mehr von mir mit Hilfe meiner Familie und guten Freunden und Partnern zertrümmert werden konnte.

Ich bin mir jetzt sicher, dass mein Planen, meine gefassten Vorsätze, von mir befolgte Regeln und Dogmen und besonders mein „alles im Griff haben wollen“ mir nicht viel gebracht aber mich doch ein wenig beim glücklich sein behindert hat. Wie wahrscheinlich die meisten Menschen! Den Verdacht hatte ich schon lange. Jetzt ist es passiert, ich habe es verstanden und kann es begründen.

Und es ist wieder so einfach. Wenn ich mir einen ganz konkreten Plan mache oder etwas fest vornehme, ist doch das Scheitern schon Teil der Gedanken. In die Freude, Dinge vorwärts zu bringen mischt sich wie selbstverständlich die Angst hinein, ich könnte den Plan verfehlen. Oder den so fest gefassten Vorsatz nicht einhalten. Also zu versagen. Das fördert meine Angst, die in schwierigen Situationen dann die Oberhand gewinnt und raubt mir den Mut. Das will ich nicht mehr!

Also setze ich mir keine Ziele mehr. Will nicht mehr gut sein. Will auch kein Held sein. Ich will nur noch das Richtige machen. Wenn das mir gelingt, dann freue ich mich und ziehe Kraft aus der Freude. Wenn es mir nicht gelingt, ist es auch gut. Ich habe das beste versucht, die Dinge sind aber so, wie sie sind. Was passiert ist, ist passiert. Und das ist richtig so. Also hadere ich nicht mehr mit mir und der Welt, sondern versuche beim nächsten Mal wieder das richtige zu machen.

So habe ich die letzten Jahre viel glücklicher und freier erlebt – gerade auch von Angst. Und jetzt weiß ich sogar warum. Ist das nicht phantastisch?

Leider war ich sehr eingefahren in dieses planende und systemische Denken. Das kam so:

Meine Mutter war eine „Heimatvertriebene“. Kein Flüchtling, das war ihr wichtig. Nach ihrer Vertreibung musste sie Ende der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts als Lehrerin an einer so richtig bayerischen Volksschule arbeiten. Die Einheimischen mochten die Eindringlinge aus den deutschen Ostgebieten in dieser schweren Zeit gar nicht, hatten sie doch genug damit zu tun, selbst durchzukommen. So wurde oder fühlte sich meine Mutter in der Schule von den bayerischen Kindern „gemobt“.

Zu meiner Geburt kündigte sie den Schuldienst auf und übte ihre pädagogische Kompetenz zu 100 % an mir aus. So lernte ich viel zu früh lesen. Die heimische Bibliothek bestand praktisch aber nur aus den Karl Mays meines Vaters – die meisten noch in schönem altdeutschem Schriftsatz. Schon weit vor der Lesegrenze in der Grundschule habe ich so viel zu viel Karl May gelesen. In der ersten Klasse habe ich mich folgerichtig grenzenlos gelangweilt – was der mich behandelnde Lehrer als Disziplinlosigkeit ausgelegt und dementsprechend mit körperlicher Gewalt geahndet hat.

Und natürlich wurde da der so tapfere und unverletzliche Held Old Shatterhand – in manchen Erdteilen auch Kara Ben Nemsi genannt – zu meinem großen Idol. Dieser bereiste alle Länder der Welt, kannte die Feinheiten sämtlichler Kulturen und beherrschte die Sprachen aller Nationen. Spuren konnte er lesen wie kein zweiter. Immer hat er sie richtig interpretiert. So war es ihm ein leichtes, die Zukunft vorherzusagen und klug und vorausschauend zu handeln. Und wenn er sich mal geirrt hatte, so hat er seinen Fehler blitzschnell genial korrigiert. Und immer hat er nur das Gute im Sinn gehabt.

So ein Held wäre ich auch gerne gewesen – und einen Freund wie Winnetou zu haben, war meine große Sehnsucht. Aber da daraus nichts wurde habe ich mich in den Fußball auf diverse Wiesen und den Völkerball der Hinterhöfe geflüchtet. Und suchte nach neuen Idolen …

In der Schule habe ich später gelernt, wie der Mensch an sich edel und großartig wäre. Die Krönung der Schöpfung! Und dass der wesentliche Unterschied zum Tiere wäre, dass der Mensch denken könne! Und zwar vorausschauend! Der Mensch könne berechnen, wie viel Futter er über den Winter brauchen würde, und dann entsprechende Vorräte anlegen. Die armen Tiere könnten das alles nur instinktiv. Das leuchtete mir ein.

Ich wurde aber ich auch noch mit Religion malträtiert. Habe gelernt, dass beten alles wieder heil macht. Nach der Beichte (ich war katholisch) habe ich fest und innig Vorsätze gebildet. Was ich alles besser machen würde. Natürlich ging es mit den Vorsätzen immer schief und ich fühlte mich schuldig. Um meine Selbstachtung zu bewahren, blieb mir nur übrig, zumindest ein toller und erfolgreicher Held zu werden. Nur wusste ich nicht, was „Erfolg“ ist. Ich wollte aber auch „gut“ sein.  Gut und erfolgreich. Und fand die Goldene Regel als wohl die ultimative Wahrheit.

Heute weiß ich, wie das alles mich nur gehemmt hat. Ich habe vieles viel zu Ernst genommen und so unnötige Ängste entwickelt. Um alles in der Welt wollte ich nicht versagen. Nur das Urvertrauen wohl aus dem ersten Lebensjahr hat mich gerettet. Beim Heranwachsen und im späteren Erwachsenenleben habe ich mich Schritt für Schritt von dem Glauben an Planbarkeit und gute Vorsätze entfernt – wie auch vom sonstigen Glauben. Habe begonnen, die Regeln zu ignorieren und Dogmen zu brechen. Und es ging mir immer besser.

Und rückwirkend stelle ich fest, dass ohne Aussnahme die guten Entscheidungen in meinem Leben alle ohne großes Abwägen, Planen und „Rücksicht nehmen“ auf irgendwelche Dogmen oder Vorgaben stattgefunden haben. Wehe aber, ich habe intelligente und komplexe Pläne geschmiedet, rationale Begründungen gesucht, theoretische Abwägungen gemacht usw. Dann ging es immer schief!

Deshalb kann ich nur wiederholen:

Vergesst Regeln und Dogmen. Macht keine Pläne. Versucht ja nicht irgendetwas „Normatives“ zu schaffen. Lebt! Seid mutig und generiert Freude. Schüttelt Angst ab. Seid nie gegen etwas sondern immer für etwas.!

Seitdem ich das jeden Tag ein bisschen mehr beherzige geht es mir immer ein bisschen besser.

RMD

P.S.
Auch Strategie im Unternehmen bedeutet dann nicht mehr, das Normative zu entwickeln und/oder beeinflussen zu wollen. Lieber die Dinge laufen lassen und selber versuchen, einfach immer wieder das richtige (gute) zu tun und das falsche (schlechte) sein zu lassen. Aber dazu schreibe ich mal einen eigenen Artikel in meinem Unternehmertagebuch!

P.S.1
Vor kurzem haben wir im Prinzregententheater ein Tanzspiel vom Theater am Gärtnerplatz gesehen. Es war die getanzte Geschichte von Romeo und Julia. Es war so wunderschön. Und noch mehr als sonst bei Romeo und Julia habe ich in der entscheidenden Szene gelitten. Ich wusste ja, dass die Julia nur vermeintlich tot ist. Nur der Romeo wusste das halt nicht, und so legte er angesichts der Geliebten Tod die Hand an sich selbst. Und ich dachte mir: Wenn Romeo doch nur so klug wie Old Shatterhand wäre. Dann hätte er Spuren gefunden und die Zeichen erkannt, dass seine Geliebte sich nicht getötet hatte. Sondern sich für ihn durch einen listigen Trick gerettet hatte. Und natürlich hätte Old Shatterhand als Romeo einen Ausweg gefunden – und es hätte ein wunderschönes „Happy End“ geben können.

🙂 Romeo hat aber richtig gehandelt. So wie auch anschließend die Julia. Denn sonst hätte es keine herzzerreißende Geschichte von „Romeo und Julia“ gegeben.

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