AGIL auf der MS EUROPA – schon ein wenig her.

Als Unternehmer bist Du auch Vertriebsmensch. Du hast die Aufgabe, die Menschen (die in ihrer Gesamtheit auch „der Markt“ genannt werden), von Deinem Produkt zu überzeugen. Dass machst Du unter anderem mit Präsentationen. Die Vorträge werden dann unterlegt mit professionell gestalteten Folien, die den Zuhörer streng geführt für das Produkt begeistern sollen.

Heute will ich in meinen Vorträgen Menschen nicht mehr auf meinen Kurs bringen. Gerade junge Menschen möchte ich zum eigenen und kritischen Nachdenken bringen, inspirieren und allenfalls mit Impulsen versorgen. So sollen meine Interaktionen nicht verführung und manipulieren sondern zum kritischen Nachdenken auffordern.

Aber auch freie und offene Interaktion braucht Formate. Im folgenden beschreibe ich vier Formate, die mich als Teilnehmer wie Aktivator begeistern.


Openspeach

Den „Openspeach“ habe ich vor ein paar Jahren für mich erfunden. Ich habe damals öfters Vorträge für junge Menschen gehalten, z.B. für Klassen der Oberstufe bei Gymnasien.

Ursprünglich nannte ich diese Form des Vortrags „Openspeech“, habe ihn aber dann mit „ea“ geschrieben, weil ich eine Art Marke schaffen wollte.

Die Technik des Openspeach ist ganz einfach. Der „Referent“ hat ein Thema wie z.B. Unternehmensgründung. Er startet mit einer offenen Frage.

Zu diesem Thema würde Startfrage passen:

„Was ist das, ein Unternehmen?“

Aus den Antworten pickt er die heraus, die es ihm ermöglichen, seine Linie zu halten. Ich habe da mal als (eine von vielen) die Antwort bekommen:

„Ein Menschenhaufen.“

Das war eine gute Vorlage. In Einigung mit der Zuhörerschaft haben wir beschlossen, diesen Begriff als Basis für die weitere Diskussion zu nehmen. Als Folgefrage bietet sich dann förmlich an:

„Was fehlt einem Menschenhaufen, um eine Unternehmen zu sein?“.

Da hagelt es dann wieder viele Antworten wie Strategie, Organisation, Chef, Mitarbeiter und vieles mehr. Auf dieser Basis kann man gut weiter arbeiten, ein wenig kommentieren und eine Folgefrage finden wie:

„Welchen Zweck hat denn ein Unternehmen?“

So gelangt man leicht zur gemeinsamen Definition

„Ein Unternehmen ist ein soziales System mit einem ökonomischen Zweck.“

Man kann sich vorstellen, wie man dann als Referent sich weiter durchfragen kann – bis hin zum Gründerteam (welche Kompetenzen und Qualitäten dieses haben muss, um erfolgreich zu sein) usw.

Bewertung der Methode:

Diese Methode ist am besten für eine Zuhörerschaft in Klassenstärke geeignet (10 bis 40 Teilnehmer). Sie erfordert, dass der Referent vom Thema viel Ahnung hat. Mit Ahnung meine ich Wissen und aktive Erfahrung wie auch eine große Übung in der Diskussion des Themas. Benötigt werden keine Folien und kein Beamer. Zweckmäßig ist eine Tafel mit Kreide, Whiteboards ein Flipchart und für Einschübe mit Brainstorming Metaplan-Karten mit -Tafeln oder besser noch  Stattys und weiße Wände.
Der Referent stellt wesentlich offene Fragen und steuert die Richtung, in die das interaktive Gespräch geht. Er muss nur einen Teil der Zeit reden, aber immer hellwach und reaktionsstark sein. Und mit den Antworten seiner Zuhörer konstruktiv „spielen“.


Chautauqua

Diese Vortragsart habe ich bei der Lektüre eines kleinen Büchleins mit dem Titel „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ gefunden. Dort habe ich spannende Chautauquas gelesen, wurde neugierig und habe deshalb diese Art der Weitergabe von Wissen und Erfahrung wieder ausgegraben.

Ich zitiere aus Wikipedia:

Chautauqua [ʃəˈtɔːkwə] war eine Bewegung der Erwachsenenbildung in den ländlichen Gebieten der USA vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Form der Lehrrede kombinierte die Chautauqua unterhaltende wie auch bildende Elemente in einer miteinander verschränkten Form, die auch die ästhetischen Ansprüche des Leserkreises abdecken und zur Teilnahme motivieren sollte.

Bewertung der Methode:

Die Vortragsform der Chautauqua ist geeignet für kleine Kreise am Lagerfeuer wie für große Auditorien. Sie erfordert, dass der Referent das Thema selber gelebt hat und eigene Erfahrungen einfließen lassen kann.
Eine starre Abfolge von Folien stört den Geist einer Chautauqua. Ein Computer mit Internetzugang am Beamer ist zweckmäßig. Ich halte es für nützlich, wenn der Referent eine Reihe von Links vorbereitet, die er dann beim interaktiven Weg des Vortrages um spontane Links erweitert.
Ergänzend sind Tafel, Whiteboard oder Flipchart nützlich. Da eine Chautauqua für den Referenten sehr anstrengend sein kann, ist ein Vortrag zu zweit sehr sinnvoll. Dann können zwei Referenten sich die Themen „zu jammen“ und auch bei der Bedienung des Laptops abwcchseln.


Fahnenbildung

Die Fahnenbildung ist Teil der Dialektik. Sie hat den griechischen Philosophen als Methode für die Erzielung von Erkenntnisgewinn gedient. Ihr Schwerpunkt liegt auf der Nutzung von präziser Sprache. Sie wurde über zwei Jahrtausende von den Jesuiten praktiziert.
Ich selbst habe diese Methode auch im Unternehmen oft eingesetzt. Voraussetzung ist das Bilden einer These wie
Unser Unternehmen wird erfolgreich sein, wenn …
Anschließend werden Bedingungen gesammelt, die diesen Satz komplementieren. Diese Bedingungen werden auf gewissenhaft auf sprachliche Klarheit geprüft und verbessert. Dann werden sie in nützlich, notwendig und hinreichend kategorisiert. In einer zweiten Runde kann man sie nach semantischen Kriterien ordnen, die sinnvoll zum Thema passen. Das könnte beispielsweise kaufmännisch, emotional, innovativ, einzigartig etc. sein.

Nach dieser Art eines „clustering“ wird geprüft, wird geprüft, ob man eine Kombination von notwendigen Kriterien findet, die hinreichende ist. Wenn das gelingt, dann hat man gewonnen.

Hilfreich für die Vorbereitung einer Fahnenbildung ist eine Vorsatzbildung wie

  • Wir gehen achtsam mit Begriffen um!
  • Jeder fasst sich kurz und darf zur Belohnung ausreden.
  • Alle gehen auf das ein, was die anderen gesagt haben.
  • Jeder bemüht sich, alterozentriert zu denken.
    Das will meinen, er ist bereit sich die Gedanken der anderen zu eigen zu machen und darauf in seiner Rede einzugehen.
  • Wir sind bereit, unsere Gewissheiten (Wahrheiten) in Frage zu stellen.
  • Wir wollen nicht Recht haben und unsere Vorurteile durchsetzen sondern alle unser Wissen teilen, dabei Neues lernen und Dinge verändern.
  • Wir haben keine Angst, kreativ zu sein.

Bewertung der Methode:

Die Fahnenbildung benötigt einen Moderator, der über gewisse dialektische Fähigkeiten verfügt. Als Hilfsmittel genügen Flipcharts, auf denen die Bedinungen gesammelt und analysiert werden. Eine Fahnenbildung macht auch als Teil von Requirement Engineering und ähnlichen Aufgaben Sinn.
Fahnenbildung kann leicht sehr anstrengend werden, erfordert sie doch höchste kommunikative Konzentration. Deshalb empfehle ich, eine Zeitbox (time box) von 90 Minuten festzulegen und im ersten Drittel die Bedingungen zu sammeln, im zweiten zu kategorisieren und im dritten die abschließende Formulierung zu fixieren. Bei einer gelingenden Fahnenbildung sind meistens alle Teilnehmer positiv überrascht, wieviel Kreativität stattfindet und dementsprechend hoch der Erkenntnisgewinn ist.


Serious Play

Das ist sicher eine Königsdisziplin der Kreativität-Techniken. Das wird gerne mit Lego gemacht. Bei Lego gibt es eine eigene Abteilung, die versucht spezielle Sets für den Serious-Play-Trainer zu gestalten. Mit Serious Play können sowohl abstrakte Begriffe lebendig gemacht werden wie auch Prozesse spielerisch entwickelt und verbessert werden.
Gerne werden Serious Play Sessions kombiniert mit Werkzeugen wie Mentimeter, um eine gemeinsame Tag Cloud zu generieren, die den gefundenen „mind set“ (gemeinsame Mentalität) dokumentiert.

Bewertung der Methode:

Die Fahnenbildung benötigt einen Moderator und Material zum Gestalten. Bei Lego Serious Play sind das spezielle Sets von Legobausteinen, die an verschiedene Themen angepasst sind. Insofern ist Serious Play eine aufwändige Methode, die sich aber lohnt, besonders wenn man etwas ganz Neues angehen will.


Formate kollektiver Kommunikation, die ich sehr schätze, sind Barcamp, OpenSpace, fishbowl, lean coffee, world café und weitere. Die Technik des art of hosting ist bei diesen Formaten in der Regel sehr hilfreich.

Der redliche Diskurs (Habermas) ist für mich so etwas wie die Mutter all dieser Formate. Voraussetzung fürs gemeinsame Gelingen ist eine Komepetenz in Dialektik wie auch in gewaltfreier Kommunikation. Wobei man durchaus davon ausgehen kann, dass Menschen, die gewaltfreie Kommunikation leben glücklicher sind.

RMD

Kommentar verfassen

*