Roland Dürre
Mittwoch, der 26. Mai 2010

OpenSpeach (OpenSpeech)

Heute mal ein Beitrag für die Zeitgenossen, die öfters eine Rede oder einen Vortrag halten:

Angeregt von Erfahrungen mit neuen Kommunikations- und Konferenzformen wie OpenSpace, Barcamp oder auch „Fish bowl“ habe ich für mich den Vortragsmodus des OpenSpeach entwickelt.

Die offizielle Premiere für OpenSpeach hatte ich bei einem Vortrag zum Thema Gemeinschaft – Mensch – Gesellschaft im Gymnasium Ottobrunn. Das war das erste Mal, dass ich diese Methode bewusst, explizit und konsequent durch den Vortrag hindurch angewendet habe.

Und es war für mich (und nach meiner Wahrnehmung auch für meine Zuhörer eine gigantische Erfahrung)!

Wie geht OpenSpeach?

Ganz einfach!

OpenSpeach ist anwendbar bei einem Auditorium bis sage ich mal 50 Menschen. Der Vortragende muss über ein Thema reden, das ihm sehr vertraut ist (weil er dazu schon öfters gesprochen oder veröffentlicht hat) und über ein gewisses Maß an dialektischer Erfahrung verfügen.

Erste Grundregel beim OpenSpeach ist, dass die Zuhörer den ganzen Vortrag über mitwirken müssen. Der Redner stellt einen Begriff vor, erklärt diesen und fragt ab, welche Assoziationen im Publikum zu diesem Begriff entstehen.

Zum Beispiel hält er eine kurze Initiativ-Ansprache zum Begriff Gemeinschaft. Dann fragt er die Assoziationen, die bei den Zuhörern entstehen. Diese sollen spontan antworten, möglichst ohne sich zu melden, dürfen aber auch nur einen Begriff nennen. Da die Beiträge der Zuhörer sich nur auf einen Begriff beschränken,  gelingt das meistens völlig kollisionsfrei, im Falle einer Kollision löst der Redner diese auf.

Der Redner nimmt die Begriffe entgegen, notiert sie wenn von Bedeutung auf der Tafel und erläutert bzw. kommentiert sie. Er kann auch im Publikum nachfragen, was denn mit dem Begriff gemeint ist. Dann ist aber nur eine ganz kurze Antwort zu lässig – so twittermäßig, kleiner gleich 140 Zeichen 🙂 .

So kann er ganz systematisch aus dieser Begriffssammlung den Vortrag so fortsetzen, wie es Vortragsziel und Situation im Publikums optimal erscheinen lassen.

Bleiben wir beim Beispiel Gemeinschaft. Auf die Fragen „Was assoziert ihr mit Gemeinschaften?“ kamen bei meinem letzten Vortrag sofort ganz viele wichtige Begriffe, die ich gut zur Erklärung des Begriffs „soziales System“ nutzen konnte

Die nächste Frage war „Welche soziale Systeme“ kennt ihr. Und da hat es nur so gehagelt. Da war auch natürlich der Begriff des Unternehmens dabei, auf den ich hinaus wollte.

So gelingt es ganz einfach, assoziative Gedankenketten zu entwickeln. In diesem Fall herauszuarbeiten, wie komplex ein Unternehmen ist: Ein sozio-ökonomisches Gebildes mit einer klaren Aufgabe und vielen Beziehungen in die Gesellschaft, mit einer Vielfalt an Stakeholdern, einer eigenen Kultur, entwickelten gelebten Werten (und auch Unwerten), einer Externitäten-Bilanz …

Vom Unternehmen man z.B. über Unternehmer zu Entscheidungen kommen, über Entscheidungen zur Freiheit, über Freiheit zur Gesellschaft, über Gesellschaft zu Demokratie, immer getragen von den Beiträgen des Publikums, aber gesteuert durch den Redner. Ein wunderschöner „roter Faden“ entsteht, der aber aufgrund der intensiven Mitwirkung der Zuhörer immer eine Einzigartigkeit erhält.

Zusammenfassung:

OpenSpeach ist, wenn man in einer Rede das Publikum permanent fordert, indem man die Assoziationen zu bestimmten Schlüsselbegriffen abfragt. Erlaubt sind nur kürzeste Antworten (ein Substantiv mit einem Attribut ist das höchste der Gefühle). Die Antworten müssen absolut spontan erfolgen, sogar das „Sich melden“ ist unerwünscht.

Im OpenSpeach muss der Redner sein Publikum äußerst streng führen. Wenn er bei einer Assoziation nachfragt, auch hier muss die Antwort extrem kurz sein.

Die Regeln müssen zu Beginn des OpenSpeach erklärt werden, der Redner muss die Einhaltung dieser Regeln konsequent durchsetzen.

Wenn ihm dies gelingt, entstehen wertvolle gedankliche Begriffsbäume. Der Redner versucht natürlich, das Publikum auf Pfaden in diesen Bäumen zum gewünschten Ziel zu steuern. Der Weg ist das Ziel, beide (Weg und Ziel) sind in jedem OpenSpeech einzigartig.

Soviel zu meiner Methode OpenSpeech V1.0.

Fragen sind willkommen. Ich demonstriere eine OpenSpeach auch gerne an einem Thema wie z.B. „Gemeinschaft – Mensch – Gesellschaft“ oder „Freiheit – Verantwortung – Ethik“.

Es erklärt sich wohl von selbst, dass bei einer OpenSpeach Folien völlig sinnlos, ja kontraproduktiv wären. Es macht Sinn, die Regeln vorher schriftlich zu verteilen und die Teilnehmer zu bitten, diese gewissenhaft zu lesen! Aber bitte keine einzige Folie auflegen! Die würden die freie Entwicklung des OpenSpeach verhindern und noch dazu die Zuhörer vom Redner ablenken.

Der braucht die totale Aufmerksamkeit, nur dann können sich alle Zuhörer auf den Redner voll konzentrieren und mitmachen. Es muss eine gewisse Spannung entstehen, damit Redner und Zuhörer gemeinsam einen Pfad durch das Labyrinth der Begriffe gehen und Erkenntnis gewinnen können.

Zum Eröffnung des OpenSpeach macht es Sinn, wenn der Redner eine gewisse Neugierde schafft, z.B. eine gewisse originelle Eigenständigkeit seiner Person rüberbringen und eine Besonderheit der Redesituation herstellen kann.

Nach meiner Erfahrung ist ein OpenSpeach übrigens für Zuhörer wie für den Referenten deutlich anstrengender als ein „normale Vortrag“ bzw. eine „normale Rede“. Dafür ist der Spaßeffekt auf beiden Seiten auch viel höher.

RMD

P.S.
Glaube, dass dieses Vorgehen von vielen Menschen immer wieder intuitiv genutzt wurde. So wie es auch den OpenSpace oder agile SW-Entwicklung schon lange gab, bevor diese „erfunden“ und so benannt wurden. Aber als explizit auf Interaktion in der Rede angelegte Vortrags-Methode habe ich das noch nirgends gefunden.

🙂 Vielleicht bin ich ja der Erfinder von OpenSpeach? Würde ich mich aber so richtig freuen!

P.S.1
Die offiziell falsche (weil veraltetete) Schreibweise Speach habe ich absichtlich gewählt. Erstens klingt es nach „Speaker“ und zweitens wollte ich nicht mit geschützten Namen in Konflikt kommen.

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