Roland Dürre
Sonntag, der 31. März 2013

Ostern im Netz

Heute Nacht hat mich zweimal Glockengeläute geweckt. So in der Zeit, die gar nicht stattfand, zwischen zwei und drei Uhr. Das ist in Deutschland möglich, weil halt Ostern ist und man da mitten in der Nacht aufgrund einer alten Tradition die Menschen beschallen darf.

Heute Morgen stöbere ich im Netz und finde in Google+ bei Marcus Raitner ein Zitat, das er im Blog von die ennomane gefunden hat:
„Glaubensfreiheit ist die Freiheit, auch an absurde Dinge glauben zu dürfen. Meinungsfreiheit ist die Freiheit, diese Dinge trotzdem absurd zu nennen. In diesem Sinne: Schöne Ostertage!“

Marcus hat diesem Satz nichts hinzuzufügen und ich kann ihn auch nur abnicken.

Hier die kurze Vorgeschichte:
In ihrem Blog hatte „die Ennomane“ auf einen sarkastischen Text zum christlichen Osterkult hingewiesen, der am Karfreitag im Der Postillon erschienen ist. Dafür ist die Autorin wohl angegriffen worden und meinte sich rechtfertigen zu müssen. Das hat dann auch zu ein paar Kommentaren geführt. Die Kommentare waren für mich interessant, weil für mich da wieder für „Gläubige“ typische Denkmuster sichtbar wurden.

Ich habe kurze Ausschnitte aus den Kommentaren kopiert und formuliere dann meine Gedanken zu den von mir „fett“ markierten Stellen:

  1. Comment von Antje Schrupp | 30. Mrz. 2013 um 22:55:28
    Ich habe schon die ganze Zeit bei den sarkastischen antireligiösen Witzen, die derzeit zirkulieren, die Assoziation …

    Diese Art von Lächerlichmachen hingegen läuft auf einen puren Machtkampf hinaus, also auf die Frage, wer dann wen am Ende besiegt.
    Als gute Christin könnte mich das natürlich völlig unberührt lassen, ich halte einfach die andere Wange hin.
    Bezogen auf eine globale Perspektive wage ich allerdings die Prognose, dass “Ihr” (also diejenigen, die Religionen für per se gaga halten), diesen Machtkampf verlieren werdet. Und das macht mir schon ein bisschen Angst, weil es nämlich vieles gibt, das an den Religionen, vor allem an ihren institutionalisierten Formen, dringend kritisiert und verändert werden müsste.
  2. Comment von Enno | 30. Mrz. 2013 um 23:06:19

    Hmm… die Drohung, man würde global gesehen den Machtkampf verlieren ist nun wirklich ein tolles Argument.
  3. Comment von Antje Schrupp | 30. Mrz. 2013 um 23:23:25
    Du glaubst nicht wirklich, dass das jetzt eine Drohung von mir war, oder?
  4. ….

Der ganze Kommentarstream kann natürlich auch auf die ennomane » Blog Archive » Es hat einen Grund nachgelesen werden.

Jetzt meine Anmerkungen:

Ich selbst fand den Artikel im Der Postillon belanglos. Er hat nur zu gut bekanntes und schon besser formuliertes mal wieder auf sarkastische und lustige aber nicht zu originelle Art aufgewärmt. Das einzig Neue (und vielleicht der Kritik würdige) im Artikel war, dass er religiöse Rituale mehrheitlich als „gaga“ bezeichnet hat.

Da kann man sicher darüber streiten, unter welchen Umständen etwas „gaga“ ist oder nur so wirkt. Aber wer will noch entscheiden, was heute „gaga“ ist und was nicht? Mir erscheint da sehr vieles, was ich heute so erlebe als „gaga“.

Bezeichnend finde ich aber die Wortwahl in der Argumentation der Kommentatorin Antje, die die Position der guten Christin vertritt.

Als erster kritischer Begriff fällt mir die „gute Christin“ auf. Als solche bezeichnet sich Antje.

Den „Guten Christen“ kann ich eigentlich nur als „geläufige Redensart“ oder als „unbedacht benutzte Floskel“ entschuldigen. Wenn ich den Begriff untersuche, stellen sich Fragen:

Was bedeutet das, ein „guter Christ“ zu sein? Ist das jemand, der seine Autonomie aufgegeben und sich bewusst fremden Regeln unterworfen hat? Ist das überhaupt möglich, als Mensch autonom seine Autonomie aufzugeben? Oder ist ein guter Christ nur jemand, der sich streng  an die Regeln des Christentums hält, aber seine eigene Autonomie bewahrt? Ist das aber überhaupt möglich?

Oder ist der „gute Christ“ nur als Gegenteil eines schlechten Christen gemeint? Und was ist dann der schlechte Christ, von dem sich Antje abgrenzt?

Sprachlich schlimmer als „guten Christ“ finde ich übrigens den „gläubigen Christ“, ein Begriff den ich auch sehr oft höre: Ich bin ein gläubiger Christ. Was ist denn das, ein „ungläubiger“ Christ?

Als zweites trifft mich immer persönlich der Spruch vom Machtkampf, den man verliert oder gewinnt. Das höre ich quasi automatisch von Menschen, die sich zu einem religiösen Glauben bekennen.

Toleranz heißt aber, dass „jeder glauben darf was er will“. Warum reden die „Gläubigen“, die diese Toleranz der anderen ja brauchen und für sich beanspruchen, dann immer vom Machtkampf und von „verlieren“ und „gewinnen“?

Als Gläubige würde ich im übrigen alle bezeichnen, die sich im Besitz einer Wahrheit wähnen, auch die „Atheisten“. Und wie können zwar vernunftbegabte aber sonst sehr beschränkte Säugetiere meinen, sie wären im Begriff der Wahrheit? Was ist Gott denn anderes als eine besondere Metapher für einen besonderen höheren Sinn und ein von Menschen geschaffener Begriff?

Und das letzte, was mich stört, dass genau die Gläubigen, die von Machtkampf gewinnen/verlieren sprechen, dann komplettes Unverständnis zeigen, wenn solches von Dritten als Drohung wahrgenommen wird.

Jetzt aber noch ein paar persönliche Gedanken:

Als kleines Kind war Ostern toll. Da durften wir Ostereier suchen. Die Freude war groß, wenn wir welche gefunden haben. Der Osterhase war ein Symbol für den kommenden Frühling. Wohl als fünfjähriger bekam ich ein gebrauchtes rotes Kinderfahrrad geschenkt. Da hat die Freude sehr lange angehalten.

Einmal in meiner Kindererinnerung war es an Ostern kalt und hatte Schnee. Da gab es dann kein Ostereier-Suchen im Garten. Wir haben aber das beste daraus gemacht, den Schnee in einer Schüssel ins Haus geholt und in Formen Schokoladenfiguren gegossen, die dann in der Schneeschüssel fest wurden. Das war schön.

Dann kam die Schule, und es war Schluss mit lustig. Ostern wurde zum Leiden, zum Symbol von menschlicher Grausamkeit,  von Schuld und Sühne. Man sollte Fasten, um sich rein zu machen. Wir lernten, was das heilige Grab ist. Und dass wir böse sind und ein anderer dafür gesühnt hätte.

Heute haben wir wieder ein weißes und kaltes Ostern. Und weil es keine Freude macht, rauszugehen und das mit den Ostereiersuchen auch vorbei ist, lese ich mich halt so durchs Netz. Und stoße auf fehlende Aufklärung.

Im Radio höre ich vom religiösen Super-Festival, das in großer Egozenrtrierheit begangen wird. Mit großen Sprüchen. Nur die Realität ist anders. Gestern scheitert das Abkommen zum Waffenhandel, die Umweltfakten werden täglich vernichtender und heute wird wieder von Liebe und Demut palavert.

RMD

2 Kommentare zu “Ostern im Netz”

  1. Enno (Sonntag, der 31. März 2013)

    In dem letzten Teil, dem persönlichen, hast du sehr schön zusammengefasst, wie auch ich mich an Ostern so fühle. Ich empfinde es auch als ritisches Laborieren am Leid an sich, das nunmal in der Welt ist. Niemand kann dieses ganze Leid schultern und egal, was wir tun, es wird immer zu wenig sein. Statt sich eine kleine Ecke zu suchen, in der man ein Stückchen Leid bekämpft — egal wie irrelevant und unwichtig es anderen erscheinen mag, egal ob man nun Umweltkatastrophen bekämpft oder an Linux mitschreibt — stattdessen gibt es einen Hinterausgang namens Eucharistie. Da hat einer das ganze Leid der Welt geschultert und du kannst daran teilhaben: Ein wenig Fleisch, ein wenig Blut, und die Genehmigung, dir ab hier die Welt wieder selbstgerecht Untertan zu machen.

  2. Chris Wood (Montag, der 1. April 2013)

    I find Antje’s comment fairly reasonable. She wants to reform religions, rather that to have one „win“. She sees atheism as a particular religion. But it should be regarded as a group of religions, (including communism, but also beliefs in the Bavarian Constitution, or in the Declaration of Human Rights, or in equality of men and women). Perhaps for her a „good Christian“ is one who accepts most of Jesus‘ moral teaching, while rejecting the gaga aspects of Christianity, such as God of the Old (or New) Testament. Many Anglicans fit this fairly well.
    I doubt whether any religion will win, since there are various evolutionary niches for them. A monoculture tends to be unstable. So she may be right to see danger.

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