Roland Dürre
Sonntag, der 12. Januar 2014

Personalen und kollektiven Nutzen vereinen?

Hochhaus-Mumbai-AntiliaVor kurzem haben wir in der Google+ Community „Strategische Moral“ über Indien, die dortige soziale Situation und Werte sowie besonders über den dort immer und überall wahrnehmbaren Unterschied zwischen „extrem reich“ und „extrem arm“ diskutiert.

Einer aus unserer Runde hat von seiner letzten Reise durch Indien berichtet und da auch ein Hochhaus in Mumbai erwähnt, das sich ein indischer Milliardär für seine vierköpfige Familie gebaut hat. In dem eine Familie (Ehepaar und drei Kinder) mit angeblich 400 Angestellten leben.

Das besagte Hochhaus kenne ich. Mir wurde in Mumbai von Freunden berichtet, dass insbesondere die Kinder der Familie sich in einem gesundheitlich sehr schlechten Zustand befinden würden. Auch dass in diesem Privat-Hochhaus eine komplette chirurgische Abteilung von hohen Standard integriert wäre und es sogar einen ärztlichen Bereitschaftsdienst für die Familie gäbe.

Ich weiß nicht, ob dies stimmt. Ganz gleich, ob dies wahr ist oder nicht, möchte ich mit dem Eigentümer nicht tauschen. Ich verstehe aber nicht, dass wir auch bei uns eine Gesellschaft mit sozialen Regeln tolerieren und sogar befördern, die es ermöglicht, in einem kurzen Leben unendlich reich zu werden. Und halte dabei die Frage, wie dieser Reichtum erworben wurde für irrelevant.

Dem Reichtum der „neuen“ Russen oder Chinesen, die Oligarchen genannt werden misstraue ich genauso wie dem eines „Michi Schumacher“ (mit dem ich auch nicht tauschen möchte, obwohl er ja deutlich jünger ist), der durch den „Sport“ zum Milliardär wurde. Auch die „Methode“ eines Steve Jobs (mit dem ich auch nicht tauschen möchte), der es als Unternehmer geschafft hat, quasi unendlich reich zu werden, zweifle ich an.

Wie ich auch die Millionen-Einkommen mancher Vorstandsmitglieder von DAX-Unternehmens nicht so ganz verstehe, besonders wenn diese dann noch durch üppige Abfindungen ergänzt werden. Denn dass diese gesellschaftlich so ganz gerechtfertigt sind, bezweifle ich auch.

Freilich weiß ich auch, dass es schwer ist, einen gesunden sozialen Konsens zu finden. Wo ist die richtige Linie bzw. Grenze des „vertretbaren Reichtums“?

Wie könnte eine Lösung dieser „sozialen Frage“ aussehen?

Vor kurzem habe ich den Gedanken gelesen, dass es eigentlich genügen müsste, wenn es gelänge den individuellen wie den kollektiven Nutzen „zusammen zu legen“. Dazu müsste man vielleicht nur ein allgemeines Bewusstsein entwickeln bzw. etablieren: Einem persönlich nutzt wirklich nur das, was auch dem Kollektiv nutzt. Und umgekehrt, dass dem Kollektiv etwas nur dann nutzt was auch einem selber ganz individuell nutzt.

Vielleicht wäre das die Basis für ein ethisches „Kriterium“, das als handlungsleitende Maxime für „ethisches Handeln“ genutzt werden könnte, so wie die „goldenen Regel“ oder das „Gesetz vom biophilen Handeln“?

Vielleicht in etwa so:

„Handel immer so, dass die Folgen Deines Handelns in gleichem Maße dir persönlich wie den kollektiven sozialen Systemen nutzen, in denen Du integriert bist. Und umgekehrt!“

RMD

P.S.
Das Foto ist aus Wikipedia von Krupasindhu Muduli und steht unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

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7 Kommentare zu “Personalen und kollektiven Nutzen vereinen?”

  1. Chris Wood (Sonntag, der 12. Januar 2014)

    How do you mean this Roland? May I boil one egg for my breakfast, or must I then also boil one for someone else?
    If I am part of my social system, and benefits are simply additive, I can do anything which does not damage others. But an ethic that encourages good works seems better.
    Am I integrated in some social system, and how big is this?
    I think „be nice“ is a better ethic. Brevity is the soul of wit.

    It is hard to know whether I should take your moral exhortations seriously. Of course it is to my advantage if everybody around me is nice. So only an honest fool admits, as I do, that he hopes people will be nicer than he wants to be.
    People generally, (with few exceptions), are happier if they think they are doing better than their rivals. This seems to matter more to them than absolute wealth. This holds not just for rich people who try to get even richer.
    Animals have various social systems, some older than the Catholic Church, that vary widely between competitive and cooperative extremes, from lions to ants. But there is always some form of competition. Humans are fairly cooperative, but it is unlikely and probably undesirable that competition can be eliminated. Roland, as an alpha, (or beta plus), man, how do you see this?

  2. six (Montag, der 13. Januar 2014)

    Lieber Roland, was Chris sagt, ist richtig, kann man aber auch klarer ausdrücken. Das Zusammenspiel zwischen Konkurrenzverhalten und kooperativem Verhalten funktioniert großartig. Wir machen das alleine (egoistisch), was wir alleine besser können und zusammen (altruistisch), was wir zusammen besser können. Daraus entstehen hoch funktionelle Gruppen, zum Beispiel Deine Firma. Wie dann diese Gruppen zu einem noch größeren Gebilde vereinigt werden können? Über idealistische Konstruktionen, wie Nationen, Religionen und daraus folgende, „gerechte“ Kriege, die dann ethisch begründet, zu Blutbädern führen. Vergiss dieses ganze ethische Wortgeklingel, wenn Du nicht in Blut waten willst oder keine Lust hast, ersatzweise im Irrenhaus zu landen.

    Das einzige System, das über funktionale Gruppen hinaus diese Gruppen zu einem größeren Ganzen vereinigt, ist das Rechtssystem. Danke Römer, danke Napoleon, dass Ihr Eure Lehren aus Euren Blutbädern gezogen und uns ein ziemlich gutes Rechtssystem hinterlassen habt.

  3. Chris Wood (Montag, der 13. Januar 2014)

    Dear Six, I am glad that you think that you agree with me. Of course clarity can always be improved. But your views are dubious. I try to get things roughly right, rather than make clear mistakes.
    Groups are often neither altruistic nor idealistic.
    Egoistic bosses are often needed in firms. I doubt whether the two Google lads started their firm for altruistic reasons. And they needed good employees and investors who were in it for the money.
    Nations too were not set up out of idealism, but rather out of dislike for those who spoke different languages.
    Germans respect the law too much, particularly German law. Different nations have different laws. Various nations have death sentences for homosexuality, heresy and blasphemy. I believe Napoleon’s codex accepted slavery. Some of Hitler’s laws are still in effect. All the laws in the world did not prevent the wars of the 20th century, and few significant changes have been made since.
    Other nations, (UK, USA, Australia, etc.) do well with legal systems having little connection with Rome or Napoleon. I have read that the jury system was brought to England from Islamic countries.
    Family and sex (together) make a stronger force for good. It is lucky that „white“ men found foreign, black and Jewish women attractive.

  4. six (Montag, der 13. Januar 2014)

    Lieber Chris, dann muss ich wohl noch klarer werden. Ich gehe von folgender Annahme aus: Der Mensch hat eine Doppelnatur. Die Produkte seiner individuellen Selektion sind Egoismus, Feigheit und Heuchelei. Die Produkte der Gruppenselektion (bei Dawkins noch die Verwandtenselektion) dagegen Ehre, Tugend und Pflicht. Das ist weitgehend soziobiologische Standard-Einsicht. Natürlich haben die Google-Gründer nicht aus altruistischen Motiven gegründet (genauso wenig wie Roland). Aber anschließend waren sie auf die Gruppe angewiesen, wenn sie keine 2-Mann-Klitsche bleiben wollten. Und heute ist google eine Gruppe, die zusammen sehr erfolgreich ist. Und wiederum in Konkurrenz zu, sagen wir, Yahoo steht. Wer aber regelt das Konkurrenzverhältnis und Marktgebahren zwischen google und Yahoo? Eine Markt-Ethik? Was soll das sein? Der kategorische Imperativ? Das Biophilie-Gebot? Rolands neue Regel? Warum sollte das jemand befolgen? Aus Einsicht? Da finde ich die 10 Gebote eines 2-Milliarden-Clubs schon stärker. Am wirksamsten aber immer noch die Gesetze eines Staates. Klar, funktioniert das nur schlecht oder teilweise. Der „Internationale Gerichtshof“ wird nicht umsonst von machtvollen Playern sabotiert. Weil sie wissen, dass Gesetze dazu da sind, die Schwächeren vor der Willkür der Stärkeren zu schützen. Genauso wie Moral oder Ethik. Im Zweifelsfall bin ich aber froh, wenn es ein Gesetz gibt, auf das ich mich verlassen kann und in einem Land mit Rechtssicherheit zu leben. Statt auf eine der zahlreichen Ethiken zu vertrauen, hinter denen keine Sanktions-Gewalt steht.

  5. rd (Montag, der 13. Januar 2014)

    Hi Chris & Detlev,

    ich habe es eigentlich viel einfacher gemeint und vorgeschlagen, den Gedanken „Kombiniere Eigennutzen mit Gemeinnutzen!“ als einfache ethische Regel für die kleinen und großen Entscheidungen des täglichen Lebens zu nutzen.

    Um dies zu erklären bleibe ich beim Beispiel von Chris mit dem Ei. Was hindert uns daran, uns zu überlegen, dass das, was wir frühstücken sowohl für uns und „die anderen“ gut ist? Damit unser Frühstück für uns und für die Allgemeinheit „gut“ ist.

    Dann muss ich doch nur Nahrungsmittel verspeisen, die mir gut schmecken, meinen Bedarf decken, für mich gesund und gleichzeitig für unser „soziales“ und auch „wirtschaftliches“ Gefüge positiv sind. Damit es mir gut geht und den Produzenten dieser Güter. Und dabei auch darauf achten, dass die „Externalitäten-Bilanz“ stimmt, d.h. auf die Auswirkungen der Herstellung der Produkte auf die Welt im weitesten Sinne korrekt sind.

    Als Ergebnis bei solchen Überlegungen könnte zum Beispiel raus kommen, dass ich mein schönes Sonntags-Frühstück mit einem Ei aus der Bodenhaltung vom Nachbar-Bauern kröne und um lokale Nahrungsmittel ergänze. Und auf die Erdbeeren aus Afrika und die Semmeln aus der Tschechien „verzichte“. Und auch nicht mehr Fleisch esse als mir gut tut.

    Und wenn ich am Morgen zum Bäcker fahre, das Rad nehme (oder noch besser zu Fuß gehe), weil der Weg mir gut tut und ich die Nachbarn nicht mit Lärm belaste und keine fossile Energie verbrenne.

    Und so gibt es viele Beispiele, in der Handeln nach den einfachen Kriterien, die die Gleichung „Eigennutzen = Gemeinnutzen“ erfüllen zu ganz tollen Ergebnissen führt – und zwar für alle.

  6. Barbara (Montag, der 20. Januar 2014)

    Lieber Roland, wenn ich deine Beispiele anschaue, dann scheint mir das Wort Nutzen, zumindest für den Gemeinnutzen doch recht großzügig interpretiert. Nutzen = nicht schaden? Um bei deinen Beispielen zu bleiben, solltest du zumindest einem netten Nachbarn ein paar Frühstückssemmeln mitbringen. (Dann fährt der nicht mit dem Auto,du vermeidest also Schaden und deine Handlung nützt zwar nicht der Allgemeinheit aber dem Nachbarn)

  7. rd (Montag, der 20. Januar 2014)

    @Barbara:

    Genau!

    Ich wäre auch bereit, allen meinen Nachbarn Semmeln mitzubringen, nicht nur den netten. Das hilft allen – und vielleicht werden die „nicht-netten“ dann netter – und das hilft dann wieder mir 🙂

    Zu „nutzen = nicht schaden“:

    Es gibt viele alltägliche Selbstverständlichkeiten unseres Handelns, die ohne wesentliche Vorteil für uns und gar nicht selten zu unserem Schaden sind, aber andere Menschen und/oder die Umwelt ausbeuten. Da könnte man mit ein wenig Achtsamkeit viel verbessern. Und da wäre der Schritt zum „nicht schaden“ oder „nicht schädigen“ schon ein erster großer Erfolg. Ich mag ja nicht immer gleich nach den Sternen griefen.

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