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Privatbetrieb versus Staatsbetrieb

Posted By rd On 15:15 In Aktuell,Management,Politik,Provokativ,Unternehmertum | 11 Comments

Privatisierung, Wettbewerb und “Championing” gelten als die universalen Heilmittel des Spätkapitalismus. Deshalb wurde zur Hatz auf die Staatsbetriebe geblasen und fleißig “privatisiert”. Betriebe, die dem Volk gehörten und deshalb nicht Staats- sondern Volksbetriebe hätten heißen müssen, wurden fleißig verscherbelt.

Auch Infrastruktur-Betriebe (Energie, Post, Eisenbahn, Gesundheit) wurden in Profit orientierte Privatunternehmen verwandelt und an anonymes Kapital verkauft. Dabei wurde nur vergessen, dass mit Infrastruktur der Staat erpresst werden kann. So lange es gut geht, werden zuerst die Gewinne privatisiert. Passiert dann mal etwas, werden die Verluste halt sozialisiert.

Monopolbetrieb wurde zum Unwort. Obwohl staatliche Monopole durchaus Sinn machen können. Und eine Post oder Telefongesellschaft ganz andere Möglichkeiten hat als mehrere solcher Gesellschaften in Konkurrenz gegen einander.

Man hat aber ausschließlich auf Wettbewerb gesetzt. In der EU wurde der “freie Wettbewerb” zum gebetsmühlenartig herunter geleierten und handlungsleitendem alleinig wahren Dogma.

Jetzt haben wir den Salat: Diverse Anbieter von Kommunikations- und Telefondiensten “prügeln” sich um die Kunden. Mit parallelen Infrastrukturen, die aber keine flächendeckende Versorgung anbieten.

Man betrachte nur die mobile Kommunikation. Wie viel Geld wird hier sinnlos für Werbung ausgegeben? Und in flächendeckende Verkaufsstützpunkte investiert? Und mit welch unsinnigem und intransparenten Tarifdschungel versuchen die konkurrierenden Unternehmen, den Kunden vor zu machen, dass sie jeweils die billigsten wären? Dann aber jede Chance nutzen, ihn so richtig auszubeuten.

Bei Postbetrieben ist es nicht besser. Auch hier bekämpfen sich die “Marktteilnehmer (!)” mit Werbung. “Kosten sparen” geht zu Lasten von Service und Qualität. Nicht nur auf der letzten Meile werden die Pakete parallel ausgefahren. Zusammen ist das alles viel teurer und ineffizienter (und neben her für die Umwelt schädlicher), als wenn der Dienst gut optimiert aus einer Hand käme.

Bei der Energieversorgung sieht es auch nicht besser aus. Vom Gesundheits- und Sozialwesen will ich gar nicht reden. Ich erwähne hier nur die kaufmännische Optimierung, zu der die Chef-Ärzte von Privatkliniken gezwungen werden oder das Missverhältnis von Pflege-Qualität und den “finanziellen Ergebnissen” der großen Pflege- und Altersheimdienstleister.

Der größte Teil des Umsatzes (des Geldes der Kunden) wird in vielen dieser Branchen für Vertrieb und Marketing ausgegeben. Das macht die Preise unnötig teuer. Und geht – natürlich – zu Lasten der Betriebsqualität.

Wenn man auf Staatsbetriebe schimpft, dann schlägt man aber das Pferd, obwohl man den Reiter meint. Das Versagen von Staatsbetrieben hat einen einfachen Grund: Die Staatsbetriebe hatten sich zu Beamten-Betrieben entwickelt. Und leider mit dem Begriff des Beamten in seiner negativen Bedeutung.

Dabei war das Beamtentum ursprünglich eine Erfolgsgeschichte: Die Erwartungen an die Beamten betreffend Loyalität und Einsatzbereitschaft waren hoch und wurden auch erfüllt. Dafür bekamen sie eine außergewöhnliche Fürsorge. Ein wie ich meine “fairer deal”. So habe ich viele viele hoch motivierte Eisenbahn-Beamten bei der Deutschen Bundesbahn erlebt. Das ging bis in die 60iger Jahre.

Dann hat das Selbstverständnis der Beamten sich schleichend verändert. Politiker auf Wählerfang – natürlich überwiegend Beamte – haben das Füllhorn über die Beamten ausgeschüttet. Ihre  Pflichten wurden reduziert, ihre Rechte gemehrt. So verwandelte sich eine Elite in eine Kaste. Heute ist ein Beamter unkündbar und überdurchschnittlich gut altersversorgt. Er kann aber mit Tagesfrist kündigen.

Das Bild des Beamten hat sich in der Öffentlichkeit verschlechtert. Die Bevölkerung und ihre Beamten gingen auf Distanz. Und so ging es los mit einer Spirale nach unten.

Ich möchte folgenden – mal wieder ketzerischen und völlig unrealistischen (?) Gedanken – zur Diskussion stellen:

Warum sollte ein modern gemanagter Staatsbetrieb nicht genauso gut oder besser funktionieren wie ein ebenso gut gemanagter Privatbetrieb?

Und ich schlage vor, wieder Staatsbetriebe einführen. Mit einem modernen Management. Allerdings mit einem neuen Beamtenvertrag. Mit reduziertem Kündigungsschutz. Und keinem Streikrecht für die Mitarbeiter. Denn der Staat ist ja nicht so böse wie ein privatwirtschaftliches Unternehmen. Den Staatsbetrieb kann man ja als einen fairen Arbeitgeber organisieren, der ja seine Mitarbeiter nicht so knechten will, wie es der Gesetzgeber der Privatwirtschaft unterstellt. Und er hat es auch nicht nötig, denn er muss nicht Milliarden für die Börse erwirtschaften und kann so faire Gehälter zahlen.

Natürlich können auch in einem Staatsbetrieb Dinge wie persönlicher Willkür von Vorgesetztem oder ähnlichem passieren. Denen könnte man aber nicht durch Gesetze sondern besser mit einer neutralen Schlichtungsinstanz begegnen. Die neutral besetzt ist und fair entscheidet.

Ich vermute, dass die “Privatwirtschaft” sich dann wahrscheinlich sehr “warm anziehen” müssten, um gegen solche Staatsbetriebe bestehen zu können.

Und ich würde weitergehen: Solche Staatsbetrieben würde ich liebend gerne wo notwendig durch ein Monopol stützen. Da ich mir sicher bin, dass sie mit einem modernen Management gerade Infrastrukturaufgaben viel zuverlässiger und preiswerter – vor allem aber auch nachhaltiger – realisieren könnten als eine Vielzahl von konkurrierenden und profitorientierten Privatbetriebe.

Getrieben von “Quartals-Denke” ist hier das handlungsleitende Motto “Nach uns die Sinnflut”.

RMD

P.S.
Zu Verirrungen wie dem private Fernsehen habe ich gar nicht Stellung genommen. Ist es nicht auch wirtschaftlich ein Graus, ganz zu schweigen von der Qualität?

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