Roland Dürre
Montag, der 6. September 2010

Privatheit #1: Mein KONSUM-Verhalten und das Neuro-Marketing

Jetzt starte ich eine lockere Folge mit meinen Gedanken zur Privatheit bzw. dem Verlust der Privatheit. Meine Meinung: Privatheit geht nicht im Internet verloren, sondern ganz wo anders.

Die Angst vor NEURO-Marketing geht um. Jeder Click im Internet hinterlässt Spuren und wird schamlos ausgenutzt! Und wir werden zu Opfern der gesammelten Daten. So schreibt Norbert Bolz in der Süddeutschen vom 28./29 August 2010 und auch sonst höre ich das immer öfter.

So überprüfe ich mal meinen Konsum.

Bücher kaufe ich spontan. Oft für Freunde, denen ich etwas zum Lesen schenken möchte, das ihnen nach meiner Einschätzung gefällt. Gerne kaufe ich auch Empfehlungen von Freunden. Natürlich bin ich auch Amazon-Kunde – besonderes bei gebrauchten Klassikern. Habe mir da vor einiger Zeit zum Beispiel alle Romane von Thornton Wilder gekauft.

Was weiß also Amazon über mich? Dass ich gerne eher anspruchsvolle Bücher kaufe und dass ich, wenn möglich, gebrauchte Bücher kaufe. Wahrscheinlich liege ich bei Amazon in der Schublade „Geizhals“. Aber was sagt dieser „Thornton Wilder“-Ausreißer aus?

Die netten Hinweise von Amazon, was mir gefallen könnte, amüsieren mich trotzdem. Ist oft bemerkenswertes dabei. Blöderweise habe ich aber noch kein Buch einem solchen Hinweis folgend gekauft.

Aber Ebay – die sind ja besonders gefährlich – weiß sicher alles über mich. Was ich da schon alles verkauft und gekauft habe:

Mitgliedsname spielzeug_alt (Bewertungspunktestand von 3366)

🙂 Bei soviel Transaktionen muss ich vor lauter Transparenz ja schon durchsichtig sein.

Realistisch dürfte aber aus diesem Datensalat auch nichts raus kommen. Vielleicht, dass ich viele Modellautos und -Eisenbahnen verkauft habe (Ich hatte mal eine große Sammlung von altem Spielzeug, da waren auch tolle Antiquitäten dabei). Der Schluss, dass ich an Modelleisenbahnen interessiert wäre, ist aber schon wieder falsch. Ich habe ja meine Sammlung verkauft, weil mich dieses Thema eben „konsumativ“ nicht mehr interessiert.

Vor kurzem habe ich übrigens in Ebay 10 Seifenschalen aus ehemaligen Beständen der Volksarmee der DDR erworben. War übrigens wirklich gute Qualität. Jetzt bin ich wahrscheinlich als Seifenschalen-Fetischist notiert. Auf den richtigen Schluss, dass ich meinen Körper wieder überwiegend mit Wasser und Seife reinige – und auf diesen Wahnsinn mit den vielen Plastikflaschen für Shampoo, Duschmittel … verzichte, kommen die bestimmt nicht. Und in den Geschäften Unterhachings eine Seifenschachtel zu bekommen ist gar nicht so einfach. Und da die 10 Schachteln zusammen nur € 1,50 (plus 2 EURO) Versand gekostet haben, konnte ich gleich meinen Kindern und Freuden Seifenschachteln schenken, damit auch die weniger Plastikmüll erzeugen.

Jetzt sehe ich schon den Supercomputer mit den KI-Systemen (KI = Künstliche Intelligenz) der Neuro-Marketing-Leute heiß laufen: Was macht der Dürre mit 10 Seifenschachteln?

Aber vielleicht gibt es bei mir ja bessere Anwendungsfelder für Neuromarketing, um wertvolle Schlüsse aus meinem Konsum zu ziehen? Was konsumiere ich denn noch so?

Da fällt mir zuerst ein, dass ich viele Fahrräder und wenig Autos kaufe. Gerne fahre ich hochwertige Fahrräder (Koga, Utopia, Brompton, Scott). Wobei ich mir allerdings in diesem Sommer ein sehr preiswertes Rad von einer nicht sehr prominenten Marke geleistet habe.

Was sagt das dem Neuromarketing? Was für ein Rad werden sie mir jetzt anbieten?

Ob sie auf den dreirädigen Scorpion kommen? Mit Elektrounterstützung? Der würde mich reizen. Wobei ich nicht weiß, ob mit oder ohne Strom. Aber selbst wenn Neuromarketing das rausfinden würden, hätten sie wieder Pech. Ich würde mir den Scorpion nie kaufen. So schön er ist, mir ist er einfach zu niedrig. Und teuer wie ein Dacia.

Bei den Autos ist es anders. Eigentlich fahre ich gar nicht mehr Auto. Ein Lustauto leiste ich mir schon noch. Das ist meine Isetta. Die ist fast so alt ist wie ich. Ob das Neuromarketing auf die Idee kommt, dass ich mir heimlich einen 190 SL oder einen Porsche 256 wünschen würde? Wäre hilfreich, denn ich weiß selber nicht, welcher Oldtimer mir der liebste wäre. Wahrscheinlich würde ich mir nach langem Überlegen „nur“ einen alten Käfer kaufen, weil ich es den emotional vielleicht doch mehr mag als den Porsche. Oder doch die Ente?

Zwei Uhren habe ich mir in den letzten 20 Jahren auch geleistet! Beide waren von Ebel. Ich fand damals die Reklame ansprechend (Die Architekten der Zeit). Hoffentlich kommt das Neuromarketing jetzt nicht auf die Idee, dass ich ein Ebel-Fan bin. Denn ich habe mir die Ebel-Uhren nur gekauft, weil just zu dem Zeitpunkt, an dem ich eine neue Uhr gesucht habe, es die Ebel-Uhren beim Uhrengeschäft im Pep zum halben Preis gab. Und hübsch waren sie auch. Leider war das die Zeit, wo man noch Uhren mit Quarz-Antrieb gekauft hat. Würde ich nicht mehr machen.

Das Uhrengeschäft im Pep gibt es nicht mehr. Das schränkt die Wahrscheinlichkeit stark ein, dass ich mir überhaupt jemals wieder eine Uhr kaufe. Und wenn, dann nur noch eine mechanische Rolex. Mit der Lupe für das Datumsfeld, das ich früher immer als hässlich empfand, mittlerweile aber wertschätzen würde. Andererseits hält eine Rolex so lange, dass es sich für mich gar nicht mehr lohnt …

Außerdem werde ich mir aber eh keine Uhr mehr kaufen. Denn mir fällt ja gerade ein, dass ich dieses lästige Ding am Arm eigentlich los werden will. Die Zeit kann ich ja überall absehen, (Handy, Laptop, Fahrradcomputer, Fernseher, Herd, Radio, sogar an Kirchtürmen …). Gibt es eigentlich überhaupt noch Teile, die keine Zeit anzeigen? Und beim Schreiben am Laptop stört die Armband-Uhr nur.

Ich trage die Armbanduhren ja nur, weil sie hübsch sind. Und das tun es die beiden Ebel-Uhren. Selbst wenn sie nicht mehr gehen, weil die Batterie aus ist. Insofern stört ja auch der Quarz nicht. Mit leerer Batterie sind sie genauso hübsch wie mit voller. Nein, mit meinem Uhrenkonsum kann das Neuromarketing auch nichts anfangen.

Habe mir in der letzten Zeit auch zwei Anzüge beim Loden Frey gekauft. Einen zum reduzierten und einen zum Normalpreis. Das könnte doch ein gefundenes Fressen fürs Neuromarketing sein. Aber wehe, es bietet mir jetzt eine Krawatte oder Seidensocken an. Krawatten habe ich noch so viele – und trage keine mehr. Und Seidensocken kann ich nicht ausstehen. Da wäre ich dann wirklich beleidigt.

Langsam gehen mir die Konsumideen aus. Halt – ich gehe gerne ins Theater und Essen. Doch wenn das Neuromarketing glaubt, es könnte mich hier erwischen, dann irrt es sich.

Ins Theater gehe ich immer sehr spontan und lasse mich dann vom Stück überraschen. Essen gehe ich häufig. Da sind mir alle Lokale recht, die Qualität mit Gastfreundlichkeit vereinen. In der näheren Umgebung von Haching gibt es solche Lokale, die bayerisches, chinesisches, griechisches, indisches und jugoslawisches Essen anbieten. Die Wahl des Lokals überlasse ich immer meinen Begleitern. Da tut sich das Neuromarketing jetzt auch wieder schwer, denn beim Essen bin ich so gesehen eine multiple Persönlichkeit.

Aus der Tatsache, dass ich mir ab und zu ein Eis laste, darf man auch nichts Falsches schließen. Ich versuche  möglichst wenig Süßes zu essen. Und am liebsten das hausgemachte Frucht- oder Zimteis.

Und zu McDonald gehe ich immer nur zweimal im Jahr. Das ist dann Griechenland auf der Fahrt von und nach Patras.

Nein, vor Neuromarketing habe ich keine Angst! Glaube auch, dass es völlig überschätzt wird. Aber immerhin ernährt es bestimmt eine Reihe von Marketingagenturen und deren pfiffige Mitarbeiter. Und was will man in der heutigen Zeit mehr?

RMD

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