Roland Dürre
Mittwoch, der 15. September 2010

Rendite&Wachstum (II)

Oder auch China 5 (siehe China 1, China 2, China 3 und China 4).

Wie konnte es passieren, dass mittlerweile viele Unternehmen meinen, sie müssten heutzutage eine Rendite vom Umsatz von 15, 20, 30 oder gar mehr Prozent erwirtschaften?

Die Erklärung ist verblüffend einfach. Die hohen Renditen sind eine Folge der Globalisierung.

Nehmen wir das Beispiel China …

Für deutsche Unternehmen war es sehr einfach, im chinesischen Binnenmarkt enorme Gewinnspannen zu erzielen. Da war ein neuer und schier explodierender Markt mit enormen Nachholbedarf. Es existierte eine Riesennachfrage nach den neuen Produkten. Die Konkurrenten (heute gerne „Marktteilnehmer“ genannt) taten sich gegenseitig nicht weh, aufgrund des enormen Wachstum war der Kuchen für alle groß genug. Auch wenn das lokale Management viel (oder fast alles) falsch machte, die Zahlen blieben richtig gut.

Aber nicht nur der Binnenmarkt in China sorgte für hohe Renditen. Zusätzlich wurden mit den in China produzierten Waren auf dem Weltmarkt (außerhalb Chinas) so richtige fette Profite gemacht. Freilich waren diese vor allem dem hohen Lohn- und Kostengefälle zwischen den „reichen Industrieländern“ und dem „armen Herstellerland“ geschuldet. Aber welchen Kaufmann interessiert das schon?

Die in China erwirtschafteten Überschüsse dürfen nicht zurück an den Mutterkonzern transferiert werden. Deshalb hat man mit niedrigsten Transferpreisen für fette Profite auch bei der Mutter gesorgt. So explodierte in den Konzernen die Umsatzrendite der Unternehmensbereiche, die überwiegend oder wesentlich in China produzierten. Und plötzlich waren Umsatzrenditen wie 4 % völlig außer Mode und die Latte wurde bei 25 % und mehr angelegt.

Und was macht ein Konzern, wenn er Unternehmensbereiche mit einer Riesenrendite von 25 % hat und andere Bereiche nur eine konservative Rendite im einstelligen Bereich erbringen?

Die eigentlich aus einer Sondersituation heraus generierten Gewinne werden zum unternehmerischen Maßstab, die Geschäfte mit der Riesenrendite ausgebaut und die weniger profitablen Bereiche aufgegeben. Auch wenn die Wertschöpfung im teuren Deutschland keine höhere Rendite zugelassen hat.

Aber auch hier ändern sich die Zeiten. Der Wanderzirkus der westlichen Ländern ist von einem ins nächste Billiglohnland gezogen. Oft hat er dabei verwüstete Landschaften hinterlassen. Am Schluss kam er in China an. China ist wohl das letzte große Paradies für Renditejäger. Aber auch dort sieht man die ersten Anzeichen, dass das goldene Zeitalter der Hochrenditen zu Ende zu geht.

Es wird spannend – und vielleicht müssen sich auch die Megakonzerne bald wieder mit Renditen wie in den 60iger und 70iger Jahren zufrieden geben.

Aber so schlecht waren diese Zeiten doch auch nicht!

RMD

P.S.
Zwei kleine Anmerkungen:

Es gibt noch mehr Länder mit krassem Wohlstandsgefälle. Der Hafenarbeiter in Afrika bekommt oft nicht viel mehr als einen EURO für seinen Tagesdienst. In Bulgarien beträgt das Gehalt vieler Frauen in Fabriken immer noch um die 150 EURO im Monat. Und auch der Java-Programmierer in Minsk ist froh, wenn er mit einer dreistelligen Anzahl EURO im Monat heimkommt. Das alles sind die Quellen für die Traumrenditen.

Und wenn man sich den Preis für eine Dose Bier in einem chinesischen Supermarkt anschaut, versteht man nicht, warum Inbev und Co weltweit nur 30 % Marge vom Umsatz macht.

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4 Kommentare zu “Rendite&Wachstum (II)”

  1. Bernhard Findeiss (Mittwoch, der 15. September 2010)

    In einer amerikanischen Kolumne habe ich noch eine andere (nicht bewiesene) These gelesen, die sich auch ganz interessant list, sich jedoch vor allem auf Technologieunternehmen bezieht:

    Demnach geht dieses Verhalten auf den „War for Talents“ zurück. Wenn man die Besten der Besten bekommen will (damit meine ich etwa die 100 besten Absolventen der Top-Unis wie MIT, Yale, Stanford etc.), so sei es üblich, diesen auch ein top Gehalt zu bieten. Dazu gehören zu einem mehr oder weniger großen Teil aber auch Aktienoptionen.

    Diese sind aber natürlich auch wieder einigermassen uninteressant, wenn der Aktienkurs nicht steigt. Als Maß wurden hier 25% Kursgewinn pro Jahr genannt.

    Dies ist als Startup noch einigermaßen einfach zu schaffen (sofern der Erfolg einsetzt). Später dann, wenn man eine gewisse Grösse erreicht hat, wird es schwieriger und bedarf dann schon mehr oder weniger fiesen Tricks.

    D.h., man muß das tun was die Börsianer gut finden, um den Kurs zu pushen. Dazu gehört z.B. das Festhalten an hohen Umsatzrenditen, wie von dir beschrieben, aber auch Übernahmen anderer Unternehmen.
    Ganz egal, ob die Übernahme Sinn macht oder nicht. Beispiele gibt es, auch in der jüngeren Vergangenheit, genug (EBay -> Skype, HP->3PAR etc.).

    Wenn man diesen Kurs nicht mehr durchhalten kann oder will, so suchen sich v.a. die Top-Mitarbeiter nach kurzer Zeit einen neuen Arbeitgeber.

    So soll es zur Zeit übrigens Google gehen, das bereits eine ganze Reihe von Mitarbeitern v.a. an Facebook verloren hat.

    Mangels Insiderkenntnissen des amerikanischen Marktes kann ich das natürlich nicht endgültig verifizieren. Eine spannende Theorie ist es jedoch allemal.

  2. rd (Mittwoch, der 15. September 2010)

    Sehr spannender Kommentar von Bernhard. Nur eine Frage zum ersten Satz: Gibt es in BWL oder VWL überhaupt etwas „Bewiesenes“? 🙂

  3. Chris Wood (Donnerstag, der 16. September 2010)

    Globalisation brought huge profits hundreds of years ago. After the sea route to Asia was discovered, a good profit could be made by sending out 2 ships, only one of which returned. I presume also that the sailors must have been unusually well paid to take such risks.
    Later, in the industrial revolution, big profits were made not only by landowners who found coal, but also by people who organised canals, then railways, cotton mills, etc.
    This is all part of the process that has led to the comfort and prosperity that we enjoy. I hope the current globalisation will spread some comfort in the rest of the world. Of course this could all be done more efficiently, if we were all enlightened and more altruistic, but we are not. Of course there is a chance that progress will all go wrong.
    It is strange that a businessman like you, Roland condemns business as it is. Roland, do you want socialism without free markets? Communism has always gone wrong. Maybe it could have worked in Czechoslovakia if the Warsaw pact countries had not invaded in 1968. Maybe it could have worked in Cuba without the American embargo. Maybe it can still work in Vietnam. But I still believe that the methods on the industrialised nations work better.

  4. Enno (Freitag, der 17. September 2010)

    Gibt es in der BWL oder VWL überhaupt etwas Bewiesenes?

    Ich verzichte einmal auf wissenschaftstheoretische Überlegungen und antworte mit „ja, wenn man die Latte nicht zu hoch ansetzt“.

    Methoden der volkswirtschaftlichen Methoden der Beweisführung/Forschung sind:
    – Kurvenschieben
    – Mathematische Lösungen
    – Simulation
    – Experiment
    – Gedankenexperiment
    – andere empirische Untersuchungen

    „Kurvenschieben“ meint das Zeichnen von bspw. einer Angebots- und einer Nachfragekurve in ein Koordinatensystem, um den Schnittpunkt (das Marktgleichgewicht) zu ermitteln.

    Bei der mathematischen Lösung wird aus einigen Annahmen, die wirtschaftliche Sachverhalte in mathematischen Formeln abbilden, axiomatisch auf ein Ergebnis geschlossen.
    Letztes Semester habe ich eine Arbeit von Ramsey sowie einige Nachfolgende Arbeiten geschrieben und eine „eigene“ dazu geschrieben. Ramsey leitet dabei aus einigen gängigen Formeln her, wie sich der Zinssatz (oder: die zu erreichende Rendite) für eine gesamte Gesellschaft bemisst. Dem Gedankengang Ramseys und der Folgearbeiten folgend hat Wachstum eine Volkswirtschaftliche Bedeutung: Es entschädigt uns für heutigen Konsumverzicht, es entschädigt spätere Generationen für unsere Ausbeutung der natürlichen Ressourcen.

    – Bei der Simulation werden Sachverhalte mit Unsicherheit nachgestellt (programmiert), um herauszufinden, wie sich bspw. eine Situation entwickeln wird, welche Strategien für einzelne Spieler effizient sind o.ä.

    – Das Experiment wird i.d.R. wie in anderen Sozialwissenschaften mit echten Menschen durchgeführt. Sie werden wirtschaftlichen Entscheidungssituationen (meistens sehr abstrakt und am PC) ausgesetzt, mit einer erfolgsabhängigen (geringen) Vergütung versucht der Experimentleiter, realistisches Verhalten zu erzeugen.
    Das Verhalten wird dann meistens statistisch ausgewertet.

    – Das Gedankenexperiment ist einfach eine „was-wäre-wenn“ Überlegung. Ist meistens billiger, einfacher und schneller als ein Experiment und häufig Grundlage für Annahmen, die dann mathematisch oder mit Kurvenschieben weiter bearbeitet werden können.

    – Ansonsten bleibt natürlich noch, Daten (z.B. solche, die standardmäßig von Behörden erhoben werden) statistisch auszuwerten. Im Gegensatz zur Soziologie arbeitet die VWL häufig mit Geldgrößen, was die Variablen leichter operationalisierbar macht und daher wissenschaftlicher wirkt als in anderen Sozialwissenschaften.

    In letzter Zeit scheinen die Empiriker auf dem Vormarsch zu sein, mit Hilfe der Statistik ist manche Grundlegende Annahme oder auch sicher geglaubtes Ergebnis der Theoretiker widerlegt worden.

    Zum eigentlichen Thema:
    Du sprichst immerzu von „Rendite“, manchmal von „Umsatzrendite“. Wie hoch die ist, hängt vor allem von der Fantasie und dem Willen des Ausweisenden ab.
    Die Rendite bemisst sich mit Rendite=Input/Output, die Umsatzrendite mit Umsaztrendite=Gewinn/Umsatz.
    Die Größe „Gewinn“ (noch mehr natürlich: Input/Output) gibt extrem viel Gestaltungsspielraum. Da kämen zur Auswahl: Jahresüberschuss (nach HGB), steuerlicher Gewinn (sehr klein), Gewinn vor und nach Steuern, Zinsen, Leasingaufwendungen, Abschreibungen, Vergütungen, Geschäftsführergehalt, Personalaufwand, kalkulatorischen Kosten, Spekulationserlösen.

    Rechne ich – zugegebenermaßen überspitzt Umsatzrendite=(Umsätze – direkt zurechenbarer Materialaufwand)/Umsätze, dann erreiche ich blitzschnell Traumrenditen. Gut für die Börse.

    Rechne ich Umsatzrendite=(Steuerlicher Gewinn – völlig überhöhtes Geschäftsführergehalt – völlig überhöhte Mietzahlungen, Zinsen, Leasingaufwand – kalkulatorische Wagniskosten – kalkulatorische Kapitalkosten (15% vom gebundenen Eigenkapital, man gönnt sich ja sonst nichts))/Umsatz, dann habe ich die Umsatzrendite, die ich meinem Lieferanten mitteilen würde, um ihm deutlich zu machen, dass ich dringend höhere Preise verlangen muss.
    Also: Alles Auslegungssache.

    Die Karawande der Industrienationen kann von China noch nach Südasien und Afrika weiterziehen, um von noch hungrigeren Arbeitern für noch weniger Lohn noch billigere Produkte zu erzeugen. Geht alles.

    @Chris:
    Kuba übertrifft in manchen Wohlstandsmaßen (Alphabetisierung, Lebenserwartung) viele marktwirtschaftliche Staaten (gerade auch benachbarte) deutlich. Und das, obwohl Kuba ein Embargo von seiten der USA hat, während die Nachbarstaaten im Notfall sofort Unterstützung und Militär bekommen.

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