Roland Dürre
Donnerstag, der 22. April 2010

Rentenbremse

War schon vor längeren in der Zeitung und ist wohl ein wenig vergessen worden:

Rentner werden eine Nullrunde bekommen

Der Untertitel war:
Nur das von der großen Koalition beschlossene Gesetz zur Rentensicherung bewahrt sie vor einer Reduktion der Renten.

Als erste Frage stellt sich mir:

Gilt das auch für Beamtenpensionen?

Aber das soll in diesem Artikel Nebensache bleiben.

Ursache für die Nullrunde ist, dass die statistisch gemessenen Gehälter in Deutschland fallen. Dies ist so, obwohl wir tarifliche Erhöhungen haben, also im tariflichen Gehaltsraum die Gehälter nicht fallen. Es ist nur ein Schluss naheliegend:

Der Einfluss der Tarifparteien und des deutschen Tarifsystems schwindet. Das deutsche Tarifsystem löst sich gerade auf. Wahrscheinlich ist das auch sinnvoll. Das System, das uns zu Wirtschaftswunder-Zeiten geholfen hat, ist nicht mehr zeitgemäß.

Die zugrunde liegende Statistik erfasst aber nur die nominelle Höhe der Gehälter. Wichtige qualitative Parameter verschlechtern sich auch:

  • Neue Verträgen enthalten weniger freiwillige Sozialleistungen oder Zuschläge.
  • Früher war die unbefristete Anstellung die Regel, jetzt nimmt der Anteil der befristeten Verträge deutlich zu (zurzeit wohl 50 % der Neuverträge)
  • Die Anzahl der Urlaubstage sinkt (bei neuen Verträgen sind es mittlerweile auch mal 24 Tage oder weniger gegenüber früher in der Regel 30 und manchmal sogar mehr).
  • Die Anzahl der Wochenpflichtstunden steigt.
  • Regeln wie Zeitausgleich und ähnliches werden enger gefasst.

Real ist der Gehaltsrückgang noch stärker als nominell, denn wir haben eine Inflation, die gefühlt doch deutlich über der offiziellen Rate des statistischen Bundesamtes liegt. Wenn ich mich umschaue, dann sehe ich nur (kräftig) steigende Preise: Bei Mieten und vor allem Mietnebenkosten, beim öffentlichen Verkehr (Bahn, MVV), beim Eintritt ins Schwimmbad genauso wie beim Bier in der Kneipe um die Ecke. Auch wenn ich mir die Preise für gute Schuhe oder Anzüge anschaue, muss ich mir die Augen reiben.

Eine Folge ist, dass manch junges Paar eigentlich nur noch eine Familie gründen kann, wenn es Vermögen hat, sprich umsonst wohnt, über Kapitaleinkünfte verfügt oder Teil der „Generation der Erben“ ist und von den Eltern unterstützt wird.

Das gefällt mir nicht. Es scheint los zu gehen mit dem Reduktion von Wohlstand und einer weiteren Polarisierung unserer Gesellschaft. Und wenn ich die Verschuldung der Staatshaushalte anschaue, wüsste ich nicht, wie es besser werden könnte.

RMD

P.S.
Als Hoffnung bleibt wohl nur, dass wir individuell wie auch kollektiv noch über eine Reihe von Wohlstandsreserven verfügen, die wir auflösen können. Da denke ich mit meiner Vorurteilsstruktur natürlich auch wieder an das Auto (-; ).

2 Kommentare zu “Rentenbremse”

  1. Chris Wood (Donnerstag, der 22. April 2010)

    Apparently this is not quite right. Not only „nominal“ wages are considered. Employee-pensions („Renten“) will be affected by the reduction in overtime, and by short-time working, (although not by unemployment).
    The reduction in the value of employee-pensions in Germany has two main causes:-
    1. The earnings gap between employees and others has in recent decades increased. This is partly due to globalisation. The employees are more in competition with poor countries. Others, (except special cases such as footballers), can avoid this. It is also due to the docility of the employees, who however seem now to be swinging a bit to the left. It is also due to the relatively peaceful state of the world at present. Major wars tend to even out earnings.
    2. People live longer, but working life does not increase in proportion. Maybe old people are generally glad to have the extra leisure time. But I wanted to work longer. Being old is also increasingly expensive, due to increasing medical care. When I was a boy, doctors generally just let old people die. Medical insurance and care also have to be financed.

    Anyway, Roland, you can console yourself that a drop in consumption will slightly delay the coming climate disaster.

    Concerning the „real“ rate of inflation, one must also consider things like cars and particularly computers and the internet, where there have been huge increases in value for money.

  2. Enno (Freitag, der 23. April 2010)

    Japp, „gefühlte Inflation“ ist ja schön und gut, aber sie gibt nunmal nicht die echte Inflation wider. Die wird erst im Herbst zuschlagen.

    Bezüglich des Tarifsystems ist eine empirische Feststellung anzumerken, dass eine zentralere Verhandlungsmacht auf Seiten der Arbeitnehmer zwar in geringem Maße schädlich ist, aber ab einem bestimmten Maß an Konzentration wiederum einen positiven Einfluss hat. Deutschland hatte eines der am stärksten zentralisierten Verhandlungssysteme, mit branchenübergreifenden Lohnverhandlungen auf nationaler Ebene. Für den aktuellen Rückgang der Konzentration auf Arbeitnehmerseite lässt sich also eher ein negativer als ein positver Effekt prognosizieren.
    Das liegt daran, dass kleinere Gewerkschaften weniger in der Lage noch Willens sind, gesamtwirtschaftliche Effekte ihrer Forderungen mit zu berücksichtigen, wie starke Gewerkschaften es tun.

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