Roland Dürre
Samstag, der 30. August 2008

RMD Urlaubstagebuch 2008 #10 Zynismus ++ oder Pidgeon Deutsch 2.0

Porto Ageranos – 27. August

Hilfe – der Urlaub ist in Gefahr. Web 2, Blogger an sich wie auch meine Blog-Aktivitäten werden zum Feindbild! Althumanistische und konservativ naturwissenschaftliche Elemente meiner Familie greifen „die Unsitte, im WEB ein Tagebuch zu führen“ pauschal und mich ganz konkret an. Wegen meines Glaubens an WEB 2 werde ich auf das Ärgste beschimpft und verfolgt!

Folgende Vorwürfe (Originalton) bekomme ich zu hören:

Ich wäre doch schon zu alt, um pubertäres Zeug zu „SABBERN“. Zu sehr würde ich meinem persönlichem Exhibitionismus frönen. Mein Geschwafel wäre die Hölle – dies auf der Ebene eines Ersten-Klasse-Poesie-Albums oder einer schlechten Schülerzeitung. Die von mir betriebene intellektuelle Onanie wäre nicht auszuhalten. Der dabei von mir erzeugte geistige Dünnschiss (Diarrhoe) wäre nicht mehr zu ertragen, da mein Ausfluss sowohl „Dünn“ wie „Schiss“ wäre. Ich würde mich auf dem Niveau der BILD-Zeitung bewegen. Zu dem wäre ich weder der Rechtschreibung fähig noch einer grammatikalisch korrekten Sprache mächtig. Allgemein wäre es eine grauenhafte Unsitte, Blogs zu schreiben. Bloggen sollte man besser als Blöken bezeichnen usw.

So die Kritk von Teilen der von mir geliebten Familie! Nur die betriebswirtschaftliche Fraktion hält zu mir.

Ich versuche mich zu verteidigen (Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit, Konkurrenz für die professionellen und vom Kommerz gesteuerten Medien …). Aber das alles hilft nicht. So nehme ich die Vorwürfe an! Zugegeben, ich bin ein Exhibitionist und versuche gerne andere Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Vielleicht bin ich im innersten ein kleiner Missionar (obwohl ich genau das nicht sein will).

Gut – ich war nie besonders gut in Deutsch. In der Schule war ich tatsächlich in naturwissenschaftlichen und betriebswirtschaftlichen Fächern deutlich besser. Immer hatte ich den Eindruck, dass die Deutschlehrer meine Kreativität nicht genug würdigen würde, bzw. mich aufgrund ihres beschränkten Horizonts gar nicht verstehen kann.

Später hat mir die Programmierung in Sprachen wie Assembler oder C mehr Spaß gemacht als die Kommentierung der entstandenen Programme in Deutsch. Auf meine Befähigung zur korrekten Rechtschreibung war ich dagegen stolz – bis zur Rechtschreibreform. Seitdem verlasse mich zu 100 % auf die diversen Textprogramme.

Aber das mit der Grammatik trifft mich. In der Tat habe ich die Regeln der Grammatik verlernt und nutze sie eher intuitiv. Andererseits stelle ich fest, dass es nicht nur mir so geht. Was ich so höre und lese (auch von der professionellen Konkurrenz) lässt mir die Haare zu Berge stehen.

Und dann erinnere ich mich an unsere letzte Reise durch die Südsee gemeinsam mit Freunden. Ein exzellenter Lektor auf der MS EUROPA hat uns mit Pidgeon-Englisch und Pidgeon-Deutsch (beides wird noch auf einigen Inseln auf der anderen Seite der Welt gesprochen) vertraut gemacht. Und dann kommt mir der Gedanke, ob wir nicht alle und besonders die Jungen unter uns quasi an einem Riesen-Open Source Projekt arbeiten mit dem Ziel PIDGEON-DEUTSCH II gefolgt von EURO-PIDGEON I zu entwickeln.

Ein Beispiel: Wir sitzen gestern in einer Taverne in Drospigi, ca. 420 Meter hoch, beim Abendessen und genießen die wundervolle Aussicht auf die Berge und die Meeresbuchten. Die „Kinder“ sprechen über ähnlich hohe Hochhäuser und finden es lächerlich, dass die Städte mit dem Aufsetzen von Antennen darum „battlen“, wer das höchste Gebäude der Welt besitzt. Ich habe natürlich betteln verstanden und „stand auf dem Schlauch“. Und das ist kein Einzelfall. Laufend höre ich gerade auch in Managementkreisen verballhorntes und eingedeutschtes Englisch (Mobst Du noch oder disst Du schon?).

Die Dämme sind gebrochen. Identitätsfördernde Dialekte, die zugunsten der Hochsprache zurückgedrängt wurden, sind wieder gern gesehen. Das finde ich positiv. Multi- und Eurokultur, soziales Gefälle und Amerikanisierung schaffen neue Sprachwelten und Formen. Wie ich das Bewerten soll, weiß ich nicht. Zentrale Kommunikationsformen wie SMS, E-Mails oder Chats (!) ruinieren die sprachlichen Umgangsformen. Das finde ich (noch?) grauenhaft, aber wahrscheinlich werde ich mich auch daran gewöhnen..

Schulen und Universitäten haben den Kampf gegen die Verwilderung der Sprache (oder sollte man besser Dynamisierung sagen?) aufgegeben. Vorlesungen und Business Communication machen wir in Englisch, da werden wir uns zumindest unserer Fehler nicht so bewusst. Es gibt kein zurück mehr!

Erstaunlich auf was für Gedanken man im Land der Philosophen so kommt …

RMD

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