Roland Dürre
Freitag, der 20. Februar 2009

Schilda in Deutschland

Als Kind haben wir die Geschichten von der Stadt Schilda erzählt bekommen. So haben wir den Begriff des Schildbürgers kennengelernt und fanden das als Kind sehr lustig. Später haben wir dann gelernt, dass das gar nicht lustig ist.

Jetzt gibt es in Deutschland die Hypo Real Estate, abgekürzt HRE. Die HRE ist, wie wir jetzt lernen müssen, eine aus der Fusion „Bayerischer Hypotheken- und Wechselbank mit Bayerischer Vereinsbank“, zweier ehemals hochangesehener Bankinstitute, schon vor Jahren ausgegründete „bad bank“. Diese wollte ihren Status als „bad bank“ verbessern und hat mit geliehenem Geld so richtig voll auf den Weltfinanzmärkten angegriffen – nach dem Motto „wenn man nichts mehr verlieren kann, dann kann man sich alles leisten“. Die Mentalität des Roulette-Spielers, der sein Vermögen verloren hat und alles riskiert, um wieder reich zu werden, wurde zum Prinzip des Wirtschaftens. Und wenn die Nachrichten stimmen, wurde das Spiel zum Teil sogar außerhalb der Bücher betrieben. Eigentlich unvorstellbar! Und die HRE scheint nicht die einzige zu sein, man denke hierzulande nur an die BayernLB, um die es verdächtig ruhig geworden ist.

Diese HRE will man jetzt enteignen. Ein Unternehmen, dass wohl mit einer Billion Euro im Minus steht (eine deutsche Billion, kein Schreibfehler, 12 Nullen, 10 hoch 12 wie der Mathematiker sagt) will man übernehmen! Und man streitet sich auch noch darüber, ob man so etwas enteignen darf.

Das erinnert mich stark an Schilda. Es kann gut sein, dass die Übernahme der HRE durch den Staat nach mehrfach gegebenen Milliardenbürgenschaften als der größte „Schildbürgerstreich aller Zeiten“ in die Geschichte eingehen wird.

Ich persönlich habe immer eine „kontrollierte“ Insolvenz für marode Bankinstitute für den einzigen richtigen Weg gehalten. Der „schnelle Schnitt ist in der Regel der billigste“. In den letzten Wochen habe ich mehrmals vor sehr kompetenten und sachkundigen Managern vorgetragen. In der anschließende Diskussion bin ich jedesmal in dieser Meinung bestärkt worden.

Aber in Berlin wie überall in der Welt scheint ein absurder Glaubenssatz zu herrschen, der heißt: „Man darf keine relevante Bank Insolvenz gehen lassen, weil dies den Untergang der (Finanz-)Welt bewirken würde.“ Wo kommen solche Dogmen her? Wir Menschen – und natürlich auch die Politiker – neigen dazu, Dogmen zu erfinden und blind zu befolgen. Das erspart uns das Hinterfragen von Dingen und das Nachdenken über vermeintliche Selbstverständlichkeiten.

An dieses Dogma, dass Insolvenzen von Banken das Wirtschaftssystem ruinieren würden, glaube ich nicht. Sicher hat die Insolvenz von Lehmans ein wenig des exorbitanten Reichtums bei einigen Menschen aufgefressen. Allerdings habe ich erlebt, wie mir persönlich bekannte und gar nicht so reiche Menschen ihre Verluste souverän weggesteckt haben, nach dem Motto „wie gewonnen so zerronnen“. Da ziehe ich meinen Hut. Schädigungen von wichtigen Ersparnissen „des kleinen Mannes“ sind sicher bei einer „kontrollierten“ Insolvenz mit speziellen Bürgschaften für einen Teil der Gläubiger vermeidbar. Und auch die Problematik mit den Pfandbriefen hätte man so auch nicht schlechter lösen können als mit pauschalen Mega-Bürgschaften. Jetzt aber rollt die Lawine.

Es wäre eine Aufgabe für neues aufklärerisches Denken, mit den falschen Dogmen unserer Zeit aufzuräumen. Die gegenwärtige Situation erinnert mich fatal ans Mittelalter. Da hat man auch geglaubt, die Sonne würde sich um die Erde drehen. Und Menschen verbrannt. Glücklicherweise wird heute nur Geld verbrannt.

RMD

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