Beim Vortrag von Peter Scholl-Latour zu Afghanistan war der Andrang unerwartet groß. Das Audimax der Hochschule der Bundeswehr in Neubiberg mit mehr als 400 regulären Plätzen war überfüllt. Der Vortrag wurde akustisch in den Vorraum übertragen. Dort standen zahlreiche Besucher und lauschten der Rede, die aus den Lautsprechern kam. Weit mehr als 100 Besucher konnten nicht teilnehmen und gingen wieder heim. Ich stand auch vor verschlossenen Hörsaaltüren, gemeinsam mit Freunden haben wir dann beschlossen, den Vortrag zu schwänzen und einen vergnüglichen Abend im Offizierskasino bei Bier und Currywurst mit Pommes zu verbringen. So kann ich hier nicht berichten, was Scholl-Latour gesagt hat. Sorry!

Der auch vom Veranstalter in dieser Form nicht erwartete Besucherandrang zeigt, wie aktuell das Thema Afghanistan ist. Und vielleicht wird es jetzt mit einem neuen Präsidenten der USA für uns Europäer und Deutsche bald noch aktueller werden.

Aber man muss Afghanistan auch aus einem anderen, vielleicht noch unheilvollerem Blickwinkel betrachten. Las ich doch vorgestern (7. 11. 2008) in der Süddeutschen auf Seite 11 einen unscheinbaren Artikel mit der Überschrift „Heroinkonsum in der EU nimmt dramatisch zu„. Und da stand drin, dass „die weltweite Produktion von Heroin in 2007 drastisch zugenommen hätte“. Laut EMCDDA sei „allein im Jahre 2007 ein Anstieg um 34 % zu verzeichnen gewesen“. Und für mich kaum vorstellbar: „von den insgesamt im vergangenen Jahr hergestellten 8870 Tonnen stammten 8200 Tonnen aus Afghanistan“! Ich hätte da immer auf Südamerika getippt.

Ich zitiere noch ein paar Sätze: „Die Rekrutierung neuer Süchtiger schreitet in einem Tempo voran, das einen baldigen Rückgang der Problems unwahrscheinlich macht“, „Auch bei den Todesfällen durch Drogen liege Heroin an erster Stelle“, „Jedes Jahr sterben in Europa am Drogenkonsum zwischen 7000 und 8000 Menschen“ und „Das Spritzen dieser Drogen ist ein Hauptübertragungsweg des HIV-Virus und Hepatitis C“.

Was kann man dazu noch viel sagen? Sicher ist eine der Ursachen für dieses Grauen eine verfehlte Drogenpolitik in den Konsumländern. Wahrscheinlich würde eine staatlich kontrollierte Heroinabgabe an Süchtige einen Beitrag zur Entkriminalisierung des Heroingeschäfts leisten und die Situation verbessern. Und der Glanz des Heroins (und das Geschäft der Heroin-Barone) würde verfliegen, wenn man sich die Droge ganz legal auf der nächsten Polizeistation kontrolliert spritzen dürfte, sich dabei allerdings als Süchtiger „outen“ müsste. Aber anscheinend ist es aus mir nicht einsichtigen Gründen unmöglich, durch eine intelligente Politik der organisierten Kriminalität die Wahnsinnsprofite zu nehmen und Drogen gesellschaftlich zu ächten.

Angesichts obiger Zeilen und Zahlen könnte man auf die Idee kommen, die Welt an Stelle des „Krieges gegen den Terror“ zum „Kampf gegen die Drogen“ aufzurufen. Wenn ich so rechne, ergibt sich, dass die Drogen unsere Gesellschaft und Kultur weit mehr gefährden als der „Weltweite Terrorismus“. Und dann wäre es doch fast logisch, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan „zum Kampf gegen die Drogen“ zu fordern!

Aber die Bundeswehr ist ja schon in Afghanistan und verteidigt sich dort tapfer selbst. Das Thema „Heroinanbau in Afghanistan“ jedoch ist kompliziert und folgerichtig hat es der Bundestag zum Tabu erklärt. Die Bundeswehr vor Ort muss – oder darf (?) – den Anbau ignorieren. Vielleicht schützt sie den Anbau ja sogar unfreiwillig durch ihre Präsenz!?

RMD

P.S.

Der scheidende Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat anlässlich der Vorbereitung der Übergabe der Regierungsgeschäfte an seinen Nachfolger gesagt, dass „dies der erste Präsidentenwechsel seit mehreren Jahrzehnten zu Kriegszeiten“ wäre. Ist das makaber, zynisch, fremd jeder Realität oder einfach dumm? Ich meine, dass wir eigentlich doch ziemlich in Frieden leben. Unser Bundesverteidigungsminister (!) spricht ja auch nur von „einer einseitigen Bedrohungslage“. 🙂 Das ist schön formuliert und leuchtet mir als Radfahrer ein, ich muss ja nur an die Autofahrer denken, wenn ich auf einer Landstraße unterwegs bin. Dann wären Autofahrer ja auch …?

Krieg sieht anders aus – so wie ich das von Menschen erzählt bekommen habe, die den 2. Weltkrieg erlebt haben oder in Vietnam dabei waren. Und wie gering sind die von Terroristen angerichteten Schäden im Verhältnis zu dem Kollateralschaden, den unsere Zivilisation täglich verursacht und den wir alle billigend in Kauf nehmen, wie eben Drogen- oder Verkehrsopfer und vieles mehr. Dies soll aber keine Verniedlichung des Terrorismus sein. Terrorismus ist eine solche Form des Wahnsinns, dass es keinen, aber auch gar keinen Grund gibt, ihn nicht schärfstens zu verurteilen.

Da kann ich nur noch auf zwei Lieder hinweisen: „Imagine“ und „Give peace a chance“ (Vorsicht Musik!) von John Lennon. Und vielleicht auch noch zum Nachlesen die Wikipedia-Einträge: „Imagine“ und „Give peace a chance„.

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