Am Samstag, den 23. August 2008 lese ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Wirtschaftsteil auf der Seite „Die Lounge“ einen Artikel von Stephan Finsterbusch mit dem Titel „Der Verlust der Privatsphäre“. Im Anreisser steht:

„Computer werden ausspioniert, Privatsphären ausgehöhlt. Der gläserne Bürger ist Realität. Es scheint ihn kaum zu kümmern.“

Im Artikel geht es dann so richtig los. Es ist ein Rundumschlag, der auch gar nichts aus lässt. Hier die Liste der „Unworte“ im Originalton: „Internet-Shopping, Bonus-Punkt-Systeme, Persönlichkeitsprofile, Charakterbilder, personenbezogene Informationen als Handelsware, kriminelle Praktiken bei Call Centern, Datenklau, Bundestrojaner, Minikameras auf öffentlichen Plätzen, das milliardenteuere Überwachungssystem auf den Autobahnen, zwangsverpflichtende Zensusbefragungen, ein Bankgeheimnis, das keines mehr ist, der Liechtensteinskandal, Videoüberwachung beim Lidl, Mitarbeiterausspähung beim Gerlach, die Schufa-Holding in Wiesbaden, Computerhacker, die eh schon überall drin sind und nur noch mit den Daten raus wollen, die sogenannten sozialen Netzwerke, die Schwachstellen von Firewalls und die Gefahren von Ajax …“

Prominente wie August-Wilhelm Scheer (jetzt Prasident von Bitkom), Politiker mit IT-Expertise, eine ganze Reihe von Datenschutzbeauftragten und Sicherheitsfachmänner von Firmen wie IBM und HP werden zitiert. Und der Tenor des Artikels: „Alles ist gläsern, die Nutzer wissen nicht, auf was sie sich einlassen, jeder Mausklick, jeder Tastenanschlag, jedes Passwort kann erfasst werden“. Und am Schluss des Artikels kommt der ultimative Ratschlag „zum Schutz gegen Angriffe auf die Privatsphäre: Einfach abschalten!“

Nur gut, dass der Autor nicht weiß, was alles noch kommen wird: NFC (near field connection), das multifunktionale Endgerät als wichtigstes Zahlungsmedium, beliebig viel und alltägliche mobile Nutzung von zentralen Anwendungen, Ende von „WIFI“ und permanentes On-Line sein.

Denn, wenn etwas effizient und praktisch ist, dann setzt es sich auch gegen berechtigte Bedenken durch. Das beste Beispiel ist das Mobiltelefon, vom Deutschen liebevoll Handy genannt. Jeder hat mehr oder weniger Angst vor Strahlung und keiner kann mehr ohne sein „Handy“ leben.

Mein Eindruck: geht es um die Themen „Computersicherheit“ und „den gläsernen Bürger“, dann sehen nicht nur der Herr Finsterbusch sondern viele Menschen in diesem Land hinter jedem Busch zwei Räuber, und bedauerlicherweise hat das Land viele Büsche.

Wo kommt sie her, die Paranoia zu den Themen Computer-Sicherheit und Transparenz durch Datensammlungen?

Das erste (Computer Sicherheit) kann ich mir noch gut erklären. Immerhin kann man als Industrie gut daran verdienen. Jedoch gegen viele Gefahren aus der „bösen Welt des Internets“ kann man sich durch vernünftiges Verhalten sehr gut schützen (Wahl der richtigen Betriebs- und Virensoftware, Einhalten einfacher Regeln). Aber woher kommt das Misstrauen, dass konkrete Gegner danach trachten, uns persönlich auszuspähen? Dass die Feinde von Außen kommen? Die Statistik besagt, dass die Hälfte der Schäden durch IT-Kriminalität durch verlorene Laptops, die andere Hälfte durch Angriffe von Innen erfolgt.

Unsere Wohnungen und Häuser haben in der Regel auch keine Alarmanlagen, sondern nur einfache Sicherheitsschlösser, die man mit einfachen Hilfsmitteln minutenschnell überwinden kann. Und wenn wir unsere Wohnungen so sichern würden wie unsere Netze, dann würde sich eine andere Industrie die Hände reiben. Aber anscheinend entwickeln wir hier keine so extreme Sicherheits-Paranoia wie in der IT.

Aber woher kommt die Angst vor den Datensammlern? Ich meine, das Thema „Manipulation des Konsumenten“ betreffend machen wir denselben Fehler wie unsere Politiker. Wir halten die Bürger (uns selber!) für dümmer und unmündiger, als wir es tatsächlich sind.

Auch die Überwachung hat zwei Seiten. Vielleicht ist es doch gar nicht so schlecht, wenn sinnvolle Regeln eingehalten werden, weil das Risiko des „Erwischt werden und sich der Verantwortung stellen zu müssen“ steigt. Und das Vertrauen, dass mündige Bürger sich freiwillig unter das Gesetz begeben, scheint nun mal eine idealistische Utopie zu sein. Und Gründe, anzunehmen, dass die Quote der zu Unrecht Verurteilten durch die neuen Technologien steigen wird, sehe ich zuerst mal nicht.

Ich erinnere mich noch gut an die – längst wieder vergessene – Aufregung vor ein paar Wochen, als die dunklen Limousinen von Google große deutsche Städte filmten. Es gab eigentlich nur ein triftiges Argument, warum die Gesichter auf den Bildern unkenntlich gemacht werden mussten: Was ist, wenn Google gerade ein Bordell filmt und dabei unbescholtene Bürger beim Verlassen des Etablissments gerade aufgenommen worden sind? Da könnte man auch sagen: Pech gehabt. Es gibt Länder, die verbieten Prostitution und stellen zur Abschreckung Bilder der Freier ins Internet. Finde ich auch pervers. Aber dass die Diskussion auf diesem Niveau statt findet, spricht für sich.

Ich meine, dass wir uns der Entwicklung fügen müssen. Die neue Welt kommt so oder so. Das einzige was wir machen können, ist unsere Regeln vereinfachen und an einer toleranten und gerechten Gesellschaft arbeiten. Gegen die Risiken von WEB 3.0 (hier als Synonym für eine neue transparente Gesellschaft genommen) sollten wir uns wehren, aber die großen Chancen einer transparenten Gesellschaft umso entschlossener nutzen.

Und was die Paranoia angeht, so sollten wir nicht vermeintliche Risiken in den Mittelpunkt unseres Denkens stellen sondern uns viel mehr um die wirklichen und auch ethisch und moralisch nicht einfach zu bewertenden Probleme unserer Gesellschaft sorgen. So wird jede Woche in Deutschland von der Anzahl her ein Dorf durch Verkehrstod ausgerottet, ganz zu schweigen von den weit mehr Verletzten und Behinderten. Das bedroht uns alle persönlich Tag für Tag und wir alle können beitragen, die Bilanz zu verbessern, indem wir ein wenig langsamer und vorsichtiger fahren und uns an die Regeln halten.

Oder: Denken wir an die Gefahren einer – auch durch technologischen Fortschritt – immer unhumaner werdender Medizin. Glücklich, wer in seiner Bekanntschaft keinen Menschen hat, der künstlich am Leben erhalten wird und dies ohne jede Hoffnung auf positiven Ausgang.

Und wir alle werden alt. Vielleicht sollten wir uns mehr Gedanken machen, wie alte Menschen die letzten Jahre ihres Lebens in Würde erleben können. Eines Tages sind wir die Alten, vielleicht lohnt es sich, jetzt schon sinnvolle Vorsorgemaßnahmen zu treffen.

RMD

1 Kommentar zu “Sicherheit und Privatsphäre, über vermeintliche und begründete Ängste”

  1. Chris Wood (Montag, der 25. August 2008)

    I agree with Roland. England, the home of George Orwell, worries much less about data privacy, which may be why CDs full of personal information keep getting lost there. But I don’t think this causes great problems. I think Germany goes too far in protecting privacy against the right to information. This particularly affects employers, who cannot legally find out about possible recruits.
    Privacy has increased greatly in the last few hundred years. When most people lived in villages, the whole village usually knew what they were up to.
    But one thing does worry me. In Germany, one normally signs when paying by credit card, in England, one usually gives a PIN. For a swindle with signature, one can generally point out that the signature was forged. With a PIN, one doesn’t have this chance.

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