Roland Dürre
Samstag, der 22. Mai 2010

Sparen und Schulden

Welt verkehrt

Jetzt will Mutti (im Kabarett aber wohl auch schon im Kabinett ein neues Synonym für das Deutsche Wesen …) die Administrationen der Länder Europas zum Sparen zwingen. Und selber will sie auch sparen. Da die sozialen und politischen Systeme in Europa und wahrscheinlich sogar weltweit sich aber schon lange verselbstständigt haben, wird das nicht gehen. Es wird bei Lippenbekenntnissen und beim Schwindeln bleiben.

Dabei wäre alles viel einfacher.

Man lernt das Sparen am besten, wenn man kein Geld mehr kriegt.

Wenn jemand also insolvent ist, dann muss er dies eingestehen. Und die Suppe ausbaden.

Wie das beim kleinen Bürger auch so ist. Der muss nach seinem Eingeständnis immer noch durch sieben Jahre Privatinsolvenz hindurch. Bis vor kurzem hatte er diese Chance auf einen Neuanfang übrigens nicht, es gab lebenslänglich oder es drohte der Schuldturm.

Beim kleinen Bürger geht es aber um sein einziges Leben. Ob er eine Wiedergeburt oder ein ewiges Leben hat, ist zumindest fraglich. Administrative Systeme sterben und kommen dann wieder – im Gegensatz zu den Menschen.

Sterben und neu entstehen ist der Normalfall, wie die Geschichte immer gezeigt hat. Die langjährige Stabilität ist die Ausnahme, sie war immer sehr endlicher Natur. So geht es nicht darum, den Status Quo stabil zu halten (weil das eben unmöglich ist), sondern den Übergang von System A nach System B mit möglichst wenig Schaden zu schaffen.

Es ist wie bei den Kontinenten: Sie verschieben sich, die Spannungen entladen sich ruckartig in Form von schlimmen Erdbeben.

Die Politik sollte versuchen, die Veränderung zu begleiten, soweit wie möglich zu kontrollieren und die Schäden zu reduzieren.

Der maximale Schaden, der aus der Veränderung von Welt entstehen kann, ist der totale Krieg, der Weltkrieg. Das kennen wir schon. Eine Inflation ist da ein viel minderer Schaden, besonders wenn sie gesteuert und sozialverträglich erfolgt, im Großen (für die Länder) wie im Kleinen (für die Menschen). Und für so etwas braucht man flexible Systeme, so wahrscheinlich auch flexible Währungen, die dem Druck des geschichtlichen Wandels besser folgen können.

Was aber macht die Politik: Sie will das ungeeignete zentrale und starre System retten, indem sie die Geldhähne für evident bankrotte Länder soweit wie irgendwie möglich (und in Sekundenschnelle) aufdreht. Und sich am gemeinsamen schnellen Handeln so berauscht, dass der gesunde Menschenverstand ad acta gelegt und das Nachdenken verboten wird.

Und als Lösung kommt heraus, dass die nur scheinbar nicht aber faktisch genauso bankrotten Länder für die schon offensichtlich bankrotten Länder bürgen.

Wir haben also einen Verein, der aus lauter total überschuldeten Mitglieder besteht, die alle keine realistische Chance mehr haben, ihre Schulden jeweils zu tilgen.

In diesem Verein bürgen die Mitglieder, die zwar noch ein wenig Ansehen haben aber de fakto auch schon pleite sind, für die schon bankrotten Mitglieder, deren Ansehen aber schon (lange) dahin ist. Und immer wenn ein weiterer Bürge ausfällt (was ja zwangsläufig passieren muss), dann bürgen die verbleibenden Bürgen für diesen mit. Was natürlich deren Lage und Ansehen auch nicht förderlich ist.

Da die Zahl der Vereinsmitglieder endlich ist, geht das dann immer weiter. Kurz vor Schluss wird einer zum Letzten, der dann für alle bürgt. Und den beißen dann (auch) die Hunde. So ein System einzurichten, ist natürlich kompletter Unsinn.

Aber unsere Politik baut zurzeit in unfassbarer Eile so ein System auf. Und das alles nur, um ein kaputtes und völlig überholtes Bild von Welt aufrecht zu halten.

Warum sieht die Politik nicht ein, dass sie eine unhaltbare Position verteidigt? Warum setzt sie sich nicht zum Ziel, den wieder mal notwendigen Wandel möglichst sozial verträglich zu steuern? Um den Schaden soweit wie möglich zu minimieren.

Warum werden nur noch Dogmen verkündet? Warum höre ich das Wachstumscredo, dann das Eurocredo und das Stabilitätscredo? Fehlen Mut oder Klugheit? Oder beides?

Wenn man den Staat übrigens durch Geldentzug zum Sparen zwingt, gibt es eine neue Gefahr. Er wird in seiner schier unendlichen monetären Gier das Geld seinen Bürgern stehlen wollen. Das war auch schon immer so.

Geht aber nur, wenn die Bürger es sich gefallen lassen. Also, lasst uns also alle aufrechte und autonome Demokraten bleiben und als selbstbewusste Bürger agieren. Und nicht dem Schwachsinn einer „Alternativlosigkeit“ verfallen.

RMD

P.S.
Wobei ja meine insgeheime private Theorie ist, dass das alles eh keine Rolle spielt, weil es letztendlich nur virtuell ist. So wie die Daten auf meiner Platte irgend wie von einer ganz anderen Natur sind als die Radieschen in meinem Garten.
🙂 Die kann ich mir am Schluss sogar noch von unten anschauen.

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