Roland Dürre
Freitag, der 26. April 2019

„Sparsam Leben!“ oder „Geld ausgeben!“ (???)

Das waren noch Zeiten – DM-Zeiten. Kohle tut gut.

Früher hat man freiwillig gespart, um Geld fürs Alter zurück zu legen. Dazu hat man schon als Kind ein Sparbuch bekommen. Das ist heute gar nicht mehr so einfach und das ist auch nicht weiter schlimm, weil in Nullzins-Zeiten Sparen keinen Sinn mehr macht. Man spart und spart, und am Ende hat man nichts davon. Weil das ersparte Geld nicht mehr viel wert ist. Wegen einer hohen Inflation und keinen Zinsen – beides Dank der Geldpolitik der EZB.

Heute müssen immer mehr Menschen sparen.

Nicht mehr fürs Alter – sondern damit es zum Leben reicht. Und am Ende des Monats dann das Girokonto ein wenig zu früh leer ist. Denn Leben ist teuer geworden. Präziser formuliert, die Mieten, zumindest in vielen Städten, sind so richtig teuer geworden.

Nahrungsmittel sind billig geworden, ich meine so billig wie noch nie.

Ich kenne Leute, die zahlen 1.200 € im Monat kalt für eine kleine Wohnung in München – und finden das oft noch billig. Trotzdem ist das mehr als die Hälfte ihres Netto-Einkommens.

Wenn man eine Wohnung hat, dann braucht man ja nur noch ein wenig Kleidung und Essen.

Kleidung haben die meisten von uns viel zu viel.

Wir stopfen sie in unsere Kleiderschränke. Aber Gebrauchsspuren (man muss ja ordentlich aussehen) und die Mode (man muss ja schick sein) lassen uns weiter einkaufen. Obwohl wir vieles gar nicht mehr brauchen. Konsumismus pur. Und in den Kleiderschränken wird es weiter immer enger.

Betrachten wir das Essen.

Das ist in Deutschland billig wie kaum in einem anderen Land. So habe ich mal die Preise für Basis-Lebensmittel vom Discounter untersucht:


Eier Milch und Mehl

Milch kostet als frische Vollmilch mit  3,8 % Fett  1,05 €, als H-Milch mit 3,5% Fett sogar nur 0,70 €. Das verblüfft mich. Im Verhältnis zu einem Liter Diesel (1,30 €) oder Benzin (1,45 €) ist das doch wirklich spottbillig. Besonders weil da immer noch ein Tetrapak dabei ist. Und beim Autofahren so ein Liter Sprit doch ziemlich schnell weg ist.

Beim Mehl haut der Preis mich vom Stengel. So kostet das Mühlengold Weizenmehl vom Aldi Süd nur 0.39. Jetzt verstehe ich, warum der eine oder andere mit Getreide heizt.

Wenn ich Kuchen backen will, brauche ich noch Eier. Da habe ich drei Varianten im 10er-Pack: aus Bodenhaltung für 1.19 €, Eier aus Freilandhaltung 1.59 €, aus ökologischer Erzeugung 2.69 €. Mag ich gekochtr und gefärbte Eier dann bekomme ich die 10 Stück für 1.89 €. Das klingt doch gut.

Öl brauche ich auch noch.

Ich schau mal nach. Das reine Pflanzenöl aus Raps kostet beim Discounter genauso 0.99 wie auch das reine Sonnenblumenöl. Hi, auch das Öl ist billiger wie Benzin und Diesel. Ob ich das in meinem Tank schütten kann. Oh, ich habe ganz vergessen, dass ich ja nicht mehr Auto und schon gar nicht mehr Diesel fahre.

Kaffee darf auf meiner Liste nicht fehlen.

Da finde ich „Bio Caffè Crema, ganze Bohne“ für 9.49 € und noch besser „Tizio Caffe, ganze Bohne, sortiert“, das Kilo zu 7.49 €. Das haut dem Fass den Boden raus, enthalten diese Preise doch neben der Mehrwertsteuer auch noch die Röststeuer. Diese Kaffeesteuer in Deutschland beträgt laut Wikipedia pro Kilo Bohnenkaffee für Röstkaffee 2,19 Euro je Kilogramm. Für löslichen Kaffee sind es sogar 4,78 Euro je Kilogramm.

Für die Alkoloholiker unter uns ist auch gut gesorgt.

Der billigste Schnaps – ist der Doppelweizenkorn Kornmeister, da gibt es die 0,7-Flasche zu 5.29 und drei Liter Gold Bier der Marke KARLSKRONE gibt es im 6-Pack (6x 0,5 L) für 1.79 €. Zusammen für 7,08 € sollte das für einen Fußballabend vor dem Fernseher alle Mal reichen.

Wer kein Bier mag, dem empfehle ich Rotwein.

Da gibt es beim Discounter die Flasche „Mazedonischer Rotwein“ für schlappe 1.49 € den Liter. Was will man mehr?

Was zum knabbern dazu gibt es auch billig. Da nehmen wir als Chips SUN SNACKS, die 200 g zu 0.79 €. Da legen wir zwei Packungen in den Einkaufswagen und schon kostet uns der Fernsehabend mit 6 halben, einer Flasche Schnaps und zwei Packungen Chips immer noch 8,68 €. Dann nehmen wir noch den Wein für nach dem Spie mit und wir sind knapp über 10,- €.

Als den absoluten Billig-Renner empfinde ich übrigens Apfelmus.

Da gibt es SWEET VALLEY, die 710 g für 0.59 € im Tetrapak. Wer kann das so billig produzieren?

Man sieht, wenn ich bereit bin, billig zu essen, dann lebe ich schon sehr günstig in Deutschland. Ich weiß zwar nicht, wie diese Preise möglich sind und habe den Verdacht, dass da der eine oder andere Arbeiter, Produzent oder Lieferant schon richtig ausgebeutet werden muss.


Warum schreibe ich das alles?

Weil ich die Verhältnismäßigkeit verloren gegangen ist.

Irgendetwas stimmt da nicht, und einiges stinkt da auch. Für ein Zimmer in München zahle ich eine Miete, für die ich ganze Essensberge und T-Shirt-Stapel kaufen kann und nebenher mich auch zu Tode saufen kann.

Was wird passieren, wenn wir als Folge von Klimakrise und Bodenvernichtung nicht mehr genug Weizen produzieren.

Von dem Weizen, der heute so billig ist, dass wir für ein Kilo Mehl (sauber und ordentlich verpackt) nur 0,39 Eurocent zahlen? Für die oben genannte Monatsmiete von 1.200 € würde ich dann mehr als 3 Tonnen Weizen bekommen. Grob gerechnet sind das über 700 Kilo pro Woche, also 100 Kilo am Tag! Was wird passieren, wenn der Weizen knapp wird?

Was passiert, wenn sich die Dinge plötzlich ins Gegenteil verkehren? Irgendwie ist es mir unheimlich und ich bekomme Angst vor der Krise.

Und ich denke an meinen Konsum. Was brauche ich außer Wohnen und Essen noch zum Leben?

Klar – ich will reisen.

Vor kurzem im Regional-Express auf dem Weg von Winterhausen zurück nach Neubiberg sassen einen Teil der Strecke zwei junge Damen mit uns am Vierertisch. Die haben sich natürlich über dritte junge Damen unterhalten. Die eine Woche Mallorca für 250,- Euro gebucht hatten. Wo es 3 Tage „Malle“ schon für 146 € geben würde. „Iiihh, wie kann man nur so verschwenderisch sein“, war deren Meinung zu diesem Thema. Der Ballermann lässt grüßen.

Mobilität ist den Menschen, wie auch mir, sehr wichtig.

Hier hilft es, wenn man verstanden hat, dass man auch ohne Auto gut mobil sein kann. Mit der Kombination von Fahrrad und öffentlichen geht das sogar deutlich besser. Viele Menschen meinen aber, dass sie zwingend ein Auto für ihre mobile Freiheit. Die müssen dann den Rest, der vom Einkommen nach Miete bleibt, zuerst mal fürs Auto ausgeben. Und dann bleibt oft wirklich nur noch der Discounter.

Aber mir wird klar. Wenn ich eine Wohnung habe, dann kann ich auch mit relativ wenig Geld überleben. Wer auch immer dabei geschädigt werden mag.

Kleider haben die meisten von uns  genug.

Da kann man ziemlich lange ohne Neukäufe auskommen. Das praktiziere ich – und es klappt. Ich bin glücklich damit. Keine Anzüge, weiße Hemden und teure Krawatten mehr. Und im Sommer immer nur die alten kurzen Hosen. Mit den vielen geschenkten T-Shirts. Wie herrlich.

Ich versuche regionale Produkte einzukaufen, wie z.B. auf dem Wochenmarkt oder den guten Kaffee vom Supremo. Da sind die Preise ganz anders als beim Discounter. Der Kaffee kostet das 2,5 Fache. Mir geht es gut und ich kann es mir leisten. Damit möchte ich anderen das Überleben ermöglichen und den Raubbau reduzieren. Aber wahrscheinlich gelingt mir das gar nicht?

Dazu ein Gedankenexperiment:

Was passiert, wenn ich jemandem, den ich mag und der knapp bei Kasse ist, z.B. 10.000 € schenke? Ich fürchte, dass er sich dann sofort ein Auto kauft oder eine Flugreise in ein „Paradies“ macht. Also seinen Kohlendioxid-Fußabdruck sofort wesentlich erhöht. Und das will ich ja nicht.

Vielleicht wäre die beste Lösung, dass ich mein Geld verbrenne. Nicht an der Börse, weil dann hat das Geld ja auch wieder ein anderer. Nein, im eigentlichen Sinne des Wortes.

Nur wird das auch nichts helfen. Weil eine einseitig orientierte EZB ganz schnell neues Geld kreiert (früher hätte man „druckt“ gesagt). Um die Wirtschaft anzukurbeln und den Zusammenbruch der EURO-geschädigten Nationen aufzuhalten.

RMD

P.S.
Die Preise habe ich am 24. Mai 2019 der Website Discounter-Preisvergleich entnommen. Die Barbara hat mich darauf hingewiesen, dass manche Produkte (wie z.B. der Liter „Frischmilch“) deutlich billiger sind als von mir geschrieben.

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