Roland Dürre
Montag, der 18. August 2014

Start-up (2) – Die eigene Gründung (1983)

Seit Beginn der 80iger hat mich die Selbstständigkeit gelockt. Zum einen, weil (wie auch bei vielen mir bekannten Gründer von heute) ich ein Unternehmen eigenverantwortlich mitbestimmen und so auch mehr Freude an der Arbeit haben wollte, zum anderen, weil (wie erstaunlicherweise nicht so viele der mir bekannten heutigen Gründer) ich mehr Geld verdienen wollte.

So habe ich den „idealen Partner“ gesucht (nicht die „ideale Geschäftsidee“, weil ich damals schon der Meinung war, dass es diese nicht gibt). Auch den „idealen Partner“ zu finden war nicht leicht, aber glücklicherweise habe ich nach einem guten Jahr Wolf Geldmacher gefunden. Er brachte große unternehmerische Kraft mit und war genauso für Bodenständigkeit ich.

Mit Wolf ging die Gründung der „InterFace Connection Gesellschaft für Datenfernverarbeitung und Entwicklung von Software mbH“, dem Vorgänger der InterFace AG, schnell. Unser Thema war IT und Unix. Auf dem „neuen“ Unix wollten wir ein erfolgreiches Produkt bauen. Wir gingen davon aus, dass Dienstleistung nur schwer zu skalieren ist. Schon 1983 (vor der Gründung in 1984) waren wir in Sorge, ob Body-Leasing ein Geschäft von Dauer sein würde. Bei strenger Auslegung schien uns schon damals, dass das Geschäft mit Body Leasing („Arbeitskräfte-Überlassung“ AÜG) sich in einer gesetzlichen Grauzone zu befinden. Das war auch ein Grund, warum wir ein Produkt machen wollten.

Als solches hatten wir uns ein bürotaugliches Schreibsystem auf Unix ausgedacht, den HIT. Aus heutiger Sicht war das ein wahnwitziges Unterfangen, das uns überraschender Weise gelungen ist. Ganz verstehe ich es bis heute nicht.

Schon nach wenigen Jahren waren wir das mit Abstand erfolgreichste Textsystem auf Unix in Europa. Es war wie ein Traum!

In der Retrospektive habe ich Menschen und wesentliche Voraussetzungen oder Ereignisse gefunden, ohne die es nie geklappt hätte. Wir waren einfach zum richtigen Zeitpunkt unterwegs und hatten unheimlich viel Glück, dass vieles gepasst hat.

Das Gespann „Wolf & Roland“

Wir haben schon Anfang der 80iger Jahre beide an „agil, lean und open“ geglaubt. Wir waren für Selbstorganisation und Selbstbestimmung, haben unsere Ideen und unseren Anspruch formuliert und unsere Teams machen lassen. Das alles in großer Gemeinsamkeit.

Für die SW-Entwicklung hatten wir eine private Methode erfunden und gelebt, die man heute SCRUM nennen würde. Wolf war der „SCRUM-Master“ (und mehr). Er war für die Technologie und die Menschen zuständig. Er hat die Kollegen zur Qualität gebracht und ihnen klar gemacht, dass sie Qualität leben müssen, dies zu allererst für sich selbst. Und ich war so etwas wie der „Product Owner“ und kaufmännische Leiter.

Anton Böck

Meine Eltern hatten es geschafft, mich in Augsburg 1960 auf die wirtschaftswissenschaftliche Oberrealschule Jakob Fugger zu bringen. Später wurde das dann auch zum Gymnasium umbenannt, bis 1960 war es eine Handelsschule. Stenografie und Schreibmaschine schreiben waren dort bis 1960 sogar Pflichtfach, dann Wahlfach. Mein Vater zwang mich beides zu Lernen, weil er die beiden Techniken als unerlässlichen Vorteil im Kampf des beruflichen Lebens erachtet hat.

Anton Böck war mein Lehrer. In Steno war ich klasse. Wenn ich zu Hause zum Lernen verurteilt war, habe ich stunden lang Steno gemalt. Für mich war das wie Kaligraphie, wunderschön. Herr Böck war ein strenger Lehrer und, wegen Steno hat er mich gemocht und mich auf die Schreibmaschine gezwungen. Die Schreibmaschine habe ich gehasst und ich habe deshalb schon mit 16 davon geträumt, wie eine „schöne“ und „liebe“ Schreibmaschine funktionieren müsste.

Es klingt vielleicht ein wenig lächerlich, aber ich bin mir sicher, ohne diese frühe Erfahrung mit dem Generieren von Text wäre die InterFace Connection nie zu einem Produktunternehmen geworden.

Die Fächer Buchführung und BWL, die auch am „wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium“ gelernt habe, waren für die Gründung durchaus nützlich, aber nicht so zwingend notwendig.

Hans Strack-Zimmermann

Hans war mein Mentor und der Mann, der UNIX in Europa und bei Siemens (hier unter dem Markennamen Sinix) groß gemacht hat. Ich war von ihm und seiner Vision überzeugt und er hat an unser Team geglaubt. Das hat natürlich vieles vereinfacht.

Der Erfolg hat uns aber Recht gegeben.

Dr. Peter Schnupp

Peter war IT-Pionier der zweiten Generation (ich sehe die Generation Zuse als die erste und mich als Teil der dritten). Als Unternehmer (der Gründer von Softlab), IT-Experte, Kolumnen-Schreiber in der Computer-Woche und aufgrund weiterer Aktivitäten war er bekannt und hatte als Experte einen sehr guten Ruf.

Peter gelang es, für uns die strategische Entscheiderin einer Großbehörde zu überzeugen, dass die Zukunft der IT auf UNIX basieren würde und es da ein tolles lokales Produkt für Text gäbe.

Ohne diesen Glücksfall wäre das Projekt CLOU/HIT nie erfolgreich geworden.

Meine Projekte

Schon als junger SW-Entwickler bei der Siemens AG hatte ich in der Mitte der siebziger Jahre eine tolle Aufgabe. Im Rahmen der Entwicklung von Transdata habe ich das „Connection Handling“ entwickelt und an der Entwicklung von „APS“ (Anwender-Programmier-Sprache) mitgearbeitet. Connection Handling ist von zentraler Bedeutung bei „Datenfernübertragung“, wie es damals hieß. Mit APS war es möglich, Verarbeitungsleistung schon in lokalen „Datenstationsrechner“ (Betriebssystem PDN) auszulagern und so erstmals das zentrische Prinzip der Main Frames zu durchbrechen.

Mit diesem „Herrschaftswissen“ konnte ich mich sehr schnell bei Großprojekten profilieren und wechselte dann ganz logisch zu der Abteilung „Sonderprojekte Vertrieb“ bei der Siemens AG. Dort war mein wichtigstes Projekt DISPOL, ein zentrales Projekt der bayerischen Polizei, da sich Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre die Aufgabe gestellt hatte den Aktenschrank (Daten), die Schreibmaschine (Dokumente) und den Fernschreiber (Kommunikation !) durch die Einführung von EDV abzulösen.

Dieses Projekt habe ich bis zur Gründung begleitet und dabei die Anforderung der Kunden und den Markt der Behörden erlernt.

Ohne diese Vorgeschichte wäre HIT/CLOU niemals ein erfolgreiches Produkt geworden.

Die Menschen bei InterFace

Wir haben für die Produktentwicklung ganz jungen Menschen eingestellt, die oft noch als Studenten zu uns kamen. Und es waren (fast) immer die richtigen. In rasanten Tempo haben diese Menschen sich zu zentralen Leistungsträgern entwickelt und eine hohe Verantwortung übernommen.

Richtige Prinzipien

Ergänzend zur Produktentwicklung hat sich wie zufällig eine qualifizierte Beratung und Zusammenarbeit mit Siemens im Bereich „Unix-Betriebsystem“ entwickelt. Wir saßen fachlich an der Quelle und haben bei unserem Betriebssystem-Partner vieles gelernt, das uns sehr geholfen hat. So haben wir früh Werkzeuge genutzt, die in Europa noch gar nicht verbreitet waren. Und vieles beigetragen, wie den „National Language Support (NSL), der dann sogar in XOPEN aufgenommen und Basis aller Unix-Systeme wurde.

Wir haben Methoden angewendet (oder besser intuitiv erfunden) wie 4-Augenprinzip beim Programmieren, peer2peer-Reviews, „extrem programming“, Entwickler-Rotation und manches mehr. Das waren Methoden, die es damals noch gar nicht gab, die uns aber mehr als wesentliche Vorteile betreffend Entwicklungsgeschwindigkeit, Anwenderorientierung und Qualität brachten (und die bis heute noch Immer nicht überall genutzt werden).

Unsere Entwickler hatten immer direkten Kundenkontakt. So haben unsere Entwickler die HIT-Schulungen für die Endkunden selbst gehalten und so die Kundenwünsche verstanden.

All das hat wesentlich zur Güte des Produktes beigetragen.

Finanzierung

Die Schwierigkeit unseres Vorhabens war uns bewusst. So haben wir in der ersten Phase der Grundentwicklung uns den Aufwand mit IF-Computer geteilt. Für die zweite Phase der Vermarktung hatten wir eine Aufgabenteilung vorgesehen. Wir wollten das Basis-System weiter entwickeln und den erwarteten Groß-Kunden Siemens betreuen. InterFace Computer war geplant für die Portierungen auf die vielen anderen Unix-Systeme und sollte den Vertrieb für weitere Hardware-Hersteller und Partner übernehmen.

Aber auch nur die Entwicklung des Produktes brauchte eine kräftige „man power“. In 1984 und dem folgenden Jahr lösten wir das auf eine einfache Art und Weise. Wolf Geldmacher und ich verdingten uns als Berater. Um Produkt und Team kümmerten wir uns an den Abenden und bei Bedarf Samstagen.

Als Berater hatten wir einen Stundensatz von 150,- DM. Das war herausragend und nur durchzusetzen, weil amerikanische Consultant mit vergleichbarem Know-how deutlich teurer waren.

Jetzt kann man mal einfach rechnen: Ein guter Monat bringt 200 Mannstunden (wir waren sehr fleißig). Mit 150,- DM multipliziert waren das schlappe 30.000 DM in guten Monaten. Bei unserem Gehalt damals von 5.000 DM, brutto als so um die 6.000 blieben 18.000 für Hardware, die Heidi (unsere Assistentin, die von Anfang an dabei war) und unsere Studenten, die Produktentwickler.

Schon wenige Monate nach der Gründung am 1. April 1984 konnten wir noch zwei junge Informatiker für uns gewinnen und die sofort als Consultant einsetzen. Die beiden erbrachten einen Deckungsbeitrag in ähnlicher Höhe. Und ab Ende 1995 hat dann das Produkt für schnell steigende Deckungsbeiträge gesorgt.

Die Situation

Es gab weiter eine Reihe von glücklichen Umständen, die uns sehr geholfen haben.

So hatte Siemens ein sehr großes Projekt gestartet mit dem Ziel der Entwicklung eines eigenen Textsystems für BS 2000 und Unix. Obwohl diese Projekte mit einer Personalstärke besetzt waren, die eine mehrfacher Kopfstärke hatte als unser Entwicklungsteam und auch die Entwickler in den Siemens-Projekten alle gestandene SW-Entwickler (im Gegensatz zu unseren jungen Leuten) waren, kamen diese Projekte nie auf einen grünen Zweig und sind dann mehr oder weniger komplett gescheitert.

Der Konzern Siemens brauchte aber solche Software für seine Ziele und musste bei zwei Lieferanten in Lizenz zu kaufen – einer davon waren wir. So wurden wir auf Unix der Lieferant und Lizenzgeber des damaligen Marktführers in Deutschland.

Das technische Zeitfenster war auch auf unserer Seite: Zum einen löste Unix damals die zahlreichen verschiedenen Rechnersysteme der „mittleren Datentechnik“ MDT ab. Wir kamen also wieder zufälliger Weise mit unserem Produkt HIT genau zum richtigen Zeitpunkt .

Es war auch die Zeit, in der sich der Einsatz von Datenbanken stark verbreiterte. Brandneu wurde SQL als „query language“ auf natürlicher Sprachbasis definiert. Es gab sogar eine deutsche Fassung von SQL!

Was lag näher als die HIT ergänzende 4GL CLOU (zur Programmierung von Textbausteinen) um eine „embedded SQL“ zu erweitern, die es plötzlich möglich machte während des Ablaufs des Baustein-Programms dynamisch generierte Abfragen an eine Datenbank zu senden und die gefunden Daten dann automatisch bei der Dokument-Erstellung zu nutzen. Das war eine richtige Sensation, die genau zum richtigen Zeitpunkt kam.

Viel Glück und nur ein wenig Pech

Der Mut einer großen Bundesbehörde, auf eine völlig neue Technologie eines ganz kleinen Herstellers zu setzen, war sicher etwas besonderes. Eine wunderbare Marktentwicklung zu Gunsten von UNIX. Zahlreiche weitere mutige und für uns glückliche Kundenentscheidungen. Ein Super-Team …

Es gab auch Probleme

Die Hardware für die Entwicklung war sündteuer. Schon 1985 mussten wir eine MX500 erwerben – die damals einen Listenpreis von mehreren 100.000 DM hatte. Das war für uns unvorstellbar viel Geld. Es war aber klar, dass wir ohne dieses System die notwendige Entwicklungsgeschwindigkeit nicht schaffen würden. Und schon zwei Jahre später gehörte diese Maschine zum alten Eisen, wir entwickelten über Nacht auf SUN und den neuen schnellen PC’s mit diversen Unix-Varianten.

Auch InterFace Computer war auf lange Sicht der falsche Partner, die strategische Kooperation funktionierte nicht mehr. So waren wir gezwungen, die Rechte am Produkt zu kaufen. Das war eine schwere Investitions-Entscheidung, die sich aber im Nachhinein bezahlt gemacht hat.

Weitere notwendige Voraussetzungen

Es gibt da sicher noch mehr Ursachen, Zufälligkeiten, ohne die das Unternehmen HIT/CLOU gescheitert wäre. Zum Teil Dinge, die ich gar nicht mehr weiß oder mir so nicht bewusst sind. Aber ohne all das Beschriebene hätte es zumindest die InterFace Connection als Hersteller von HIT/CLOU nicht gegeben. So habe ich auch bei jedem beschriebenen Punkt die Aussage wieder holt, dass ohne diesen Umstand / Zufall es nicht geklappt hätte. All das war notwendig für den Erfolg. Und ich wundere mich im Nachhinein, wie diese kühne Unternehmung überhaupt gelingen konnte.

Mit diesem Artikel möchte ich am eigenen Beispiel zeigen, wie unvorstellbar viele Bedingungen erfüllt sein müssen, um Erfolg zu haben. Das soll auf keinen Fall entmutigen, aber auch zeigen, dass gründen nicht so ganz einfach ist und ein pragmatischer Ansatz nicht schadet. Zumindest meine ich, dass Gründer aus dieser Geschichte viel lernen können und bin gerne bereit diesen Use Case mit Euch auch interaktiv und persönlich zu diskutieren.

RMD

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